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Willow Creek: Praktisch glauben

Vielfältige Themen, inspirierende Ansprachen, motivierende Predigten: Rund 8.300 Christen aus Landes- und Freikirchen nehmen bis Samstag an einem Leitungskongress der Willow Creek Association teil. Sie haben ein gemeinsames Ziel: Im "Glauben, Lieben, Leiten" zu wachsen – und den Blick auf den Anderen zu schärfen.
Von PRO

Foto: Copyright (c) 2010 Marc Gilgen

Vielfalt, Inspiration, Motivation – anders lässt es sich kaum erklären, dass die Kongresse von Willow Creek seit mehr als 15 Jahren auch in Deutschland Zehntausende Menschen anziehen. Nicht nur in Europa ist Bill Hybels, der Gründer und Pastor der Willow Creek Community Church in South Barrington bei Chicago, regelmäßig zu Gast. Dabei ist es ja verständlich, wenn so mancher Beobachter voller Skepsis über vermeintliche "amerikanische Importmodelle" den Kongressen kritisch steht. Doch eines steht fest: Die anfängliche Skepsis ist längst der Überzeugung gewichen, dass Bill Hybels nicht seine eigenen Fähigkeiten oder Strategien "verkaufen" will, nicht sein Gemeindekonzept als ultimatives Vorbild darstellt, dem alle nacheifern sollten. Er hat vielmehr konsequent den Anderen im Blick. Hybels geht es um Leidenschaft – im Glaubens- und Gemeindeleben, und auch im Einsatz für Mitmenschen.

Eine Gemeinde brauche nichts Wichtigeres als "Christus-zentrierte Menschen", sagte Hybels vor den Kongressteilnehmern in Karlsruhe. "Diese Leute haben tatsächlich Gott in der Mitte ihres Lebens." Diese Leidenschaft im eigenen Glaubensleben hat zwangsläufig Auswirkungen: "Sie dienen unter anderem den Armen, selbst wenn die ganze Gemeinde keinen blassen Schimmer davon hat. Und sie geben ihr Leben für Gott, auch wenn es in der Gemeinde nicht so gut läuft. Sie sind außergewöhnliche Menschen", sagte Hybels. Warum also stagnieren Gemeinden? Warum müssen Pastoren und Leiter ihre Leute ständig auffordern, aktiv zu werden, um wenigstens das Minimum zu tun? "Weil nicht genug ‘Christus-zentrierte Menschen’ in den Gemeinden sind. Diese Menschen geben von selbst, bei ihnen muss man nicht bitten und betteln."

Darum also geht es: Der eigene, gelebte Glaube hat Auswirkungen auf das persönliche Umfeld – und weit darüber hinaus. In den USA hat sich daher längst herumgesprochen, dass die Willow Creek Gemeinde, deren Gottesdienste wöchentlich von etwa 23.000 Menschen besucht werden, nicht um sich selbst kreist. Regelmäßig sammeln die Gemeindemitglieder etwa Schulranzen und Kleidung für Kinder aus sozial schwachen Familien. Willow Creek unterhält Essensausgabestellen, in denen Notleidende versorgt werden. Im vergangenen Jahr machte die Gemeinde durch eine besondere Aktion von sich Reden: Eine Woche lang aßen Mitglieder der Gemeinde pro Tag nur so viel Reis, wie der überwiegende Teil der Weltbevölkerung im Durchschnitt zur Verfügung hat. Gleichzeitig widmete sich Hybels in seinen Predigten der Verantwortung der Christen für die Menschen, die täglich ums Überleben kämpfen. Und, so sagte der Pastor jetzt in Karlsruhe, auch für die Erdbebenopfer auf Haiti hat seine Gemeinde gesammelt. In kürzester Zeit spendeten viele insgesamt 500.000 Dollar.

