Fritzi Bimberg-Nolte und ihre Tochter Petra Pientka führen die Autohaus-Gruppe „Gebrüder Nolte“ seit 21 Jahren gemeinsam
Fritzi Bimberg-Nolte und ihre Tochter Petra Pientka führen die Autohaus-Gruppe „Gebrüder Nolte“ seit 21 Jahren gemeinsam

Volkswagen: „Es gibt heute eine organisierte Unehrlichkeit“

Fritzi Bimberg-Nolte führt seit 64 Jahren die Autohaus-Gruppe „Gebrüder Nolte“ mit Sitz in Iserlohn, seit 21 Jahren zusammen mit ihrer Tochter Petra Pientka. Mit pro sprachen beide über die Notwendigkeit von Ehrlichkeit in der Wirtschaft, sowie darüber, warum sie VW vergeben und welche Vorteile ein Mutter-Tochter-Gespann hat.

pro: Wie schwierig ist es in der heutigen Zeit, ethisch korrekt und ehrlich in der Wirtschaft zu agieren?

Fritzi Bimberg-Nolte: Das geht nur, wenn man den Dingen auf den Grund geht und Unehrlichkeiten aufdeckt. Das müssten besonders wir Christen tun.

Petra Pientka: In dieser Hinsicht bin ich dankbar, dass wir kein produzierender Betrieb sind, der auf fünf oder zehn Großkunden angewiesen ist, die womöglich dann solche Dinge erwarten, um den Auftrag an uns zu vergeben. Wir haben überwiegend mit Einzelkunden zu tun. Da fordert der Kunde vielleicht mehr Nachlass, aber da geht es nicht in Richtung Korruption und Bestechung. Für produzierende Unternehmen, die auch im Ausland tätig sind, ist es sicher sehr schwierig, am Markt zu bleiben, ohne bei Korruption oder Unehrlichkeit mit zu machen.

Frau Bimberg-Nolte, Sie sind seit 1951 Geschäftsführerin Ihres Unternehmens. Was hat sich in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf Ehrlichkeit und Werte in der Wirtschaft geändert?

Fritzi Bimberg-Nolte: Ich bin 64 Jahre im Unternehmen, und Betrug gab es immer. Unsere Kunden haben manchmal schon versucht, uns zu betrügen. Zum Beispiel, wenn Rechnungen unter dem Vorwand, kein Geld zu haben, nicht bezahlt wurden. Aber im Spielcasino hatten sie dann Geld, erfuhren wir von dem Croupier, der auch bei uns Kunde war. Heute ist es aber nicht der Einzelne, der betrügt, es gibt ganze Gruppen. Das ist das Schlimme. Es gibt heute eine organisierte Unehrlichkeit.

Wie beurteilen Sie aus Ihrer Perspektive als christliche Unternehmer den VW-Skandal und die Tragweite? Wie groß ist der Schaden für VW?

Fritzi Bimberg-Nolte: Wir können das zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Es kommen immer wieder neue Informationen an. Es ist auch noch nicht klar, wie die geschädigten Autos repariert werden sollen. Trotzdem wird Volkswagen weiterhin verkauft. Wir sind sehr dankbar für die VW-Kunden, die uns nach wie vor treu sind. Es liegt wohl daran, dass bei uns der Mensch im Mittelpunkt steht.

Petra Pientka: Es liegt aber auch an der allgemeinen Einstellung der Leute. In einem Bewerbungsgespräch um einen Ausbildungsplatz sagte ein Schüler neulich: „Die pfuschen doch alle und Volkswagen hat es eben erwischt.“ Die Verkäufer bei Volkswagen sagen uns, tendenziell regten sich eher die älteren Leute über den Skandal auf und die jüngeren zeigen sich nicht sonderlich überrascht. Man geht heute schon davon aus, dass man keinem trauen kann. Das ist eigentlich schlimm. Die Jüngeren gehen damit lockerer um, weil sie kaum spüren, dass Konsequenzen aus solchen Vorfällen gezogen werden.

Frau Bimberg-Nolte, als Sie neulich in der Sendung „Peter Hahne“ zum Thema VW-Skandal auftraten, waren Sie gegenüber dem Unternehmen nicht so kritisch wie Ihr Gesprächspartner. Warum nicht, wo Sie doch als VW-Händlerin auch betroffen sind?

