PRO: Ihre Dietrich-Bonhoeffer-Klinik ist ja nach einem großen Christenmenschen benannt. Warum eigentlich?
Karen Landwehr: Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil wir die Einrichtung schon mit diesem Namen von der Diakonie im Oldenburger Land übernommen haben. Es passt aber gut, weil wir als Leinerstift auch christlich geprägt sind. Unser Gründer Johann Heinrich Leiner war ein Pastor aus Ostfriesland, der das erste Rettungshaus für Kinder und Jugendliche in Norddeutschland eröffnet und hat bauen lassen.
Welche Kinder und Jugendliche betreuen Sie heute?
Junge Menschen im Alter von zwölf bis 18 Jahren, in Ausnahmefällen auch mal bis 20. Jungen und Mädchen mit ganz verschiedenen Hintergründen, aus verschiedenen Gesellschaftsschichten mit Suchterkrankungen von Alkohol- über Cannabiskonsum. Immer häufiger spielen auch härtere Drogen eine Rolle, also Opioide wie Heroin oder Speed, Ecstasy. Eher seltener haben wir auch nicht-stoffgebundene Süchte wie Mediensucht oder Kaufsucht. Die Klinik hat außerdem einen Schwerpunkt in der Behandlung von sogenannten Komorbiditäten, also psychischen Erkrankungen, die die Kinder und Jugendlichen mitbringen. Das können psychische Erkrankungen sein wie Depressionen, Borderline-Störungen oder Schizophrenie.
„Suchterkrankte Kinder und Jugendliche haben wenige Fürsprecher“
Sie sagen, es gibt derzeit deutschlandweit nur 85 Reha-Plätze für suchterkrankte Jugendliche. Wenn die Bonhoeffer-Klinik schließt, sind es nur noch 25. Wieso so wenige?
Das können wir nur schwer sagen, das liegt ja am System und letztlich in der Verantwortung der Kostenträger wie die Deutschen Rentenversicherung (DRV). Unsere Hypothese lautet: Suchterkrankte Kinder und Jugendliche haben wenige Fürsprecher, können oft nicht selbst für sich eintreten, entsprechend schlecht ist die Versorgung. Das beginnt schon bei der Beratung. Drogenberatungsstellen fokussieren sich ganz oft auf Erwachsene und wissen kaum, wie sie mit Minderjährigen umgehen können. Es gibt auch viel zu wenige Plätze für den Entzug und die anschließende Reha und zu wenige Wohngruppen oder ambulante Versorgungsangebote für junge Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen. Der Bereich ist unterfinanziert und deshalb müssen nun auch wir schließen. Die Versorgung der schwer kranken jungen Menschen ist nicht über die derzeit gezahlten Kostensätze der Deutschen Rentenversicherung abzubilden. Die DRV beruft sich darauf, dass es genügend Versorgung gibt und die Zahl der Anträge ohnehin nicht so hoch ist. Aber warum gibt es so wenige Anträge? Viele Betroffene wissen gar nicht, dass es Reha-Kliniken gibt! Manche sind nicht in der Lage, einen komplizierten Rehaantrag auszufüllen und erfahren keine Unterstützung dabei. Der Bedarf ist nach unserer Erfahrung eindeutig da und riesig. Schätzungen gehen von 2.000 Menschen aus, die dieses Angebot bräuchten. Aber die Wege sind zu kompliziert.
Warum braucht es eine spezielle Behandlung suchterkrankter Jugendlicher? Können die nicht in einer weniger spezifizierten Einrichtung behandelt werden?
Wir haben hier junge Menschen, die ganz anders angesprochen werden müssen als Erwachsene und eine ganz andere Betreuung brauchen. Neben der medizinischen und therapeutischen Versorgung kommt der pädagogische Aspekt dazu. Wir brauchen eine engmaschige Begleitung, es gibt eine Fürsorgepflicht, die deutlich größer ist als im Erwachsenenalter. Hinzu kommen Konflikte, die mit dem Erwachsenwerden einhergehen. Menschen im Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter haben viele Fragen, entwickeln ihre Persönlichkeit – und das dann neben der Suchtproblematik und vielleicht auch neben psychischen Erkrankungen. Sie brauchen deutlich mehr Unterstützung, als das im Erwachsenenalter der Fall ist.