Die Zahlen nennt Hybels wiederum nicht, um Willow Creek als Beispiel für Wohltätigkeit und Nächstenliebe darzustellen. Es geht ihm auch dabei einzig darum, die Konsequenzen aus einem "Christus-zentrierten Leben" aufzuzeigen – bei dem der Blick nie alleine auf sich selbst, sondern immer auch auf den Anderen gerichtet ist.

Daher sind unter den Referenten des diesjährigen Führungskräftekongresses auch Menschen, die diesen Blick auf Andere als Beruf und Berufung sehen. Wie die Berliner Gefängnisseelsorgerin Astrid Eichler. Die langjährige Pfarrerin der Evangelischen Landeskirche von Berlin-Brandenburg und Schlesische Oberlausitz ist seit 2005 Gefängnisseelsorgerin in Berlin. "Wir haben die Aufgabe, die Welt dort zu verändern, wo wir als Menschen stehen", forderte sie die Kongressbesucher auf. Christen haben ihrer Ansicht nach immer wieder die Aufgabe, Gott konkret zu fragen: "Was willst Du von mir?" Eichler ermutigte die Besucher, auf Gottes Reden zu hören und das Gehörte weiterzugeben. "Werden Sie aktiv und begleiten Sie Menschen!" Dazu brauche es Geduld, gegen den Widerstand zu wachsen, und Wagemut: "Umso sicherer wir sind, umso weniger werden wir wagen. Wer Erfolgsgeschichten sehen will, muss etwas wagen."

Mit 25 Euro Hoffnung geben

Hoffnung für neue Gemeinden und die nächste Generation will auch die Amerikanerin Jessica Jackley vermitteln. Mit ihrer Organisation "Kiva.org" ermöglicht sie es, Mikrokredite über das Internet an Kleinbetriebe in Entwicklungsländern zu verleihen. "Mit relativ geringen Darlehen ab 25 Euro können wir Menschen helfen, Fuß zu fassen", erklärte Jackley in einem auf dem Kongress ausgestrahlten Video-Interview. Auf diese Weise seien in den vergangenen vier Jahren 84,5 Millionen Dollar investiert worden. "Es geht darum, Ungerechtigkeit zu beeinflussen", so Jackley. Ihre Grundlage sei das Bibelwort: "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Den Besuchern machte sie Mut zur Umsetzung ihrer Visionen: "Habt keine Angst, klein anzufangen. Legt einfach los. Vor allem müssen wir ohne Vorurteile an die junge Generation herangehen." Jackley hat an der Universität Stanford studiert und wurde kürzlich vom "Time"-Magazin zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt.

Landesbischof Fischer: "Kapieren, nicht kopieren"

Dass es Willow Creek also um weit mehr geht als die Egozentrik der eigenen Gemeinde oder des eigenen Glaubenslebens überzeugt längst auch Vertreter der großen Landeskirchen in Deutschland. Der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Baden, Ulrich Fischer, erinnerte in seinem Grußwort auf dem Kongress in Karlsruhe an seinen Besuch der Willow Creek-Gemeinde im Jahr 2001. "Dieser Besuch", so Fischer, "gehört zu den eindrücklichsten, die ich in meiner 12-jährigen Dienstzeit als Bischof erlebt habe. Dabei habe ich den Grundsatz ‘Kapieren, nicht kopieren’ mitgenommen." Auf dem Kongress in Chicago habe er damals vieles kapiert. "Ich wünsche auch Ihnen, dass sie auf diesem Kongress vieles kapieren davon, wie sie Menschen für Jesus Christus begeistern und dass sie mit brennenden Herzen nach Hause fahren", resümierte Fischer.

