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Wie schmeckt eigentlich Gebet?

Catech’eria kombiniert philosophische Tiefenbohrungen mit kulinarischem Genuss. Ein Abend über Gebet im Computertomographen, das Herzensgebet eines griechisch-orthodoxen Priesters – und was Bio-Cola mit Spiritualität zu tun hat.
Von Nicolai Franz
Die Catech’eria verbindet gutes Essen und Getränke mit dem Nachdenken über die Bibel

Foto: pro/Nicolai Franz

Die Catech’eria verbindet gutes Essen und Getränke mit dem Nachdenken über die Bibel

Die Suche nach Gott beginnt im Wohnzimmer eines Professors. Joachim Jickeli lehrt eigentlich Wirtschaftsrecht an der Universität Kiel. Doch heute hat der großgewachsene Akademiker sein Haus für das Herzensprojekt seiner beiden Freunde Dirk und Regina Maass geöffnet: Catech’eria.

Catech’eria, die „haute cuisine des Lebens“, verbindet tiefgründige Impulse über den Glauben mit kulinarischem Genuss. Essen und Getränke sollen dabei nicht satt machen oder bloß gut schmecken. Sie sollen verdeutlichen, was die Gäste an den Abenden der Catech’eria gehört und mitgedacht haben. Wenn es um Leid geht, schenkt Dirk Maass einen Schluck Whiskey aus, um den Schmerz förmlich auf der Zunge zu spüren. Am „Abend der Wahrheit“ kommen besonders reine Zutaten auf den Tisch: Ungefiltertes Olivenöl aus Griechenland, naturbelassener Wein. Wenn die Gäste künftig mit Olivenöl kochen, erinnern sie sich vielleicht an das, was sie in der Catech’eria gelernt haben, so das Ziel. Erreichen wollen Dirk und Regina Maass Nichtchristen, die sich für Gott interessieren. Und kritische Christen, die sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden geben.

Dirk Maass schätzt Glaubenskurse wie den Alpha-Kurs. Doch Akademiker kämen dabei oft zu kurz. „Wir wollen in der Catech’eria zeigen, dass Glauben und rationales Denken einander nicht ausschließen – und für vernunftorientierte Menschen eine Brücke in die Gemeinden bauen.“ Deswegen nimmt sich Maass mit seinen Gästen auch mindestens zweieinhalb Stunden Zeit, um ein einziges Glaubensthema aus möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten.

Wohnzimmer statt Sakralbau

Dass Catech’eria Barrieren einreißen will, wird bereits an der Wahl der Veranstaltungsorte deutlich. Kirchen können abschrecken, schon aus ästhetischen Gründen. Maass ist gelernter Grafikdesigner und Werber, studierte danach Religionsphilosophie. Er weiß, wie man Produkte verkauft. „Ich fragte mich: Warum verkaufen wir den Glauben eigentlich so schlecht?“ Dabei ist ihm die Ästhetik überaus wichtig. „In einem hässlichen Kirchenbau aus den Fünfziger- oder Sechzigerjahren kann ich nicht glaubwürdig über die Schönheit Gottes reden.“ Deswegen trifft sich die Catech’eria bundesweit da, wo die Menschen sich wohlfühlen: Auf einem Weingut, bei Bekannten zu Hause, im nett eingerichteten Wohnzimmer.

Heute treffen sich etwa 20 Menschen, die meisten im mittleren Alter, in einem typischen Hamburger Backsteinhaus, um den „Abend der Klarheit“ zu erleben. Es geht herzlich und locker zu, Wohnzimmeratmosphäre eben. Auf dem Tisch im Esszimmer stehen Schnittchen und verschiedene Getränke. Noch weiß keiner der Teilnehmer, wann und wie diese zum Einsatz kommen werden. Der „Abend der Klarheit“ dreht sich um das Gebet, um das Ausrichten auf Gott, insbesondere um das „Herzensgebet“. Das ist eine Gebetsform, in der der Gläubige nicht zwingend Dank, Lob und Bitten formuliert, sondern mehr auf sein Inneres hört und Gott Raum gibt, zu sprechen.

Maass trägt ein dunkelblaues Sakko über seinem Hemd. