Worte mit Wirkung: Glaube im Radio

Anna-Maria Balbach hat Radiopredigten wissenschaftlich untersucht und dabei festgestellt: Katholiken reden anders als Protestanten. Auch bei Radiopredigern der NS-Zeit und in der DDR stellte sie besondere Muster fest.
Von Jörn Schumacher
Seit es das Radio gibt, wird auch die christliche Botschaft auf diesem Weg verbreitet

Anna-Maria Balbach konnte sich vor ihrem eigenen Studium zunächst nicht für das richtige Fach entscheiden: Germanistik oder Theologie? Die Katholikin entschied sich für beides. Sie studierte in Münster, und von Anfang an sollten sich die beiden Themen in ihrer Hochschulkarriere immer wieder überschneiden. Schon als wissenschaftliche Hilfskraft war sie beteiligt am DFG-Forschungsprojekt „Kanzleisprache des 17. Jahrhunderts: Untersuchungen zu Sprache und Kommunikation in Hexenverhörprotokollen“.

Später untersuchte sie in ihrer preisgekrönten Dissertation das Thema „Sprache und Konfession“, und Balbach fragte danach, wie sich die deutsche Sprache nach der Reformation durch Martin Luther sowie die Gegenreformation verändert hat. „An den historischen Dokumenten kann man sehen, dass die Katholiken manche Dinge anders schrieben als Protestanten“, sagt die Forscherin gegenüber PRO. Danach wollte sie wissen, ob sich dieser Unterschied auch heute noch festmachen lässt. Sie und ihr Team analysierten ein riesiges Textkorpus von 29.000 deutschsprachigen Radiopredigten aus den vergangenen zehn Jahren; hinzu kommen auch Radiopredigten aus der NS-Zeit und der DDR. Es handelt sich um die bislang größte Datenbank dieser Art.

Luthers Spuren noch heute hörbar

Es stellte sich schon bald ein Unterschied dabei heraus, wie oft bestimmte Nomen im religiösen Wortschatz vorkommen. Das spiegele gut die theologischen Unterschiede zwischen den beiden Konfessionen wider, erklärt Balbach. „Bei den Protestanten gab es viel mehr Wörter in Bezug auf die Reformation.“ Zudem ist aus naheliegenden Gründen etwa in den protestantischen Texten von „Pfarrerinnen und Pfarrern“ die Rede, während in katholischen Predigten Pastoren, Priester oder der Papst auftauchen. Wörter wie Kommunion, Hostie, Firmung verweisen auf die Sakramente, bei den Protestanten ist eher die Rede von Konfirmation und allem, was damit zu tun hat.

Anna-Maria Balbach wurde dafür ausgezeichnet, dass sie ihre Forschung zu Sprache, Religion und Kultur verständlich, lebendig und ansprechend vermittelt (Foto: Germanistisches Institut Universität Münster)

„Am auffälligsten aber war, dass die protestantischen Predigten viel häufiger konkrete Bibelverse und Namen aus der Bibel aufwiesen“, sagt Balbach. „Bei den katholischen Texten hingegen kam das Wort ‚Kirche‘ häufiger vor; überhaupt wurden hier kritische Fragen rund um die Institution Kirche häufiger angesprochen als bei den Protestanten.“ Luthers inzwischen 500 Jahre alter Grundsatz „Sola Scriptura“ ist also offenbar bis heute erkennbar.

Die Protestanten geben in ihren Radiopredigten öfter Bibelgeschichten wieder, legen sie aus und strukturieren ihre Predigten entsprechend, ist eine Erkenntnis der Studie. Die katholischen Autoren wenden beim Textaufbau eher eine Methode des Storytellings an, so Balbach. Sie verpacken also die Informationen in eine strukturierte Erzählung, um beim Publikum eine gezielte emotionale und kognitive Wirkung zu erzielen. Auch in der Satzlänge gab es Unterschiede. „Die Katholiken verwenden etwas längere Sätze als die protestantischen Kollegen“, sagt die Sprachwissenschaftlerin.