Dazu wollen neben Hybels zahlreiche weitere Referenten beitragen. Craig Groeschel etwa, Pastor der LifeChurch.tv-Gemeinde (Oklahoma/USA), sprach über den Erfolg, der im Scheitern liegt. Scheitern dürfe nicht  als persönliches Versagen gesehen werden: "Mein erster Dienst war ein großes Scheitern. 100 Menschen kamen zu meiner ersten Veranstaltung. Bald darauf waren es nur noch vier. Ich sagte mir: ‘Gott, ich bin ein Versager’. Doch nun sage ich dir: Versagen ist eine Situation, nicht eine Person. Nur weil du an etwas gescheitert bist, bist du nicht gleich ein Versager. Gott musste erst etwas in mir tun, bevor er etwas durch mich tun konnte."

Für den Gründer von LifeChurch.tv ist Versagen keine Option, sondern eine Notwendigkeit. "Oft ist der erste Schritt zum Erfolg das Scheitern." Wer scheitere, dürfte sich nicht einfach selbst beschuldigen. Entscheidend sei, nach dem Scheitern wieder aufzustehen: "Lass das Scheitern dich nicht zurückhalten. Nur weil du gescheitert bist, bist du kein Versager. Vielleicht bereitet Gott dich gerade durch das Scheitern auf etwas vor." Groeschel gründete 1996 seine Gemeinde in einer Doppelgarage, bis heute entstanden daraus 13 verschiedene Gemeindezentren in den USA.

"Ressourcen in Nutzen umwandeln"

Mit Fredmund Malik (St. Gallen) hatten die Veranstalter des Willow Creek-Leitungskongresses einen der führenden internationalen Experten für die Schulung von Führungskräften eingeladen. Der aus Österreich stammende  Wissenschaftler und Unternehmensberater leitet Ausbildungszentren in der Schweiz, in England, Canada und China. Malik beschäftigte sich mit der Frage, wie Menschen "Sicher sicher führen lernen".

Es sei grundsätzlich Aufgabe eines Managers, Ressourcen in Nutzen umzuwandeln. "Ein Manager ist eine Person, die Dinge zum Funktionieren bringt – und das in einer der größten Umwandlungsepochen, die es je gab. Zeiten der Krise sind nur dann schlimm, wenn wir nicht wissen, wie wir damit umgehen."

Weil klassische gesellschaftliche Netzwerke nicht mehr ihre Aufgaben erfüllen, entstehe eine neue Welt. Malik vertrat die These, dass dabei in Zukunft Dinge "doppelt so gut funktionieren mit der Hälfte des Geldes". Es gelte in Zukunft wesentlich mehr, nicht auf die Schwächen zu schauen, sondern zu entdecken, was der Einzelne besser könne als andere. Statt Geld müsse wieder die Intelligenz und statt Stress der Sinn von Aktionen im Vordergrund stehen. "Wichtig sind Menschen, die einen Sinn in ihrer Aufgaben sehen", so Malik.

Nach Ansicht des amerikanischen Theologen John Ortberg hatte keine Person in der Weltgeschichte eine so große Wirkung wie Jesus Christus. Der Pastor der Presbyterian Church in Kalifornien forderte die Teilnehmer dazu auf, Menschen nicht zu Aktionismus anzustiften, sondern ihnen zu helfen, aus Überzeugung zu handeln. Hauptaufgabe der Christen sei es, jeden einzelnen Menschen zu einem reifen und mündigen Christen zu machen und damit die Vision des Paulus umzusetzen. "Die größte Aufgabe des menschlichen Universums ist das Formen der menschlichen Seele", so Ortberg.

Vor Kongressbeginn sagte der Vorsitzende von Willow Creek Deutschland, Ulrich Eggers, vor Journalisten, der Kongress sei nicht als "Doping oder eine billige Abkürzung zum Wachstum" zu verstehen. "Gemeinde bedeutet kleine Brötchen backen, jahrelang immer das richtige tun." Der Willow Creek-Leitungskongress findet in der dm-arena in Karlsruhe statt. An der überkonfessionellen Veranstaltung nehmen 7.800 Personen teil. Der Kongress wird zudem live nach Winterthur (Schweiz) übertragen, wo weitere 500 Teilnehmer angemeldet sind.

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