Fritzi Bimberg-Nolte: Ja, natürlich. Aber da ist mir der Glaube an Jesus Christus sehr wichtig. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu richten. Man muss auch verzeihen. Wir haben so viel Gutes erlebt, da müssen wir auch mit dem Bösen fertig werden. Wir stärken unsere Mitarbeiter, sagen ihnen: „Wir produzieren nicht, sondern verkaufen die Autos nur und sind nicht schuldig.“ Wir müssen nun das Vertrauen der Kunden erhalten und dem Kunden Sicherheit geben.

Petra Pientka: Wir suchen das Gespräch und einen gemeinsamen Lösungsweg. Was haben wir denn als Volkswagen-Händler davon, alles ganz schlimm zu finden und Volkswagen an den Pranger zu stellen? Wir wollen mit diesem Unternehmen doch weiter arbeiten. Obwohl wir keine Verantwortung für die Produktion tragen, fühlen wir uns in einem Boot mit Volkswagen. Wir haben Verantwortung für 35 Mitarbeiter in unserem VW-Betrieb. Wir als Christen hätten oft gern schon hier auf der Erde Verhältnisse wie im Himmel. Aber wir wissen, dass wir da noch nicht sind. Parallel zu den Vorfällen bei VW gibt es Rückruf-Aktionen auch bei anderen Herstellern. Das ist Alltag.

Aber bei VW wurde ja nicht nur manipuliert oder beschönigt, sondern vorsätzlich eine spezielle Software entworfen und installiert, die betrügt. Macht das den Skandal nicht schwerwiegender als andere Vorfälle im Automobilgeschäft?

Petra Pientka: Ja, mit Sicherheit. Trotzdem sage ich: Was hilft es uns, in dem Problem zu verharren und beim Anklagen zu bleiben? Das ist für uns passé. Wir müssen jetzt den Weg nach vorne gehen.

Sind Sie zufrieden damit, wie VW mit dem Skandal umgeht oder sollte das Unternehmen noch mehr leisten, um seinem Leitsatz „Werthaltig, innovativ, verantwortungsvoll“ nachzukommen?

Petra Pientka: Wir Händler erhalten gute Informationen. Ich habe selbst bei VW Infos eingeholt, weil ich wissen wollte, warum alles so langsam geht. Dort habe ich erfahren, dass VW betroffene Autos aus den verschiedenen Händlerbetrieben eingesammelt hat, um die Fahrzeuge im Echtbetrieb zu analysieren und Lösungen zu finden. Es soll nicht mit einer heißen Nadel etwas gestrickt werden, um mit der Lösung dann schnell an den Markt gehen zu können. Wir bekommen alle paar Tage Informationen. Das mag jetzt aussehen wie ein Flickenteppich, aber ich fühle mich als VW-Händlerin gut informiert und wir können das an die Kunden weitergeben. Einige Fahrzeuge, die den Fehler haben, aber nicht zur Erstzulassung gesperrt sind, haben wir sogar verkauft. Den Kunden wird kommuniziert, wie das Fahrzeug betroffen ist und was sie erwartet.

Fritzi Bimberg-Nolte: Eigentlich kann man sich dafür schämen, was bei VW passiert ist. Volkswagen ist ja ein deutsches Werk. Es wird ja kaum noch etwas in Deutschland produziert. Damit ist natürlich das gesamte Ansehen von „Made in Germany“ in Gefahr. Damit könnte auch das Ansehen von Deutschland insgesamt fallen. Ich glaube, dass es uns in diesem Skandal ein bisschen hilft, dass wir gerade ein Gastland für Flüchtlinge sind. Deutschland steht dabei für „Wir schaffen das“. Volkswagen muss auch sehen, dass er das schafft, denn der Konzern ist ein Teil Deutschlands.

„Bei uns steht der Mensch im Vordergrund“

Der Leitsatz Ihres Unternehmens lautet „Wir wollen den Menschen dienen.“ Worauf kommt es Ihnen bei der Unternehmensführung an?

