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„Wir dürfen das Gespräch nicht verweigern“

Einen öffentlichen Dialog zwischen Kirche und AfD gibt es selten, wenn überhaupt ist er begleitet von breitem Protest. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) aber befragt in einer Veranstaltungsreihe gezielt AfD-Politiker zu deren Überzeugungen. Pfarrer Frank Hiddemann hat gegenüber pro erklärt, warum.
Von PRO
Mit einer Dialogreihe zur AfD hat sich Pfarrer Frank Hiddemann nicht nur Freunde gemacht. Er hält das Gespräch mit der Partei für wichtig.

Foto: privat

Mit einer Dialogreihe zur AfD hat sich Pfarrer Frank Hiddemann nicht nur Freunde gemacht. Er hält das Gespräch mit der Partei für wichtig.

pro: Herr Hiddemann, unter dem Titel „Deutschland zuerst?“ lassen Sie AfD-Politiker in einer eigenen Veranstaltungsreihe der Ökumenischen Akademie in Gera ihre Politik erklären. Warum?

Frank Hiddemann: Ganz so ist es nicht. Eingeladen sind immer auch ein Experte, der ein Thema vorstellt, und ein Politiker einer anderen Partei, der dann ebenso wie der AfD-Politiker zu dem Eingangsreferat Stellung bezieht. So wollen wir sicherstellen, dass sich der Dialog auf von uns festgelegten argumentativen Feldern bewegt und nicht jeder einfach sagen kann, wozu er gerade Lust hat. Mein Grundimpuls ist hier, nicht auszugrenzen, sondern sich mit den Positionen der AfD auseinanderzusetzen. Denn solange die AfD ausgegrenzt wird, bleibt sie in einer Opferposition, die sie nur stärkt. Das sorgt dafür, dass sich die Gesellschaft weiter spaltet. Allein in unseren protestantischen Gemeinden gibt es einen tiefen Graben zwischen denjenigen, die die AfD befürworten, und denjenigen, die sie ablehnen. Ich wollte diesen Konflikt mit der Veranstaltungsreihe entschärfen.

Können Sie verstehen, dass sich ein großer Teil der Volkskirchen dem öffentlichen Dialog mit der AfD verweigert?

Das kann ich gut verstehen. Die EKM hat zum Beispiel auch eine große Kampagne gegen Rechtsextremismus geführt unter dem Titel „Nächstenliebe verlangt Klarheit“. Diese Position teile ich. Aber wir müssen auch realistisch sein: Hier in Gera gibt es 50 Prozent Nichtwähler und 30 Prozent AfD-Wähler. 80 Prozent der Menschen, mit denen wir es zu tun haben, sind also aus dem demokratischen System ausgewandert. Dieser Situation müssen wir uns stellen und das geht nicht, indem wir das Gespräch verweigern.

Was ist das Ziel Ihrer Veranstaltungsreihe?

Es geht nicht darum, der AfD ein Podium zu bieten, um andere von ihren Positionen zu überzeugen. Ich halte viele Inhalte der Partei für schwer erträglich und spüre auch, dass viele AfD-Vertreter eine Kultur der Barmherzigkeit, wie die Kirche sie vertritt, nicht teilen. Viele von ihnen wären sicher damit einverstanden gewesen, wenn Geflüchtete vor unseren Grenzen einfach zusammengeschossen worden wären. Ich denke aber dennoch, dass diese Menschen andererseits gute Gründe haben, sich dem bisherigen demokratischen Spektrum zu verweigern. Deshalb glaube ich, dass wir sie zurückholen müssen. Sonst scheitert unsere Demokratie.

Welche guten Gründe sind das?

Früher dachte ich, AfD-Unterstützer kommen mit der Moderne nicht zurecht oder ihnen fehlt die geistige Weite. Heute sehe ich auch durch die Beschäftigung mit unserer Veranstaltungsreihe, dass ich groben Vorurteilen aufgesessen bin. Hier in Gera zählen zu den AfD-Unterstützern Verleger, Ärzte, Rechtsanwälte oder Amtsrichter aus meiner Gemeinde. Die passen nicht ins gängige Klischee des rechten und beschränkten AfD-Wählers. Oder nehmen Sie den weit gereisten Physiker, der nicht an die Theorie der Klimaerwärmung glaubt. Andere sind nicht mit Formen der Political Correctness einverstanden oder teilen nicht die plurale und komplexe Weltsicht, die etwa in öffentlich-rechtlichen Medien präsentiert wird. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt.

Welche Rolle spielen Medien und Kirche beim Erstarken der AfD?

Viele Medien und auch die Kirchen haben einen Stamm von Überzeugungen, den sie für unverhandelbar halten. Manche haben das satt und beginnen deshalb, zu provozieren. Daraus ist eine Massendynamik entstanden, wie ich sie nie für möglich gehalten hätte. Viele wollen nicht mehr Teil des allgemeinen Konsenses sein. Davon lebt die AfD.

Auf dem Katholikentag 2018 und auch auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin gab es breite Proteste gegen Auftritte von AfD-Vertretern. Haben Sie Proteste gegen Ihre Veranstaltungsreihe erlebt?

Die Reihe an sich ist umstritten. Innerhalb meiner Kirche, aber auch in konfessionellen Medien gab es Gegenstimmen. Bei mir persönlich kam davon aber wenig an. Ich erlebe, dass in meinem Umfeld viele der Meinung sind, dass wir auch mit der AfD reden müssen. Sogar aus dem linken Spektrum kommt diese Einsicht. Gera ist eine AfD-Hochburg. Die Kräfteverhältnisse hier sorgen dafür, dass es geradezu naiv wäre, den Dialog nicht zu suchen. Er ist eine politische Notwendigkeit.

Herr Hiddemann, vielen Dank für das Gespräch!

Die siebenteilige Veranstaltungsreihe der Ökumenischen Akademie Gera „Deutschland zuerst?“ begann im April mit einem Themenabend unter dem Titel „Lügenpresse! Herrscht Zensur oder journalistisches Ethos?“ und endet am 23. November unter der Überschrift „Deutschland zuerst? Stolz auf Deutschland. Schuldkult oder Vergangenheitsbewältigung?“. Am Freitag, 24. August, widmet sich die Reihe der Frage „Ehe natürlich! Zurück zur Familie oder Vielfalt der Lebensformen?“

Die Fragen stellte Anna Lutz

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