Eine Land pleite gehen zu lassen, ist nicht unbedingt unchristlich, meint der Wirtschaftsjournalist Michael Inacker
Eine Land pleite gehen zu lassen, ist nicht unbedingt unchristlich, meint der Wirtschaftsjournalist Michael Inacker

Griechenland: „Politik auf Kosten der Bevölkerung“

Ohne Eigeninitiative habe Griechenland keinen Schuldenerlass verdient, meint der frühere Wirtschaftsjournalist Michael Inacker. Im Gespräch mit pro erklärt der ehemalige stellvertretende Chefredakteur des Handelsblattes und heutige Chef einer Kommunikationsagentur, die bis zur Neuwahl den ehemaligen griechischen Minsterpräsidenten Samaras beraten hat, warum eine Staatspleite alles andere als unchristlich wäre.

pro: In der Bibel steht: „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.“ Bedeutet das nicht, dass wir Griechenland in jedem Fall helfen sollten?

Michael Inacker: Festzustellen ist, dass Europa und Deutschland den Griechen schon große Unterstützung haben zukommen lassen. Insgesamt mehrere Milliarden Euro an Krediten und Bürgschaften. In dem Sinne hat Deutschland bereits nach christlichen Prinzipien gehandelt. Doch muss man sich auch helfen lassen wollen.

Manche finden, den Griechen wird das Wenige, das sie haben, auch noch genommen. Hat die Sparpolitik in den letzten Jahren überhaupt etwas gebracht?

Sparen ist sicherlich kein Selbstzweck. Eine Sparpolitik muss immer auch mit einer klugen Ausgabenpolitik kombiniert werden. Das bedeutet zum Beispiel, Ausbau der Infrastruktur oder Investitionen in Bildung und die Branchen, in denen Griechenland stark ist wie im Tourismussektor. Sparpolitik ist aber nicht von vornherein ein Fehler. Spanien und Portugal haben zum Beispiel durch Sparpolitik und zugleich Strukturreformen aus der Krise herausgefunden. Dafür wurden dort auch Opfer gebracht. Für diese beiden Länder wäre es ein herber Rückschlag, wenn man jetzt gegenüber der Regierung Tsipras, der sich konsequenten Reformen verweigert, nachgäbe und Leistung ohne substanzielle Gegenleistung akzeptieren würde.

Im Alten Testament gibt es das sogenannte Erlassjahr, in dem Schulden gestrichen werden. Menschen sollten schließlich nicht von ihrer Schuldenlast erdrückt werden. Hat Griechenland nicht einen Schuldenschnitt verdient, gerade aus christlicher Sicht?

Griechenland hat schon einmal einen Schuldenerlass bekommen. (Das zweite Hilfspaket im Jahr 2012 enthielt auch eine Umschuldung, letztendlich also einen Schuldenerlass, Anm. d. Red.) Um einen Schuldenerlass zu bekommen, muss man auch eine gewisse Leistung erbringen. Wenn zumindest teilweise Reformen angepackt würden, also ein glaubhafter Wille zur Veränderung gezeigt würde – wie unter der Vorgänger-Regierung Samaras –, dann wäre nach einer Schamfrist ein teilweiser Schuldenschnitt sicher auch vorstellbar gewesen.

Wenn es zum Grexit kommt: Ist es nicht unchristlich, ein Land pleite gehen zu lassen?

Eine Pleite ist auch immer die Voraussetzung für einen Neuanfang. Das ist, wenn Sie so wollen, durchaus auch christlich. Allerdings setzen Neuanfang und damit auch Vergebung ein Eingeständnis der eigenen Fehler voraus. Eine neue Chance zu geben, ist vor diesem Hintergrund zutiefst christlich. Der Grexit würde einen Neuanfang bedeuten. Viele Experten sind der Meinung, dass Griechenland eine bessere Perspektive mit einer eigenen Währung hätte. Vielleicht war schon der Beitritt Griechenlands zur Eurozone ein Fehler. Er ist unter falschen Annahmen erfolgt und hat das Land mit billigem Geld wie unter Drogen gesetzt.

Die meisten Beobachter vermuten im Falle eines Euro-Austritts Griechenlands eine humanitäre Katastrophe. Kann man das als Christ verantworten?

Innerhalb der EU werden bereits Maßnahmen getroffen, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Ich warne außerdem davor, gleich von einer humanitären Katastrophe zu sprechen. Die kommunistische Regierung nimmt das eigene Volk in Geiselhaft. Sie betreibt ihre Politik auf Kosten der Bevölkerung. Samaras Regierung hatte Griechenland eigentlich auf einen guten Weg gebracht. Das Land war damals auf Erholungskurs. Das ist in den vergangenen Monaten mit Vorsatz verspielt worden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Swanhild Zacharias.

Michael Inacker war in den Jahren 2012 und 2013 stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Hauptstadtbüros des Handelsblatts in Berlin. Seit vergangenem Jahr ist er Vorstandschef und Mitgesellschafter der Kommunikations- und Medien-Beratung WMP-EuroCom AG in Berlin. (pro)

Von: sz

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