Petra Pientka: Wir wollen den Kunden mit guten Produkten und freundlichem Service dienen und den Mitarbeitern mit der Perspektive auf langfristige Arbeitsplätze. Etwa die Hälfte unserer derzeitigen Mitarbeiter haben als Auszubildende bei uns angefangen. Wir haben außerdem einen Mitarbeiter-Hilfsfonds, mit dem wir in Not geratene Mitarbeiter unterstützen können, beispielsweise mit einem Überbrückungsdarlehen oder Zuschuss. Wir wollen unseren Lieferanten mit langjährigen Beziehungen dienen. Wir fördern junge Talente durch Benefizkonzerte in unseren Autohäusern. Mit einem jährlichen Gospelkonzert unterstützen wir die Tafel in Iserlohn. Außerdem haben wir alle zwei Jahre eine Krimi-Nacht, um die Notfallseelsorge zu unterstützen Seit etwa zehn Jahren sammeln wir gebrauchte Schulranzen und geben sie an lokale Hilfseinrichtungen und an Global Aid Network (GAiN), den Arbeitszweig von Campus für Christus, weiter.

Fritzi Bimberg-Nolte: Der Mensch steht bei uns im Vordergrund. Das drückt auch schon unser Firmenname „Gebrüder Nolte“ aus. Es ist uns wichtig, zu zeigen, dass wir ein personifiziertes Unternehmen sind. Wir wollen ganz bewusst nicht, dass die Geldgier unser Handeln bestimmt. Es ist wichtig, dass die Menschen merken, dass wir sie verstehen. Wir wollen zusammen durch gute und durch schlechte Zeiten gehen. Unsere Mitarbeiter müssen das Beste für den Kunden tun.

Sie leiten das Unternehmen seit 21 Jahren gemeinsam. Wie funktioniert so eine Mutter-Tochter-Aufteilung?

Fritzi Bimberg-Nolte: Am ersten Tag, als meine Tochter hier angefangen hat, habe ich ihr gesagt: ‚Hier bin ich deine Freundin. So müssen wir unsere Arbeit sehen. Denn echte Freunde können was aushalten.‘ Anlässlich der Eröffnung eines Betriebes habe ich meiner Tochter den Spazierstock meines verstorbenen Mannes gegeben und gesagt: ‚So wie man einen Stab weitergibt, gebe ich dir den Stock deines Vaters weiter, der dich halten soll und dir über holprige Stellen hilft.‘ So lange ich lebend dabei bin, möchte ich ihr auch zur Seite stehen. Ich kann aus meiner Erfahrung Rat geben, aber die letzte Entscheidung muss immer sie fällen.

Petra Pientka: Nach meinem BWL- und Theologiestudium habe ich in unterschiedlichen Autohäusern und Konzernen Erfahrungen gesammelt. Theorie und Praxis sind doch zwei paar Schuhe. Peu à peu hat mich meine Mutter dann ermutigt und mich in die Praxis mit hinein genommen. Stück für Stück sind wir dahin gekommen, dass sowohl meine Mutter mir gegenüber als auch ich ihr gegenüber Respekt habe. Jetzt ist es so, dass alle wissen, dass meine Mutter und ich unterschiedlich sind. Jeder hat seinen eigenen Stil, das Geschäft zu führen und das passt gut zusammen. Es ist mir ganz wichtig, echt zu sein. Ich bin in der Firma nicht anders als zu Hause.

Frau Bimberg-Nolte, Sie sind mit 84 Jahren noch immer täglich in der Firma. Wie sieht der Plan für die kommenden Jahre aus, gibt es da noch Platz für einen Ruhestand?

Fritzi Bimberg-Nolte: Ich habe zum 100-jährigen Bestehen eine Chronik über unsere Firma geschrieben („Da hinten wird es schon wieder hell“, Anm. d. Red.) und ich bin gerade dabei, ein zweites Buch zu schreiben. Außerdem arbeite ich an einer Biografie über meinen Mann. Ich bin nie ohne Arbeit und brauche das auch. Vor allen Dingen brauche ich Menschen. Mein Körper will nicht mehr, aber ich bin meinem Gott sehr dankbar, dass ich geistig noch so frisch bin. Dann hoffen wir natürlich auf die nächste Generation. Wir haben zwei Enkelkinder und da zeichnet sich auch schon was ab, aber die müssen ja erstmal Abitur machen. Das würde ich alles noch gerne begleiten. Ich möchte, dass unsere Firma weiter so gut läuft, dass unsere Tochter Petra gesund bleibt, die schon eine Krebserkrankung hinter sich hat, und ich würde gerne irgendwann Uroma werden.

Petra Pientka: Ruhestand für jemanden, der immer mit Automobilen zu tun gehabt hat, wo die Räder rollen, gibt es nicht. Da steht man nicht still.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Swanhild Zacharias (pro)

Von: sz

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