Können Kirchen die Marketingstrategien von Unternehmen übernehmen?

Marketingtricks gegen Mitgliederschwund

Kirchen können sich einiges von Unternehmen abschauen. Diese Meinung vertritt der Direktor des Instituts für Marketing an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Manfred Krafft, in der neuesten Ausgabe des Onlinemagazins "Sinnstiftermag". Nach dem Vorbild wirtschaftlicher Betriebe könnten sie Bindungen zu Menschen aufbauen und aufrechterhalten.

Um Menschen an sich zu binden, könne die Kirche entsprechend der Kunden- und Marktforschung die Beteiligung ihrer Mitglieder an Gemeindeaktivitäten fördern. Als "kritischen Moment" bezeichnet Krafft die Phase der Vorbereitung auf die Konfirmation, Kommunion und Firmung oder auch Trauungen, Trauerfeiern und Taufen. Hier kämen auch Menschen ohne Kirchenbindung mit Gläubigen in Kontakt. Gelinge es in dieser Phase, Interesse am Glauben und Freude in der Gemeinschaft zu vermitteln, werde ein Fundament geschaffen, das lange nachwirken könne – und ebenso umgekehrt.

Talentförderung statt Treuepunkten

"Aus dem Vorgehen von Unternehmen im Kundenmanagement können Kirchen lernen, dass zu Beginn einer Mitgliedschaft schnell die Befindlichkeit oder Zufriedenheit der neuen Gemeindemitglieder überprüft werden sollte, beispielsweise durch ein persönliches Gespräch ein paar Wochen nach dem Eintritt", schreibt Krafft weiter. Statt Kundenzeitschriften könnten Gemeindebriefe eingesetzt werden, um für Gemeindeaktivitäten zu werben. Statt eines Treueprogramms könne sich die bewusste Förderung von Mitgliedern in ihren Talenten positiv auswirken. Wenn jemand also ein musikalisches Talent habe, könne er zur Mitwirkung im Kirchenchor ermutigt werden.

Um Mitgliederschwund zu verhindern, könnten Kirchen den Rhythmus und die Intensität der Wahrnehmung kirchlicher Angebote durch den Einzelnen im Auge behalten. "Erschien ein Gemeindemitglied bisher stets alle zwei Monate zum Gottesdienst, und der letzte Besuch ist drei Monate her, deutet dies auf eine zumindest temporäre Inaktivität hin", schreibt Krafft. Wenn engagierte Gemeindemitglieder oder Seelsorger einen Blick darauf hätten, könnten sie jene Fernbleiber gezielt ansprechen und nach den Gründen für ihre Abwesenheit fragen. Den kurzen Anruf mit der Frage, ob alles in Ordnung sei oder Unterstützung und Begleitung in besonderen Lebensphasen gewünscht wird, nennt Krafft ganz unternehmerisch eine "Reaktivierungsmaßnahme".

"Fundamental andersartig"

Abschließend erklärt der Marketingexperte jedoch, individueller Glaube und Verbundenheit zur Kirche seien "fundamental andersartig" als die Bindung eines Kunden an ein Unternehmen. "Individuelle Zuwendung und persönliche Seelsorge durch Geistliche ist nicht vergleichbar mit noch so intensivem Service durch kundenorientierte Mitarbeiter." Lernen könnten Kirchen gleichwohl von erfolgreichen Ansätzen in Unternehmen. (pro)

Von: aw

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