Das Wort „Kirubai“ ist Tamilisch und bedeutet „Gnade“. „Das ist unsere wichtigste Mitbewohnerin“, sagt Christina Brudereck, als sie PRO durch ihr Wohnhaus in Essen führt. Seit 27 Jahren lebt sie hier gemeinsam mit ihrem Ehemann Ben Seipel und zwölf Freunden inklusive deren Kindern. „Kirubai“, das ist der Name ihrer Kommunität. Eine christliche Lebensgemeinschaft auf drei Stockwerken. Hier wird vor allen Dingen zusammen gewohnt „wie in einer Familie“, sagt Brudereck und meint: Es wird gemeinsam gegessen und ein Haushalt geführt. Aber auch gebetet, gesungen – „und zwar manchmal vierstimmige Taizélieder vor dem Essen“ – und beherbergt. Ein Gästezimmer im Erdgeschoss steht allen offen, die es brauchen. Hier haben schon syrische Geflüchtete gelebt, oder ein Mann, der sterbenskrank war und sein letztes Weihnachtsfest in Gemeinschaft verbringen wollte.
„Willkommen, wer auch immer du bist, was auch immer du glaubst, wo auch immer du dich befindest auf deiner Lebensreise, wen auch immer du liebst“, sagen sie jeden Sonntag zur Begrüßung in ihrer Gemeinde mit dem Namen „e/motion“, die Brudereck mitgegründet hat und die dem CVJM angeschlossen ist. Dieses Willkommen ist für Brudereck auch so etwas wie ihr Lebensmotto.
Trotzkraft in der Coronazeit
Um dem Trubel einer solchen Gemeinschaft auch mal zu entkommen, haben Seipel und Brudereck sich eine kleine Kaffeeecke im Büro eingerichtet. „Ich schäle jetzt eine Mandarine, dann kann ich beim Reden besser denken“, sagt sie, als sie Platz genommen hat, lacht, und greift zum Obst. Vor zwei Jahren hat sie einen Gedicht- und Kurzgeschichtenband veröffentlicht, der so etwas wie ein geschriebenes Kaminfeuer ist. Kurze Texte für die Adventszeit, über Gott, die Geburt Jesu und warum diese Zeit zum Feiern und Innehalten einlädt. Deshalb nennt Brudereck sie auch „Weltjahresbestzeit“, der Titel des Buchs. Sie hat das Ganze gemeinsam mit ihrem Mann Ben Seipel als Bühnenversion aufgelegt, er spielt Klavier, sie trägt vor. Nicht nur mit diesem Programm sind sie als Duo „2Flügel“ unterwegs. Allein in der Passionszeit spielen sie zusammen 15 Konzerte, 80 sind es im Jahr. Unter demselben Namen haben sie auch einen eigenen Verlag ins Leben gerufen.

In der Corona-Zeit schrieb Brudereck ein Buch mit dem Titel „Trotzkraft“, viele kleine Texte über das Widerstehen in Zeiten der Schwere, über Zuversicht, wenn die Welt finster ist, sei es wegen Krankheit, Ausgangssperren oder globaler Krisen. Sie hat Romane wie „Café Mandelplatz“ oder „Die Teetrinkerin“ geschrieben, war Predigerin bei der Jugendevangelisation „Jesus House“, lässt sich bei ihrem Bühnenprogramm von ihrem Mann als „Feministin“ vorstellen, zitiert gerne und leidenschaftlich jüdische Denkerinnen, gendert und schreibt Gott mit Leerstelle. G_tt also. Aus Respekt vor dem Allmächtigen. Sie ist pietistisch aufgewachsen, als evangelikal würde sie sich nicht bezeichnen. Im November wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet. Wer ist Christina Brudereck, die gemütlich und trotzig, fromm und frei, laut und leise zugleich ist?
Vater Pfarrer, Mutter „Meisterin des Kirchenjahres“
Brudereck wächst Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre im Sauerland auf. CVJM und Kindergottesdienste sind Teil ihres Alltags, denn ihr Vater ist Pfarrer der dortigen Landeskirche. Nicht nur die Wochenenden, auch die Festtage stehen voll im Zeichen des Berufs. Eines Heiligabends, Brudereck ist gerade zwölf Jahre alt, kommt ein Obdachloser in die Kirche. Er nimmt in der Presbyterbank Platz, doch die Christen lassen ihn gewähren. Als der Gottesdienst zu Ende ist und die Familien sich aufmachen zu Gans und Klößen, bleibt er sitzen. Bruderecks Vater spricht den Mann an: „Kommen Sie mit zu uns“, lädt er ihn ein. „Ich weiß noch, wie ich als Kind dachte: Jetzt ist es aber mal gut. Wenigstens an Heiligabend“, erinnert sich die heute 57-Jährige und sagt das damals auch so ihrem Vater. Er entgegnet: „Christina, was habe ich denn gerade gepredigt?“ Der Obdachlose übernachtet im Gästezimmer des Gemeindehauses.
