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World Vision Kinderstudie: „Ich wäre gern schlauer“

B e r l i n (PRO) - Schon Grundschulkinder nehmen soziale Unterschiede und Armut in Deutschland sehr genau wahr. Dies zeigte die erste Kinderstudie des christlichen Hilfswerks World Vision, die am Mittwoch in Berlin veröffentlicht wurde.
Von PRO

Die World Vision Kinderstudie zeigt, dass es vielen Kindern in Deutschland gut geht und sie mit ihrem Lebensumfeld zufrieden sind. Laut der Studie sind sich aber Kinder aus den unteren Schichten über ihre Aussichten auf niedrigere Schulabschlüsse und schlechtere Startchancen ins Berufsleben bewusst. Deutlich geworden sei dies bei der Frage nach der Schulperspektive, so der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann. „Die schlechteren Startchancen von Kindern aus den unteren Herkunftsschichten prägen alle Lebensbereiche und wirken wie ein Teufelskreis. Wie ein ‚roter Faden‘ zieht sich eine Stigmatisierung und Benachteiligung dieser Kinder durch das ganze Leben hindurch“, so Hurrelmann. Er leitete die Umfrage zusammen mit der Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen.

„Kinder brauchen eine feste Tagesstruktur“

Gerade die Kinder arbeitsloser Eltern beschweren sich über einen Mangel an Anregungen, Zuwendung und festen Tagesstrukturen. Rund ein Viertel der befragten Kinder verbringt mehrere Stunden am Tag vor dem Fernseher oder dem Computer. Auffällig ist, dass vor allem Jungen aus sozial schwachen Familien einen hohen Medienkonsum zeigen. Dass die Zukunft für diese Kinder nicht sehr chancenreich aussieht, weiß auch der 10-jährige Dennis. „Ich wäre gern schlauer“, sagte er in einem Interview. Im Gespräch mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) sagte Hurrelmann, dass diese Studie zum ersten Mal sehr deutlich zeige, dass die Freizeitgestaltung der Kinder massiv über ihre Chancen im Bildungssystem entscheide. „Die Kinder, die sehr vielfältigen Tätigkeiten nachgehen, also basteln, spielen und mit Kunst oder Musik aufwachsen, schneiden gut ab, während die, die passiv sind und zum Beispiel sehr viel fernsehen, sehr schlecht abschneiden.“

Weiter betonte Hurrelmann, dass eine geregelte Erwerbstätigkeit der Eltern die häuslichen Verhältnisse stabilisiere. „Entscheidend ist für Kinder nicht die Berufstätigkeit der Eltern, sondern die Verlässlichkeit der täglichen Betreuung, die Strukturiertheit des Alltags. Wann stehen Mutter und Vater – und sei es auch nur für einen kurzen Zeitraum – zur Verfügung“, so der Sozialwissenschaftler. „In Familien mit arbeitslosen Eltern gibt es keine feste Alltagsstruktur.“ Ein geregelter Tagesablauf bei Kindern sei aber sehr wichtig. Laut der Studie haben viele Mädchen und Jungen aus sozial schwachen Familien Angst davor, dass ihre Eltern arbeitslos werden. Rund 13 Prozent aller Kinder haben diese Situation bereits erlebt.

Weniger körperliche Gewaltanwendung in Familien

Die Studie zeigt außerdem, dass Kinder in Deutschland sehr stark auf ihre Eltern fixiert sind. Sozialwissenschaftler sähen hierin ein Problem, berichtet die Tageszeitung „Der Tagesspiegel“. Denn dadurch habe nur der Nachwuchs aus gebildeten und besser situierten Familien gute Chancen in der Zukunft. Kinder berufstätiger Eltern seien zufrieden mit ihrem Leben, da sich die Eltern gezielt Zeit für ihren Nachwuchs nähmen. Nur 17 Prozent beklagten sich, dass ihre Eltern zu wenig Zeit mit ihnen verbrächten. Hingegen fühlt sich etwa ein Drittel der Kinder arbeitsloser Eltern vernachlässigt. Schlechter geht es Familien erwerbstätiger Alleinerziehender, bei denen sich 35 Prozent der Kinder nicht genügend von ihren Familien beachtet fühlen.

Dennoch lobt die Mehrheit der Kinder ihre Mütter. Die Väter sehen sie kritischer. Sie wünschen sich aber dennoch mehr Zeit mit ihnen. Nur etwa sechs Prozent der Kinder beklagten sich über Dauerstreit in der Familie. „Auch die Zahlen körperlicher Gewalt, zum Beispiel Ohrfeigen, sind im Vergleich zu früheren Studien deutlich zurückgegangen“, so Hurrelmann gegenüber dem WDR. Etwa 14 Prozent der Befragten erzählen von Schlägen zu Hause. „Wenn die Familie jedoch Schwierigkeiten hat, die Eltern selbst nicht mit ihrer Lebenssituation zurecht kommen, dann merken die Kinder das sofort“, fügte der Sozialwissenschaftler hinzu.

Für die Studie befragte das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest Sozialforschung im Auftrag des Kinderhilfswerks World Vision rund 1600 Kinder im Alter von acht bis elf Jahren in ihrem Wohnumfeld. Das Ziel war, ein repräsentatives Bild von der Lebenssituation, den Wünschen, Bedürfnissen und Interessen der jüngsten Generation zu entwerfen. Weiter will World Vision mit der Studie klare Leitlinien für politisches und gesellschaftliches Handeln geben. Die Umfrage erscheint voraussichtlich im November als Taschenbuch im Fischerverlag.

Lesen Sie die Ergebnisse der Studie online unter: www.worldvisionkinderstudie.de.

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