Darf die das? Seit Samstag diskutiert Deutschland mehr über Marie-Agnes Strack-Zimmermann als über den neuen FDP-Chef Wolfgang Kubicki. Der Grund: In letzter Minute gab die Europapolitikerin überraschend bekannt, dass sie gegen den ehemaligen Bundestagsvizepräsidenten im Kampf um das Amt des Parteichefs antreten würde. Kubicki hatte sich in den Wochen zuvor darauf eingestellt, alleiniger Kandidat zu sein, hatte seine Parteitagsrede entsprechend vorbereitet und sich eines Sieges sicher gewähnt.
Kubicki hat die Kampfabstimmung trotz Überraschungseffekt seiner Gegnerin gewonnen, mit mageren 59,7 Prozent Zustimmung. Und manch deutscher Journalist wähnt nun das endgültige Ende der FDP herannahen, Schuld daran soll Strack-Zimmermann sein, die die Liberalen endgültig entzweit habe.
Ein echter Zweikampf belebt
Mit Verlaub: Was für ein Käse. Ja, das, was Strack-Zimmermann getan hat, ist in der Tat nicht die feine Art. Zumal nicht zwischen jahrelangen Parteikollegen, die Kubicki und sie sind. In den Tagen vor der Abstimmung saßen sie an Tischen nebeneinander. Feine Art wäre es gewesen, vor einer Gegenkandidatur mal kurz Bescheid zu sagen.
Aber zerstört das die FDP? Nein, das Gegenteil ist der Fall. Mit etwas Glück belebt es die Partei. Denn was erscheint demokratischer: Ein 74-jähriges Parteiurgestein, das als alleiniger Mann an der Spitze in Erscheinung tritt und dann mit 70 Prozent gewählt wird? Oder ein echter Zweikampf, Mann gegen Frau, liberal-realpolitisch gegen liberal-populistisch.
Nein, Strack-Zimmermann hat die FDP nicht gespalten. Sie hat sichtbar gemacht, was in der Partei derzeit los ist. Und dass es in Parteien zwei Lager geben kann, ist abgesehen davon auch keine Neuigkeit, sondern spätestens seit den Grünen mit ihren Realos und Linken eher ein Ausweis parteiinterner Ausgewogenheit. Seit dem Showdown am Samstag haben die Liberalen bundesweit in Umfragen übrigens erstmals wieder die 5-Prozent-Hürde geknackt. Nach Schaden sieht das – erstmal zumindest – nicht aus.
Gelegentlich populistisch, aber nicht antidemokratisch
Und wer nun den neuen Parteichef Kubicki fürchtet, ob seiner Aussagen zur Brandmauer, die nicht in der Verfassung stehe, der sei beruhigt. Kubicki ist bekannt für offene Worte, manchem geht das zu weit. Aber er ist nicht dafür bekannt dafür, antidemokratisch aufzutreten, im Gegenteil. Im Interview mit PRO sagte er vor einigen Jahren: „Viele fühlen sich aufgehoben bei rechts- oder linkspopulistischen Bewegungen, die ihnen Verantwortung abnehmen. Für beide Richtungen gilt: Wer sich im Besitz letzter Wahrheiten glaubt, wird unduldsam und intolerant.“ Um dann noch hinzuzufügen: „Das ist das Gegenteil dessen, was das Christentum einfordert.“
Denn man mag es glauben oder nicht, aber Wolfgang Kubicki hat eine Geschichte mit der Kirche. Er war beim CVJM aktiv und mehrere Jahre im Kirchenvorstand einer evangelischen Gemeinde. Über die Bibel sagt er, dass jeder junge Mensch sie kennen sollte. Denn: „Die Bibel ist Teil des Wertefundaments, auf dem unser Rechtssystem aufgebaut ist. Sie bestimmt also auch heute noch unser Leben in vielfältiger Weise. Auch der Grundsatz, dass wir Verantwortung für unsere Mitmenschen übernehmen, durchzieht das Neue Testament und ist für uns heute ein wichtiger Grundsatz. Dass wir uns ebenfalls nicht über andere erheben sollen: Jesus hatte keine Scheu, etwa mit Prostituierten gesehen zu werden. Wir müssen einander in Demut begegnen. Das alles sind tragende Grundsätze unseres Gemeinwesens.“
Überraschende Worte von einem, der so oft als Krawallo mit chauvinistischen Untertönen abgetan wird. Kubicki ist sicher nicht jedermanns „Cup of Tea“, wie der Brite sagt. Und dennoch erinnere ich mich eigentlich ganz gerne an eine erste Begegnung mit dem damaligen Vizepräsidenten im Deutschen Bundestag. Nachdem wir eine Stunde lang im wahrsten Sinne über Gott und die Welt gesprochen hatten, das Interview schon vorbei war und ich gerade in einem Nebenraum meine sieben Sachen zusammenpackte, kam er extra nochmal zurück. Es war ihm noch eine Anekdote aus der Bibel eingefallen, die er mir erzählen wollte, eine biblische Geschichte über die Jünger, die das zuvor Gesagte im Interview untermauern sollte. „Das wollte ich noch sagen“, erklärte er, bevor er sich dann endgültig verabschiedete.
Es mag für manche überraschend sein, aber auch das ist Wolfgang Kubicki: Einer, der nochmal umdreht, um eine biblische Geschichte zu erzählen. Wie bei so vielem gilt wohl auch hier: Die Dinge sind manchmal anders, als sie auf den ersten Blick scheinen.