Zur Person
Christina Brudereck ist Predigerin und Autorin. Außerdem ist sie mit ihrem Ehemann Ben Seipel als Duo „2Flügel“ unterwegs, er spielt Klavier und sie trägt Texte vor. 80 Konzerte spielen die beiden im Jahr und veröffentlichen im „2Flügel-Verlag“ außerdem Bruderecks Bücher, etwa „Café Mandelplatz“ oder „Trotzkraft“. Zuletzt erhielt die 57-Jährige den ökumenischen Predigtpreis für ihr Lebenswerk.
Brudereck spielt als Jugendliche Gitarre, wird Klassensprecherin, „natürlich, weil ich früh gelernt habe, vorne Geschichten zu erzählen“, sagt sie mit Bezug zu Kinderstunden und kirchlichen Aktivitäten. Als sie 16 Jahre alt ist, schenkt ihre damalige Religionslehrerin ihr ein Buch der Theologin Dorothee Sölle. „Lieben und Arbeiten“ verändert ihr Leben. „Gott, die in Wehen Liegende, das habe ich nie wieder vergessen“, erinnert sich Brudereck an ein Zitat aus dem Buch. Denn in ihrer Familie sind die Rollen klar getrennt. Die Mutter kümmert sich um das Zuhause, der Vater predigt.
Als sie ihren Vater nach mehr Büchern von Sölle fragt, gibt er ihr die Titel „Atheistisch glauben“ und „Stellvertretung“. Sie gibt sie ihm zurück mit den Worten: „Die haben mir sehr gefallen.“ Er sagt: „Mir haben sie nicht so gut gefallen, du darfst sie behalten.“ Er verbietet nicht, er würdigt nicht herab, er lässt das Geschriebene stehen und dem Kind die Freiheit, Gott selbst zu entdecken. „Er hätte auch sagen können: Lies was Ordentliches“, sagt Brudereck. Obwohl ihr Vater manchmal streng, traditionell und durchaus konservativ gewesen sei, „hat er mir nie Angst gemacht, er war nie moralisch. Er hat nie mit Gott gedroht. Und er hat mir die Bücher lieb gemacht.“ Das ist heute auch ihrem Büro anzusehen. An allen Wänden ragen volle Regale vom Boden bis zur Decke. Mehrere Male im Gespräch steht sie auf, sucht kurz, und zieht ein thematisch passendes Buch aus dem Regal. Egal ob Dorothee Sölle oder die jüdische Autorin Mirna Funk, sogar Bücher von ihr selbst, der Stapel des zu Lesenden wächst mit jedem Thema des Interviews.
„Güte“, ist das erste Wort, das ihr zu ihrer Mutter in den Sinn kommt. Und dann: „Sie war eine Meisterin des Kirchenjahres.“ So verschwinden etwa in der Karzeit alle Blumen aus dem Haus, Dornengewächse zieren die Tische und Fenster. Am Karsamstag änderte sich wieder alles. Hyazinthen, Tulpen, Osterglocken, das Haus erblüht in allen Farben. „Da spürst du, das Leben hat gewonnen. Das hat meine Mutter gepredigt auf ihre Weise.“ Brudereck erlebt den Glauben als Kind durch die Worte des Vaters, die Bücher und die Schönheit der Bräuche. Doch schon damals stellt sie sich die Frage: „Wie übersetzen wir das ins Heute, für Menschen, die schlechte oder keine Glaubenserfahrungen gemacht haben? Für die, die Gott suchen?“
Ein Baby im Müll
Nach dem Abitur zieht Brudereck aus dem Elternhaus aus, macht ein freiwilliges soziales Jahr im nahe gelegenen Wuppertal, feiert Weihnachten nun selbst mit Obdachlosen anstatt in der heimischen Kirche. Dann verbringt sie einige Wochen in Soweto, lebt als Weiße in einem schwarzen Township, erlebt das erste Mal, was es bedeutet, anders zu sein, und sieht das erste Mal in ihrem Leben echtes Leid, Hunger, Armut, Krankheit. Ihr Glaube ist davon tief erschüttert. Wenn nicht alle Kinder von Gott behütet sind, warum bin ich es dann? Will ich dann überhaupt von ihm behütet sein? Fragen wie diese lassen sie nicht mehr los. Ohne Gott zu leben, das kann sie sich nicht vorstellen. Aber ihre christliche Überzeugung trägt sie künftig weniger vollmundig vor. Wird stiller. Überdenkt vieles mehr. Brudereck beschließt, ihren Fragen und ihrem Ringen mit Gott ein ganzes Studium zu widmen. Theologie soll es sein. Auch angetrieben durch die Frage nach dem Leid. Noch während ihres Theologiestudiums verbringt Brudereck ein weiteres Jahr in Südafrika. Wieder wird sie erschüttert. An einem Tag findet sie auf dem Weg zum Gottesdienst ein totes Baby im Müll. „Es war nicht weggeworfen worden, eher in Ruhe abgelegt, zwischen Plastikverpackungen und Essensresten.“ Wenn sie in den Jahren danach als Predigerin in Gemeinden oder auf Bühnen steht, dann sieht sie oft das tote Kind im Müll vor sich. „Als würde es in der ersten Reihe sitzen und mich anschauen. Jedes meiner Worte muss dieses Kind mit einbeziehen“, sagt sie.
