Banker Green: "Erfüllung erfährt erst, wer gibt"

Stephen Green ist Christ, Prediger, Autor – und Verwaltungsratsvorsitzender einer der größten Banken der Welt. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (F.A.Z.) hat der britische Banker erklärt, wie er Glaube und Beruf in seiner Tätigkeit bei der HSBC vereinbart und dass es für ihn keine Alternative zum Kapitalismus gibt.

Kann ein überzeugter Christ auch als Banker Gott dienen? Stephen Green beantwortet diese Frage mit Ja. "Banken und die Mitarbeiter hier in der Londoner City und an anderen Finanzplätzen tragen zum Wohl der Gemeinschaft bei", verrät er F.A.Z.-Mitarbeiterin Bettina Schulz im Interview. "Die Welt braucht Banken und gute Finanzdienstleistung. Es gibt keinen Grund, warum sich Bankmitarbeiter dahinter verstecken müssten, wenn sie ihr Geschäft mit Integrität betreiben. Aber wir müssen eine wichtige Lehre aus der Krise ziehen. Die Arroganz und die Gier und der Missbrauch von Vertrauen, die in der Krise bloßgelegt wurden, sind nicht zu verzeihen. Wir müssen wieder eine neue Ethik finden."

Der Wert von Produkten und Arbeit bemesse sich nur noch danach, welchen Preis der Markt zu zahlen bereit sei – ein Selbstregulierungsmechanismus, der nicht funktioniert, wie die Finanzkrise gezeigt habe. Dennoch gebe es keine Alternative zum Markt oder zum Kapitalismus. "Letztlich setzen sich der Markt und der Kapitalismus immer wieder durch. Trotz aller Mängel und trotz der gefährlichen Finanzkrise bleiben der Markt und der Kapitalismus das kleinere Übel aller Wirtschaftsformen. Aber wir brauchen einen ethischen Kapitalismus", sagt Green.

Der gläubige Christ hat bereits mehrere Bücher geschrieben, etwa "Gott oder Mammon dienen" oder "Richtiger Wert – Gedanken über Geld, Moral und eine unsichere Welt". Green war im britischen Entwicklungshilfeministerium tätig und arbeitete in Europa, Nordamerika und im Mittleren Osten für den Unternehmensberater "McKinsey". Er studierte Literatur und Philosophie und verbrachte einige Zeit zurückgezogen in einem Kloster auf dem Berg Athos in Griechenland.

Globalisierung baut Vorurteile ab

Durch die Globalisierung werde sich die Welt ganz natürlich verändern: "Die Gemeinschaft der Welt befindet sich in einer gewaltigen sozialen Umwälzung." Weiter erklärt er: "Die Menschheit rückt über die Urbanisierung enger zusammen. Zwar erleben wir eine Schwäche enger Familienverbünde. Aber über die moderne Kommunikation und globalen Austausch finden sich Gleichgesinnte über Grenzen, Kulturen und Religionen hinweg. Dies baut Vorurteile ab, hilft zu Verständnis und macht in Zukunft Pogrome und Genozid immer weniger wahrscheinlich. Gleichzeitig führt die Globalisierung und Urbanisierung zu mehr Individualismus. Sie wirkt befreiend für bisher unterdrückte Gesellschaftsgruppen wie zum Beispiel Frauen."

Doch die Individualisierung birgt auch Risiken, ist sich Green sicher: " Es ist eine Sünde, wenn wir uns abgrenzen, ausgrenzen, in Schubladendenken verfallen und Moral und Ethik nur direkt auf uns persönlich und unseren persönlichen Kreis anwenden, in der Außenbeziehung jedoch vergessen. Je distanzierter und weniger persönlich unser Mitmensch, Geschäftspartner und Kunde empfunden wird, desto größer ist die Gefahr, Moral und Ethik außen vor zu lassen. Am konkretesten war dies im Geschäft mit strukturierten Wertpapieren zu spüren, wo Banken Risiken nur eingingen, weil sie diese anschließend an die Anonymität des Marktes weitergeben konnten."

Ethik ist Basis erfolgreicher Geschäftspolitik

In der Vergangenheit sei all das in Produkte umgesetzt und verkauft worden, was nicht verboten und aufsichtsrechtlich formal machbar gewesen sei. In Zeiten direkter Geschäftsabwicklung hätte die persönliche Beziehung zwischen den Geschäftsleuten ein moralisches Umgehen miteinander gefördert. Dabei seien "Ethik und Engagement für die Gemeinschaft Basis einer langfristig erfolgreichen Geschäftspolitik und Aktionärspolitik". Green ist sicher: "Wir tragen als Unternehmen eine soziale Verantwortung und Verantwortung der Umwelt und der Menschheit als Ganzem gegenüber. Wir können uns als Unternehmen nicht auf den Standpunkt stellen, dies ginge uns nichts an", und verweist auf die Bibel: " Erfüllung erfährt erst, wer gibt."

Die Gefahr, der sein Arbeitgeber, die HSBC-Bank, trotz ethischer Richtlinien ausgesetzt ist, fasst der anglikanische Laienprediger so zusammen: "Die Gefahr besteht, dass wir soziale Verantwortung wieder nur in abgegrenztem Raum, in der Schublade 'Abteilung für Sozialverantwortung und Umweltprogramme', abhaken und mit dem Ausstellen von Schecks erledigen. Das reicht nicht. Jede Einzelperson muss in den Spiegel sehen und sich sagen können, dass sie zum Wohl der Menschheit etwas beiträgt - und dies mit all den Mängeln, die wir mit uns tragen. Je besser wir unsere eigenen Unzulänglichkeiten kennen, desto besser können wir geben und den Weg der Erfüllung gehen. Aber wir müssen uns persönlich involvieren. Regierungen allein können die Welt nicht retten." (PRO)

Von: aw

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