Haben Sie ein Beispiel?
In einer anderen Form von Reha reicht Ihnen vielleicht eine Nachtbetreuungskraft für 60 Menschen, denn die Klienten schlafen in der Nacht in der Regel. Haben wir aber 60 schwer kranke Kinder und Jugendliche, die zum Teil suizidal sind, die Medikamente nehmen und Psychosen haben, dann sieht das anders aus. In der Jugendhilfe zum Beispiel haben wir in der Regel eine Nachtbetreuung mit dem Schlüssel eins zu sieben.
Zum 30. Juni droht die Schließung Ihrer Einrichtung. Sie sammeln online Spenden, können die den Erhalt der Klinik sichern?
Tatsächlich kämpfen wir seit Montag nicht mehr um den Erhalt der Klinik. Für uns ist die Entscheidung gefallen, dass wir schließen werden zum 30. Juni. Wir haben lange gekämpft und auch zuletzt nochmal Gespräche mit der Rentenversicherung und den verschiedenen politischen Beteiligten und den Krankenkassen geführt. Aber wir brauchten am Ende einfach eine Entscheidung, denn das Defizit der Klinik wird größer und größer. Und die Mitarbeitenden brauchen natürlich auch eine Perspektive. Wir werden trotzdem ein Angebot für abhängigkeitserkrankte junge Menschen vor Ort machen. Das wird eine therapeutische Wohngruppe mit dem Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen sein.
„Wir haben lange gekämpft“
Dabei haben Sie zuletzt doch auch noch Spenden gesammelt, um die Klinik zu erhalten…
Genau, da sind 85.000 Euro zusammengekommen. Wir haben alle Spender informiert, dass wir auf Wohngruppen umstellen. Das Geld kommt dann nicht mehr von der Deutschen Rentenversicherung, sondern von der Jugendhilfe, also den Jugendämtern und den Kommunen. Es ist noch nichts unter Dach und Fach. Aber so könnte das klappen. Natürlich wird eine Wohngruppe mit einem pädagogischen Angebot nie eins zu eins die Klinik ersetzen können, wo alle Hilfen aus einem Guss kommen. Wir werden nach Baukastenprinzip und mit anderen Stellen, etwa Krankenhäusern, zusammenarbeiten müssen. Für uns ist aber klar: Wir haben die Expertise, wir haben Menschen, die seit Jahren in der Abhängigkeitsberatung und -versorgung arbeiten. Und wir haben als Träger gemerkt, wie wichtig dieses Thema ist und dass es viel zu wenige Angebote gibt. Also versuchen wir nun Plan B, bauen um und fangen neu an. Es wird drei Wohngruppen geben, in die unsere Klienten einziehen. Unser Wunsch ist es, am 1. Juli zu starten. Wir sind dabei weiterhin auf Spenden angewiesen. Die bisherigen Spenden werden auf dieses neue Projekt umgemünzt, wenn die Spender das im Einzelnen möchten.
Aus Ihren Pressemitteilungen der letzten Monate ist auch ein gewisser Unmut in Richtung der Politik herauszulesen: Sie kritisieren im Zusammenhang mit Gelderstreichungen die Legalisierung von Cannabis in Deutschland. Was hat sich seit der Legalisierung denn in Ihren Augen verändert?
Zusammen mit der Cannabislegalisierung sollte auch die Prävention und die Versorgung Suchtkranker gestärkt werden. Wir müssen leider konstatieren, dass dies im Kinder- und Jugendbereich aber nicht geschehen ist. Wir haben steigende Zahlen von Suchterkrankten und sie sind immer jünger. Ob das nun direkt mit der Cannabis-Legalisierung zusammenhängt, ist schwer zu sagen. Aber die Politik hat aus unserer Sicht noch sehr viel Nachholbedarf, was die Versorgung und die Prävention bei suchterkrankten jungen Menschen angeht. Die Politik sollte an das Gesetz nochmal ran und nachschärfen oder den Worten der Legalisierung aus 2024 Taten folgen lassen.
Frau Landwehr, danke für das Gespräch.