Das christliche Medienmagazin

„Wie wäre es mit einem Luther-Computerspiel?“

Hundertausende Computerspielefans treffen sich dieser Tage auf der Messe Gamescom. Wer glaubt, dass Daddeln nichts mit Religion zu tun hat, liegt falsch. Der Theologe Matthias Pöhlmann fordert die Kirche sogar dazu auf, das Medium Spiel verstärkt zu nutzen, um ihre Botschaften in die Welt zu tragen.
Von PRO
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Der Theologe Matthias Pöhlmann beschäftigt sich auch mit Computerspielen und wünscht sich, dass die Kirche sich auch in diesem Bereich engagiert

Foto: ELKB/MichaelMcKee

Der Theologe Matthias Pöhlmann beschäftigt sich auch mit Computerspielen und wünscht sich, dass die Kirche sich auch in diesem Bereich engagiert

pro: In Deutschland spielen 35 Millionen Menschen regelmäßig Computerspiele – wie begegnet ihnen dabei die Religion?

Matthias Pöhlmann: In ganz unterschiedlicher Form. Die Entwickler greifen religiöse Versatzstücke aus der Kultur auf und bauen sie ein. Da tauchen dann Kathedralen auf oder Priester. Die Geschichten, die im Computerspiel erzählt werden, enthalten mitunter christlich-religiöse Andeutungen. Also etwa mythische Stilisierungen zum Messias, zum Beispiel in dem Spiel „Dragon Age Inquisition“: Dort wird der „Herold von Andraste“ mit quasi-messianischen Zügen ausgestattet. Das Ganze wird mit Lichtmetaphorik und dem immer wiederkehrenden Bild des Hirten unterlegt. Es gab auch einmal eine Taufe, die für Protest gesorgt hat …

Wie das?

In einem Spiel gab es die Aufforderung, sich taufen zu lassen, um ein Level weiter zu kommen. Das hat ein christlicher Nutzer abgelehnt und wollte das Spiel zurückgeben, weil er meinte, die Taufe sei ein religiöser Akt, der aus echter Überzeugung heraus geschehen müsse. Er hat dann geklagt und das Geld wiederbekommen.

Was für ein Bild des Christentums wird in Computerspielen vermittelt?

Es gibt kaum eine Trennschärfe zur Fantasiewelt. Klassische christlich-theologische Themen suchen Sie vergebens. Allenfalls findet man in Architektur und Ritualistik klare Aspekte realer Religionen oder religionsähnlicher Phänomene. Die Spieleentwicklerfirma Ubisoft arbeitet bewusst multireligiös, lässt also verschiedene Religionen in den Spielen vorkommen, am häufigsten aber Christentum, Islam und Buddhismus.

Warum diese drei?

Die Spiele sind ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Wir erleben die Globalisierung der Religionen. Hier im Westen gibt es neben Christentum und Islam auch eine starke Faszination für den Buddhismus. Er ist eine Modereligion von Stars und gilt vielen eher als Philosophie. Was da in den Spielen vorkommt, ist also eher ein Buddhismus light.

„Computerspiele können die Hemmschwelle für das Töten herabsetzen“

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen warnt, es gebe auch eine finstere Seite von Religion und Computerspielen …

Das stimmt. Computerspiele können die Hemmschwelle für das Töten herabsetzen. Damit arbeiten etwa islamistische Terroristen. Das Computerspiel dient dann der Schulung für brutale Aktionen und der Radikalisierung. Das ist noch nicht genauer erforscht, aber man weiß heute, dass sich bestimmte Attentäter vor ihren Anschlägen mit Spielen beschäftigt haben. Die Terroristen des 11. September haben sich mit dem Flugsimulator von Microsoft auf das reale Geschehen vorbereitet.

Gibt es so etwas wie eine Ethik der Computerspiele – und ist sie christlichen Leitmotiven entlehnt?

In Computerspielen geht es letztendlich um das Vorankommen, um Machtgewinn. Im Computerspiel „Black and White“ etwa spielen Sie Gott und müssen sich fragen, wie Sie Ihre Welt gestalten, ob Sie ein guter oder böser Herrscher sein wollen und so weiter. Explizit christliche Computerspiele gibt es bisher eigentlich nicht.

