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Wir framen uns die Welt, wie sie uns gefällt

Wie ein Mensch spricht, verrät etwas über seinen Blick auf die Welt. Sprache lässt sich auch ganz gezielt dafür einsetzen, um ein bestimmtes Weltbild zu formen – im Positiven wie im Negativen. Ein aktuelles Beispiel liefert dafür der Berliner Senat mit seinem Sprach-Leitfaden für die Landesbehörden. Methodisch ist das nicht weit weg von Propaganda. Ein Kommentar von Jonathan Steinert
Von PRO
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Die Brille macht die Weltsicht

Foto: Brian Wangenheim, Unsplash

Die Brille macht die Weltsicht

Sprache und Denken hängen untrennbar miteinander zusammen. Unsere Gedanken und Wahrnehmung sind auf irgendeine Weise mit Bezeichnungen verknüpft und spätestens, wenn wir uns mit anderen darüber austauschen, müssen wir dafür Worte oder Zeichen finden, die das Gegenüber versteht. Manchmal fehlen uns die Worte geradezu sprichwörtlich oder das Gemeinte kommt beim anderen anders an als beabsichtigt. Kommunikation ist ein sehr störungsanfälliger Prozess, das ist ihr Wesen. Dazu kommt, dass sich Worte und Formulierungen in der Sprachgemeinschaft ändern, andere Bedeutungen oder Wertungen bekommen, oder in verschiedenen Regionen oder Kulturen unterschiedlich verwendet werden. Sprache ist ein bewegliches Ding.

Wir können Wörter und Formulierungen auch gezielt dafür einsetzen, um eine gewünschte Vorstellung oder Emotion hervorzurufen. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob ich von den öffentlich-rechtlichen Medien ständig als „Lügenpresse“ rede oder sie als „Leitmedien“ bezeichne. Werbung, aber auch Politik beherrschen das Spiel, wie man durch bestimmte Formulierungen und Begriffe gewünschte Deutungs-Rahmen erzeugt. „Framing“ nennt das die Wissenschaft. Natürlich setzen wir auch in unserer alltäglichen Kommunikation bewusst oder unbewusst „Frames“: Wie wir über Dinge und Menschen sprechen, spiegelt etwas von dem Bild wieder, das wir im Kopf davon haben. Und gleichzeitig formt Sprache auch ein bestimmtes Bild von der Welt.

Einfluss auf den Sprachgebrauch

Der Berliner Senat macht sich dafür stark, dass in diesem Weltbild möglichst alles gerecht zugeht, dass niemand zu Unrecht pauschal abgewertet oder als Abweichung von der Normalität hingestellt wird. Zumindest will er, dass seine Verwaltung mit den Formulierungen in Dokumenten und der Öffentlichkeitsarbeit dazu beiträgt. Dazu hat er ein Diversity-Programm beschlossen, um die Vielfalt der Menschen sichtbar zu machen. Auch einen Leitfaden für angemessene Formulierungen ist darin enthalten. Dort steht zum Beispiel die Empfehlung, nicht mehr von „Asylbewerbern“, sondern von „Schutzberechtigten“ zu sprechen. Oder nicht davon, dass ein Mensch, der seine Geschlechtsidentität verändert hat, früher mal zum Beispiel ein Mann war, sondern als männlich ins Register eingetragen wurde. Menschen mit dunkler Hautfarbe sollen als „Schwarze Deutsche“ bezeichnet werden, mit großem S, auf Begriffe wie „anschwärzen“ oder „schwarz fahren“ empfiehlt der Leitfaden zu verzichten.

Die „Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung“ begründet diese Empfehlungen damit, dass Sprache bestimmte Frames und Weltsichten erzeugt. Insofern ist das Anliegen des Senats zu begrüßen, die eigene Sprache kritisch zu hinterfragen und, wo nötig, zu korrigieren. Präzision und klug gewählte Worte sind in der Kommunikation sehr wichtig, davon spricht schon die Bibel, etwa wenn Jakobus in seinem Brief von der Macht der Zunge schreibt. Der Leitfaden macht indes genau dasselbe wie das, was er problematisiert: Er sorgt dafür, dass Frames entstehen, nur eben andere. Er will ein bestimmtes Weltbild vermitteln. Dieses Bild kann man gut finden oder nicht. Tatsächlich wird hier gezielt Einfluss genommen auf den Sprachgebrauch, wenn auch nur intern. Methodisch ist das nicht weit weg von Propaganda. Die gibt es nämlich auch in Demokratien.

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