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„Wir sollten die Chancen Künstlicher Intelligenz sehen“

Im Bereich von Pflege und Gesundheit gibt es vielfältige Anwendungsfelder für Roboter und intelligente Systeme. Diakonie-Präsident Ulrich Lilie hat sich im Silicon Valley ein Bild von den zukünftigen Möglichkeiten gemacht. Im Gespräch mit pro teilt er seine Eindrücke und erklärt, wo er Diskussionsbedarf sieht.
Von PRO
Pflege- und Assistenzroboter wie der Care-O-bot des Fraunhofer-Instituts könnten zukünftig bei der Betreuung von kranken und alten Menschen helfen

Foto: Fraunhofer IPA, Jens Kilian

Pflege- und Assistenzroboter wie der Care-O-bot des Fraunhofer-Instituts könnten zukünftig bei der Betreuung von kranken und alten Menschen helfen

pro: Im vergangenen Jahr haben Sie das Silicon Valley in Kalifornien besucht, den wohl einflussreichsten Standort für die Entwicklung digitaler Technologien. Inspiriert davon: Wo würden Sie gern in der Diakonie Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik anwenden?

Ulrich Lilie: Es kann durchaus Aspekte geben, die uns das Leben in ungeahnter Weise einfacher machen. Vielleicht ist uns ein kleiner freundlicher Roboter bei der Körperpflege irgendwann ganz angenehm, weil er uns hilft, bestimmte Schamgrenzen zu senken, die wir immer zu überwinden haben, wenn ein anderer, ein fremder Mensch solche intimen Verrichtungen mit uns macht. Ich habe im Silicon Valley Assistenzsysteme gesehen, die neben einem herumfahren und auf Dinge aufmerksam machen, die man vergisst, etwa dass man zu wenig trinkt; oder die aufheben, was man liegengelassen hat. Ich habe Systeme gesehen für Menschen, die alleine leben, aber aufgrund von Krankheit oder Einschränkung einen besonderen Sicherheits- und Überwachungsbedarf haben. Die ersetzen den Hausnotruf, indem sie zum Beispiel mit einem Radarsystem bestimmte Körperfunktionen wie die Atmung überwachen. Wir müssen solche Entwicklungen immer unter dem Aspekt der Folgen diskutieren – für den Einzelnen, aber auch für das Zusammenleben der Menschen und für die Menschen, die nach uns kommen.

Glauben Sie, dass der Fachkräftemangel in Pflegeberufen durch künstliche Assistenten gelöst werden könnte?

Agaplesion, ein großer evangelischer Krankenhausträger, hat im vergangenen Jahr zum Beispiel automatisierte Bettensysteme getestet. Die Betten melden sich selbstständig und sagen: Ich bin frei, ich kann abgeholt werden. Das macht die Abläufe einfacher, das macht die Steuerung viel effizienter. Das werden wir noch bei einigen Hol- und Bringdiensten erleben. Wir sollten das sehr chancenorientiert ansehen. Es geht darum, die Digitalisierung zu gestalten und nicht von vornherein als Teufel an die Wand zu malen. Gleichzeitig müssen wir selbstverständlich auch darüber öffentlich diskutieren, was wir nicht wollen. Man muss auch über die Grenzen der Optionen und des Handelns sprechen.

Wo würden Sie Grenzen ziehen?

Zum Beispiel dort, wo es unmittelbar an die Keimbahn des Menschen geht. Bei Dingen, die den manipulativen Umgang mit dem Erbgut und mit Zellen betreffen und die Folgen haben, die wir noch nicht kennen. Das sollten Tabubereiche bleiben. Auch bei Formen der Überwachung und Auswertung von Daten. Ich möchte keine Entwicklung wie zum Beispiel in China, wo mit Hilfe von Überwachung, KI und persönlichen Daten ein Punktekonto für gutes oder weniger gutes Verhalten über jeden Menschen erstellt werden soll.

Wie bewerten Sie es, wenn Roboter eingesetzt werden, wo soziale Beziehungen eine Rolle spielen, wenn zum Beispiel Roboter zu Spielgefährten oder Gesprächspartnern werden?

Wenn ich sehe, was die Schülerinnen und Schüler heute schon alles mit ihren Smartphones machen, stellt sich auch da die Frage, mit wem und mit welchen Folgen sie da reden oder spielen. Wenn ein Roboter interaktiv mit einem spielt, ist das ja eher eine technische Veränderung, aber noch keine qualitative. Man muss schauen, was von Maschinen mit menschlichem Nutzen ersetzbar ist und wo die Grenze liegt, wo es an unser Verständnis von Mitmenschlichkeit und menschlicher Interaktion geht. Selbstverständlich können Maschinen Menschen niemals vollumfänglich ersetzen. Aber auch diese Grenzen sind kulturell vermittelt, es wird Verschiebungen im Verhältnis Mensch-Maschine geben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Was heißt es für den Glauben an Gott, wenn wir als Menschen die Möglichkeit haben, immer „intelligentere“ Wesen zu schaffen?

Ich habe die Aussagen des Schöpfungsberichtes nie als naturwissenschaftliche Aussagen verstanden. Insofern glaube ich nicht, dass ein naturwissenschaftlich-technischer Fortschritt den Glauben an Gott ernsthaft in Frage stellt. Im Gegenteil: Je mehr wir wissen, desto mehr merken wir, wie viele Geheimnisse es gibt, wie groß die Komplexität ist und wie groß das Wunder des menschlichen Lebens und Zusammenlebens auf diesem unbegreiflich erwählten Planeten ist. Gleichzeitig steigen natürlich die Gefährdungen. Die Möglichkeit, dass die Menschheit sich selbst abschaffen kann, wird mit den steigenden Handlungsoptionen natürlich auch größer. Aber das gehört auch zur Freiheit der Christen, dass sie ihre Freiheit verfehlen können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Seit 2014 ist Ulrich Lilie, Jahrgang 1957, Präsident der Diakonie Deutschland. Zuvor war er unter anderem als Krankenhausseelsorger und Gemeindepfarrer tätig. Foto: Diakonie/Thomas Meyer
Seit 2014 ist Ulrich Lilie, Jahrgang 1957, Präsident der Diakonie Deutschland. Zuvor war er unter anderem als Krankenhausseelsorger und Gemeindepfarrer tätig.

Die Fragen stellte Jonathan Steinert

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