Das christliche Medienmagazin

Winterhoff: Entspannte Eltern – entspannte Kinder

Eltern hetzen rastlos durch den Alltag und finden keine Ruhe mehr. Beruf, aber auch Medien fordern permanente Aufmerksamkeit. Diese Situation ist die Ursache für viele vermeintliche Erziehungsprobleme, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff. Im Interview mit dem Christlichen Medienmagazin pro rät er Eltern, aus dem Hamsterrad auszusteigen, um ihren Kindern wieder mit innerer Ruhe zu begegnen.
Von PRO

Foto: k.zwo

pro: Herr Winterhoff, obwohl sich der größte Teil der Eltern viel Mühe mit der Erziehung gibt, haben wir steigende Zahlen an psychisch auffälligen Kindern in Deutschland. Was läuft da eigentlich schief?
Michael Winterhoff: Wir Erwachsene sind in dieser Gesellschaft durch hohe Beanpruchung und beruflichen Stress, aber auch durch mediale Dauerbeschallung mit negativen Nachrichten überfordert. Das führt dazu, dass sich bei vielen Menschen die Psyche in einem Katastrophenmodus befindet, der nicht rational begründbar ist. Das wirkt sich schädlich auf die Entwicklung von Kindern aus.

Können Sie das genauer erklären?
Unterschiedliche Ursachen verstärken sich gegenseitig: Starke berufliche Beanspruchung, die permanente Erreichbarkeit und große Unsicherheit bezüglich der eigenen Zukunft. Dazu kommt der Dauerbeschuss mit Negativnachrichten, die sich vermengen mit realen Bedrohungen des Alltagslebens. Kaum jemand kann dabei wirklich entspannt bleiben. Die Psyche hat durch die Kombination beider Belastungen keinen Ausweg mehr und stellt auf Katastrophenmodus um.

Wir reagieren unbewusst wie bei einem Erdbeben oder Tsumani?
Genau. Menschen verkraften die vielen negativen Nachrichten nicht und es entsteht ein Phantomstress, der auf mediengesteuerten Phantomängsten beruht.

Was sind denn Phantomängste?
Vereinfacht ausgedrückt: Die Intensität der Berichterstattung über Krisen, Naturkatastrophen und Terror erzeugt in uns Panik und ein diffuses Gefühl, einer ähnlichen Bedrohung ausgesetzt zu sein. Wir sind nicht mehr in der Lage, wirklich zu differenzieren. Dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass uns so etwas zustößt, kann unsere Seele nicht differenzieren.

Warum beschäftigen Sie sich als Kinderpsychiater mit dem Katastrophenmodus der Eltern?
Weil sich immer mehr Mütter und Väter, die mit ihren Kindern in meine Praxis kommen, in diesem Zustand befinden. Bei den Kindern stelle ich seit etwa fünf Jahren immer mehr emotionale Entwicklungsstörungen fest. Sie haben Schwierigkeiten, Reize zu filtern aber auch, Probleme und  Zusammenhänge zu erkennen. Durch das Leben im dauerhaften Katastrophenmodus verlieren Erwachsene ihre Position als strukturierendes Gegenüber für das Kind. Die Beziehung wird gestört.

Wie hängt das genau zusammen?
Ruhe überträgt sich genauso wie Unruhe. Je jünger ein Kind ist, desto stärker nimmt es die emotionale Befindlichkeit der es umgebenden Erwachsenen auf. Ruhige Eltern, die intuitiv mit dem Kind umgehen, erzeugen ruhige Kinder, die ihre Kindheit genießen. Unruhige und getriebene Erwachsene erzeugen Druck auf die Kinder. Dauerhaft erzeugt dieser Entwicklungsstörungen im emotionalen und sozialen Bereich.

Wenn Eltern sowieso schon gestresst sind, warum packen sie dann ihren Kindern so viele Termine in die Woche?
In einer Katastrophe arbeitet man mit Hochdruck daran, diese zu beseitigen. Da unsere Psyche meint, wir seien in einer solchen, sorgt sie dafür, dass wir immer weiter rennen. Die drei Vereine für das Kind dienen zwar zur Förderung des Kindes, aber auch dazu, den Zustand aufrechtzuhalten. Wir stöhnen zwar über die Anforderungen, sind aber unbewusst stets auf der Suche nach neuem Stress.

Das hört sich sehr abstrakt an.
Ist es aber nicht: Eine gesunde Reaktion wäre, zu sagen: Drei Vereine überfordern mich, einer genügt. Eltern, die im Katasrophenmodus sind, können das nicht, sie müssen das Kind zu drei Vereinen fahren.  Obwohl sie das Gefühl der Überforderung gut kennen sind sie – wie von einer unsichtbaren Kraft getrieben – bestrebt, Zeit zu füllen, anstatt freie Zeit zuzulassen.

Warum kommen wir so schwer zur Ruhe?
Wenn der ständige Input von außen fehlt, ist der Mensch auf sich geworfen. Dieser Zustand ist uns erstens langweilig und zweitens löst er Unbehagen aus. Dabei wäre Muße die Chance, die eigene Mitte wiederzufinden und seine Position in der Welt verorten zu können. Dann könnten wir auch den negativen Strömungen unseres Alltags etwas entgegensetzen.

Trotzdem lässt sich der Alltag nicht fern von Termindruck und Nachrichten leben…
Ich rede nicht von Phasen, in denen man kurzfristig Stress hat, sondern von einem Dauerzustand. Wenn ich angespannt bin, muss alles schnell schnell gehen. Der Tagesablauf ist durchgetimt. Was länger als geplant dauert, stört und erzeugt Stress. Sobald etwas quer läuft, kann man nicht mehr souverän reagieren. Man ist nervlich schnell an der Grenze und treibt das Kind zu Eile an. Das Wichtigste daran: Wenn ich immer herumhetze und von außen bestimmt bin, spüre ich meine Intuition nicht mehr. Die brauche ich aber, um die emotionale Entwicklung des Kindes zu ermöglichen. Erziehung funktioniert nur über Intuition.

Wie wirkt sich das konkret auf Kinder aus?
Spannungen sind ungünstig für die Entwicklung. Der Dauerstress der Erwachsenen überträgt sich aufs Kind. Ich habe noch nie so viele Kinder mit Stress-Symptomen wie Rückenverspannungen, Schlafstörungen und Kopfschmerzen erlebt. Eltern tendieren auch dazu, die dringend nötigen Rituale im Alltag aufzulösen. Und sie sind oft nicht in der Gegenwart, sondern mit den Gedanken schon woanders. Das spüren Kinder, ohne dass sie es ausdrücken können.

Wie kommen Betroffene heraus aus dem Hamsterrad?
Dieser Prozess klappt nicht von jetzt auf gleich. Auch die Suche nach Entspannung und Ausgleich dient dazu, im Hamsterrad zu bleiben. Es hilft, sich die eigene Situation von außen anzuschauen: Brauchen wir das alles, was wir können und dürfen? Was uns zur Verfügung steht? Der Teufelskreis kann nur durch Bewusstwerdung durchbrochen werden.

Worauf Eltern bei der Suche nach Ruhe und Entspannung besonders achten sollten, lesen Sie im vollständigen Interview mit Michael Winterhoff in der aktuellen Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro. Die kostenlose Zeitschrift kann unter der Telefonnummer 06441/915151 oder unter info@pro-medienmagazin.de angefordert werden. (pro)

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