In Johannesburg arbeitet sie in einem Frauenprojekt und lernt ganz neu die Kraft von biblischen Geschichten kennen. Frisch im Projekt bereitet sie einen Informationsnachmittag zu sexueller Gewalt vor. Mehrere Expertinnen sind vor Ort, viele einheimische Frauen kommen. Eine Juristin klärt über Fakten auf, eine Gynäkologin erklärt Details. Doch Brudereck sieht die Ablehnung der Gäste. Alle Zuhörerinnen sitzen mit verschränkten Armen da. Den Frauen fehlt der Zugang. Sie können auch kulturell bedingt nicht über das schambehaftete Thema sprechen. Da tritt Brudereck auf die Bühne und liest eine Bibelgeschichte vor. Die Vergewaltigung einer Nebenfrau aus dem Buch der Richter. „Was denkt ihr darüber?“, fragt sie. Eine alte schwarze Frau meldet sich: „Wenn’s in der Heiligen Schrift steht, werden wir wohl darüber reden können“, sagt sie und beginnt damit das Gruppengespräch. Die biblischen Impulse werden von diesem Tag an zum festen Bestandteil der Thementage.
Provokante Positionen
Jener Tag in Afrika, die Bücher und Predigten des Vaters, die Kreativität der Mutter, all das macht aus Christina Brudereck die Geschichtenerzählerin von heute. Und schon damals weiß sie: Geschichten über Gott sollen ihr Beruf werden. Auch wenn sich ihr Gottesbild im Laufe ihres Lebens verändert: „Gott war für mich als Kind einfach der Schöpfer einer großen, bunten Welt. Dann wurde Gott mütterlicher. Gott ist nicht nur weiß und ein Mann, Gott ist auch eine schwarze große Schwester.“
Nach ihrem Theologieabschluss vergibt die Westfälische Kirche nur 15 Vikariatsplätze. Brudereck landet nach einem Assesmentcenter an Stelle 17. „Ich habe es schriftlich von meiner Kirche, dass sie mich nicht gebrauchen kann“, sagt sie und kann heute, nach all den veröffentlichten Büchern, den Konzerttourneen und den vielen Predigten, die sie gehalten hat, darüber lachen. Weil sie damals schon zu Evangelisationen und Kirchenevents als Sprecherin eingeladen wird, macht sie sich kurzerhand als Predigerin selbständig. Der Evangelist und konservative Evangelikale Ulrich Parzany lobt sie als Predigerin bei „Jesus House“ ausdrücklich, die Jugendlichen hingen an ihren Lippen, so sagt er damals.
Als Brudereck im Jahr 2016 öffentlich davon spricht, dass Gottes Gnade so groß sei, dass sie sogar die Hölle „leer lieben“ könne, widerspricht Parzany öffentlich. Auch, dass Brudereck statt von Gästen von Gästinnen spricht, dass sie sagt, sie fühle sich in ihrer Kirche häufig nicht angesprochen, weil deren „Sprache einseitig Cis-männlich“ sei, ihr weibliches Gottesbild, das alles mag so manchen Konservativen auf die Palme bringen. „Die Evangelikalen und ich haben Berührungspunkte“, sagt sie versöhnlich. Manchen sei sie zu liberal, manchen zu feministisch, mit einigen könne sie wohl kaum ein gemeinsames Glaubensbekenntnis schreiben. Und doch ist sie bemüht, kein schlechtes Wort zu verlieren über Männer wie Parzany. „Ich versuche, nicht nur den Menschen, sondern seine ganze Geschichte zu sehen“, sagt sie. So wie ihr Vater damals bei dem Obdachlosen in seiner Kirche. Oder bei den Frauen in Afrika.
Sie selbst sieht sich auch Jahre nach ihren Auftritten bei „Jesus House“ als Evangelistin. Es sei ihr tiefer Wunsch, „dass Menschen neugierig werden auf Gott. Dass sie umdenken, umkehren, sich von Gott berühren lassen“. Auch ohne Bekehrungsaufruf am Ende des Programms. „Die Frommen sind nicht meine Zielgruppe“, fügt sie hinzu. Bei ihnen beobachtet sie eine Angst nach dem Motto: „Das wahre Evangelium wird ja nicht mehr gesagt.“ Stattdessen wünscht sie sich Vertrauen: „Lass mich das mal auf meine Weise machen.“ Provoziert sie gern? Darüber muss Brudereck nachdenken. „Nein“, sagt sie. Manchmal sei sie selbst überrascht darüber, welche ihrer Worte am Ende Schlagzeilen machten. „Meine Haltung ist eher: Ich nehme das in Kauf. Ich bin wirklich gar kein aufgeregter Mensch.“ Das glaubt man ihr gerne, wie sie dort sitzt, zwischen Büchern, auf dem Tisch Mandarinenschalen und eine Tasse Tee. Es fehlt nur das Kaminfeuer.
Dieser Text ist in der Ausgabe 1/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Sie können die Ausgabe hier bestellen.