Zum 500. Geburtstag des Reformators Johannes Calvin entwickelte der Bochumer Theologe Michael Waltemathe im Auftrag der Evangelischen Kirche das Online-Spiel „Destination 2064“, in dem das Leben Calvins erklärt wird. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Ich finde das gut. Nutzer können in die Zeit der Hauptfigur eintauchen und mehr über sie erfahren. Tatsächlich ist so etwas aber eine Frage der Finanzen. Professionelle Entwickler stecken viel Geld in ihre Spiele. Wenn da ein kirchliches Projekt mithalten will, dann muss es wirklich gut sein und ordentlich finanziert werden. Da steckt meiner Wahrnehmung nach vieles noch in den Kinderschuhen und die Frage ist, ob die Kirche sich damit nicht übernimmt.

Sollte es christliche Computerspiele geben?

Ja, christlich insofern, als den Spielern Inhalte und Personen und ihre jeweiligen Zeitumstände nahe gebracht werden können – das kann ich mir gut vorstellen. Die Kirche ist immer sehr kritisch gegenüber allen möglichen Medien gewesen. Wichtig ist für mich: Medienerziehung muss es auch von christlicher Seite geben. Dabei muss sowohl die Kritik an Medien, als auch die Faszination, die etwa Computerspiele auslösen, berücksichtigt werden. Ziel muss es sein, jungen Menschen einen verantwortlichen Umgang mit Medien nahe zu bringen.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen warnt, es gebe auch eine finstere Seite von Religion und Computerspielen …

Das stimmt. Computerspiele können die Hemmschwelle für das Töten herabsetzen. Damit arbeiten etwa islamistische Terroristen. Das Computerspiel dient dann der Schulung für brutale Aktionen und der Radikalisierung. Das ist noch nicht genauer erforscht, aber man weiß heute, dass sich bestimmte Attentäter vor ihren Anschlägen mit Spielen beschäftigt haben. Die Terroristen des 11. September haben sich mit dem Flugsimulator von Microsoft auf das reale Geschehen vorbereitet.

Gibt es so etwas wie eine Ethik der Computerspiele – und ist sie christlichen Leitmotiven entlehnt?

In Computerspielen geht es letztendlich um das Vorankommen, um Machtgewinn. Im Computerspiel „Black and White“ etwa spielen Sie Gott und müssen sich fragen, wie Sie Ihre Welt gestalten, ob Sie ein guter oder böser Herrscher sein wollen und so weiter. Explizit christliche Computerspiele gibt es bisher eigentlich nicht.

Zum 500. Geburtstag des Reformators Johannes Calvin entwickelte der Bochumer Theologe Michael Waltemathe im Auftrag der Evangelischen Kirche das Online-Spiel „Destination 2064“, in dem das Leben Calvins erklärt wird. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Ich finde das gut. Nutzer können in die Zeit der Hauptfigur eintauchen und mehr über sie erfahren. Tatsächlich ist so etwas aber eine Frage der Finanzen. Professionelle Entwickler stecken viel Geld in ihre Spiele. Wenn da ein kirchliches Projekt mithalten will, dann muss es wirklich gut sein und ordentlich finanziert werden. Da steckt meiner Wahrnehmung nach vieles noch in den Kinderschuhen und die Frage ist, ob die Kirche sich damit nicht übernimmt.

Sollte es christliche Computerspiele geben?

Ja, christlich insofern, als den Spielern Inhalte und Personen und ihre jeweiligen Zeitumstände nahe gebracht werden können – das kann ich mir gut vorstellen. Die Kirche ist immer sehr kritisch gegenüber allen möglichen Medien gewesen. Wichtig ist für mich: Medienerziehung muss es auch von christlicher Seite geben. Dabei muss sowohl die Kritik an Medien, als auch die Faszination, die etwa Computerspiele auslösen, berücksichtigt werden. Ziel muss es sein, jungen Menschen einen verantwortlichen Umgang mit Medien nahe zu bringen.

„Anliegen der Reformation im Computerspiel vermitteln“

Wie sollten solche Spiele denn aussehen?

