Die neue „Polizeiruf 110“-Folge aus Magdeburg greift ein gesellschaftlich brisantes Thema auf: den Konflikt um Schwangerschaftsabbrüche und die Spannungen zwischen Befürwortern und Gegnern von Abtreibungen. Ausgangspunkt ist der Mord an einer jungen Arzthelferin einer gynäkologischen Praxis. Marwa Gula – die 25-jährige Medizinische Fachangestellte stammt aus Libyen – kommt auf dem Nachhauseweg bei einem Verkehrsunfall zu Tode, weil die Bremsleitungen an ihrem Fahrrad manipuliert waren. Hauptkommissarin Doreen Brasch führt die Ermittlungen in dem Tötungsdelikt in ein Umfeld aus Aktivismus, Hass und persönlichen Konflikten.
Da ist Dania, eine junge Frau aus Polen, die heimlich in Deutschland eine Abtreibung durchführen lassen will. Daheim hat sie alkoholisiert mit dem Freund der besten Freundin geschlafen und ist nun schwanger. Ein Kind aber stünde dem Abitur und ihrem Plan vom Leben im Weg. Obwohl sie unsicher über ihre Entscheidung wirkt, will sie das Kind nicht austragen.
Auf dem Weg bis zur Abtreibung wird sie von Lara begleitet, einer Frauenrechts-Aktivistin. Als „Abortion Buddy“ kümmert sie sich ehrenamtlich um alleinstehende Frauen, die abtreiben wollen. Lara kümmert sich fürsorglich um Dania, von ihrem todkranken Vater will sie dagegen nichts wissen. Er hat sie, wie sich später herausstellt, jahrelang krankenhausreif geprügelt. Vermutlich ein Grund, warum die Aktivistin im Film zwischen aggressiver Wut gegenüber Abtreibungsgegnern und wutvoller Verbitterung gegenüber ihrem Vater hin- und hergerissen wird.
Vorhersehbar: Die Fundamentalisten-Keule
Und da ist eine kleine Gruppe von Abtreibungsgegnern, die in der Folge unter dem Titel „Your Body My Choice“ vor der Praxis von Dr. Doro Schöller-Hahnfeld – dort hat das Opfer gearbeitet – mit Transparenten („Ich hatte keine Stimme, aber ein Herz“) gegen Schwangerschaftsabbrüche demonstrieren, beten und singen. Sie tun das aus „friedlichen“, erkennbar religiösen Motiven.
Dass die Ärztin die Gruppe im Film „christliche Fundamentalisten“ nennt, war irgendwie vorhersehbar. Ebenso, dass das Wort „Gehsteigbelästigung“ fällt. Auch, dass sich die Medizinerin darüber beklagt, dass das gesellschaftliche Klima in Punkto Abtreibung immer schlechter werde. Die Gynäkologin, die von „militanten Abtreibungsgegnern“ Hass- und Droh-Emails erhalten hat und deshalb erfolglos die Polizei und einen privaten Sicherheitsdienst eingeschaltet hatte, will ihren Job aber nicht „Pfuschern mit Stricknadeln“ überlassen. Die Kommissarin stellt dazu fest: „In machen Dingen bewegen wir uns rückwärts, nicht vorwärts.“
Und zu guter Letzt ist da auch noch Maik Gerboth, der im Film als hilfsbereiter junger Mann vorgestellt wird. Weil er mehrfach im Umfeld der Abtreibunspraxis sowie der Abtreibungsgegner auftaucht, wird die Ermittlerin auf ihn aufmerksam.
Ermittlerin Brasch steht vor der Frage, ob der Anschlag eine direkte Botschaft an die Abtreibungs-Praxis war, oder ein ganz anderes, persönliches Motiv hinter dem Mord steckt. Sie muss ergründen, ob Vorwürfe gegen die Ärztin berechtigt sind, die Abtreibungsgegner wirklich so „friedlich protestieren“, wie sie vorgeben – und wird dabei mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert. Denn die Polizistin war selber von Jahren ungewollt schwanger, wollte eine Abtreibung, entschied sich aber letztlich dagegen. Zu ihrem Sohn hat sie keinen Kontakt mehr. Auf die Frage, ob sie bereut hat, die Abtreibung nicht durchführen zu lassen, gibt die Ermittlerin der Aktivistin keine Antwort. Das sagt viel.
Der „Polizeiruf“ des MDR besticht mehr durch die vielschichtige Erzählweise als durch knisternde Krimi-Spannung. Regisseurin Franziska Schlotterer und Autorin Annika Tepelmann werden dabei durchaus politisch. Etwa, als in einer Versammlung von „Magdeburg für das Leben“ – einer Gruppe von Lebensschützern – von einem Lokalpolitiker markige Worte über christliche Werte contra Islamisierung ins Feld geführt werden und dafür Protest erntet. Letztlich wird die Versammlung gar durch „My Body my choice“-Aktivistinnen gesprengt.
Die Schauspieler stellen die krassen Unterschiede in den Gefühlswelten der handelnden Personen sehr gut dar. Der Film ist ingesamt mehr ein gesellschaftliches Drama um ein hochbrisantes Thema denn ein klassischer Krimi. Leider ist am Ende das Strickmuster der Handlung zu einfach, um als mehr als als solide Abendunterhaltung zu punkten.
„Polizeiruf 110: Your Body My Choice“, ARD Mediathek (gesendet am 08.03. 20:20 Uhr)