Zu den Gründen haben die Forscher allerdings bislang keine Antworten gefunden. Ein Klischee, dass etwa katholische Predigten mehr lateinische Begriffe enthalten, bestätigte sich nicht. Zusammenfassend stellt Balbach fest: „Beide Konfessionen nutzen eine sehr moderne Sprache mit einfachen, kurzen Sätzen ohne viele Fachtermini. Das ist ja auch nachvollziehbar, denn im Radio muss der Zuhörer die Sätze beim ersten Hören sofort verstehen.“ Freikirchliche Radiopredigten gab es zwar auch, doch das waren wenige, und sie gingen statistisch im protestantischen Textkorpus auf.

In der Diktatur über Freiheit gepredigt

Sprachgeschichtlich gesehen gab es im neuzeitlichen Deutschland schon länger eine Tendenz, eine einheitliche deutsche Sprache zu finden, erklärt die Sprachforscherin. Das war im Heiligen Römischen Reich mit seinen vielen kleinen Territorien und Dialekten angesichts des zunehmenden Handels auch viel praktischer. „Luther mit seiner Bibelübersetzung kam zur richtigen Zeit“, sagt die Expertin und fügt hinzu: „Die katholischen Teile in Deutschland lehnten die lutherische Sprache allerdings zunächst bewusst ab.“ Erst mit der Zeit, spätestens im 19. Jahrhundert im Zuge der Nationalbewegung, wurde die deutsche Sprache einheitlicher.

Die Forscherin interessierte auch, wie in den Radiopredigten speziell über das Thema „Freiheit“ gesprochen wurde. Im stark von Zensur geprägten Nationalsozialismus etwa hätten die Redner über eine „innere Freiheit“ gesprochen, die man als Christ gewinnen kann. „Doch die benutzten Wörter und der Kontext waren immer auch so gewählt, dass man die Botschaft von der Freiheit auch politisch verstehen konnte“, so Balbach. „Etwa dass Freiheit alle Menschen gleichermaßen betrifft.“ Ähnliche Strategien haben die Forscher in den Radiopredigten in der DDR gefunden. „Hier gab es eine siebenfache Zensur“, sagt Balbach. „Dann haben die Sprecher etwa viel über Vorbilder gesprochen, die sich nicht haben unterkriegen lassen.“

Im Wintersemester möchte Balbach das „Wort zum Sonntag“ mit Studenten genauer untersuchen. Sie hat bereits die Predigten der vergangenen 20 Jahre von den jeweiligen Kirchenredaktionen der ARD erhalten. „Zum einen möchte ich die Unterschiede, die wir in den Radiopredigten herausgearbeitet haben, auch in den Fernsehansprachen suchen. Zum anderen ist es doch schön, wenn man das, woran man glaubt, auch wissenschaftlich analysieren kann.“

120 Jahre Kirche im Radio: Seit es Radio gibt, wird der christliche Glaube darüber verbreitet. Die erste Radiosendung lief an Heiligabend 1906 über den Äther und erreichte vor allem Matrosen an der amerikanischen Ostküste. Dem kanadischen Erfinder Reginald Fesseln gelang es als Erstem, Sprache und Musik zu senden. Und so spielte er dem Anlass gemäß „Stille Nacht, Heilige Nacht“ live auf seiner Violine und sang dazu. Seine Frau las die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel vor. Die erste deutsche zivile Radiosendung war ein Weihnachtskonzert am 22. Dezember 1920, ausgestrahlt von der Hauptfunkstelle der Deutschen Reichspost in Königs Wusterhausen. Hobbymusiker unter den Postbeamten musizierten eine Stunde lang Weihnachtslieder, darunter auch „Stille Nacht“. Die Weihnachtsgeschichte wurde ebenfalls vorgetragen. Ende Oktober 1923 nahm die erste Rundfunkstation in Berlin ihren Betrieb auf – und schon einen Monat später sprach mit Georg Siebert erstmals ein Geistlicher im Rahmen einer „Morgenfeier“ im Radio. Schon bald hatten die Kirchen, die der neuen Technik als Verkündigungskanal anfangs teilweise skeptisch gegenüberstanden, mit den „Morgenfeiern“ an Sonn- und Feiertagen einen festen Platz im Radioprogramm.

Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 5/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.

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