Wie wäre es mit einem Lutherspiel? Die Frage wäre dann, ob das ein Adventurespiel sein soll, oder eher eines, bei dem man Punkte erzielen muss oder so etwas. Es gibt sicherlich viele kreative Köpfe, die sich einmal Gedanken darüber machen könnten, wie man die Anliegen der Reformation im Computerspiel attraktiv vermitteln könnte.

Ist das Bild des Christentums, das Computerspiele derzeit vermitteln, eher positiv oder negativ?

Es gibt beides. Sie müssen immer schauen, vor welchem Hintergrund ein Spiel entwickelt wurde. In den USA etwa ist die religiöse Grundierung der Gesellschaft viel stärker als in Europa. Das zeigt sich auch in US-Spielen. Es gab auch schon Versuche von evangelikaler Seite, missionarische Spiele zu erschaffen. Ich bin skeptisch, ob so etwas funktioniert. Da wird zu sehr der moralische Zeigefinger erhoben, so etwas will ein Zocker nicht. Ich glaube, Spiele bieten eher Raum für Religionspädagogik. Wir müssen Spiele als das sehen, was sie sind: Unterhaltungsinstrumente.

Wie kann solche Religionspädagogik aussehen?

Zunächst einmal müssten sich etwa Religionslehrer mit Computerspielen auseinandersetzen. Nur so können sie mit jungen Menschen ins Gespräch kommen, auch über religiöse Elemente, die es in den Spielen ja ohnehin gibt. Es tut der Kirche gut, wenn sie die Lebenswirklichkeit von Menschen mehr in den Blick nimmt, auch beim Thema Spiele. Da kann sie noch viel wahrnehmungsfähiger werden, gerade in Zeiten der Digitalisierung. Säkularisierung, Pluralisierung und Individualisierung sind Themen, die einerseits Megatrends in unserer Gesellschaft sind und den Umgang der Menschen mit Religion betreffen, aber sich eben andererseits auch in Computerspielen wiederfinden lassen. Insofern kann die Kirche viel von Spielern und Spielen lernen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wie sollten solche Spiele denn aussehen?

Wie wäre es mit einem Lutherspiel? Die Frage wäre dann, ob das ein Adventurespiel sein soll, oder eher eines, bei dem man Punkte erzielen muss oder so etwas. Es gibt sicherlich viele kreative Köpfe, die sich einmal Gedanken darüber machen könnten, wie man die Anliegen der Reformation im Computerspiel attraktiv vermitteln könnte.

Ist das Bild des Christentums, das Computerspiele derzeit vermitteln, eher positiv oder negativ?

Es gibt beides. Sie müssen immer schauen, vor welchem Hintergrund ein Spiel entwickelt wurde. In den USA etwa ist die religiöse Grundierung der Gesellschaft viel stärker als in Europa. Das zeigt sich auch in US-Spielen. Es gab auch schon Versuche von evangelikaler Seite, missionarische Spiele zu erschaffen. Ich bin skeptisch, ob so etwas funktioniert. Da wird zu sehr der moralische Zeigefinger erhoben, so etwas will ein Zocker nicht. Ich glaube, Spiele bieten eher Raum für Religionspädagogik. Wir müssen Spiele als das sehen, was sie sind: Unterhaltungsinstrumente.

Wie kann solche Religionspädagogik aussehen?

Zunächst einmal müssten sich etwa Religionslehrer mit Computerspielen auseinandersetzen. Nur so können sie mit jungen Menschen ins Gespräch kommen, auch über religiöse Elemente, die es in den Spielen ja ohnehin gibt. Es tut der Kirche gut, wenn sie die Lebenswirklichkeit von Menschen mehr in den Blick nimmt, auch beim Thema Spiele. Da kann sie noch viel wahrnehmungsfähiger werden, gerade in Zeiten der Digitalisierung. Säkularisierung, Pluralisierung und Individualisierung sind Themen, die einerseits Megatrends in unserer Gesellschaft sind und den Umgang der Menschen mit Religion betreffen, aber sich eben andererseits auch in Computerspielen wiederfinden lassen. Insofern kann die Kirche viel von Spielern und Spielen lernen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Der Theologe Matthias Pöhlmann, Jahrgang 1963, hat für die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen das Materialheft „Götter, Kriege, Avatare“ zum Thema Computerspiele und Religion herausgegeben. Seit 2014 ist er außerdem Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Die Fragen stellte Anna Lutz

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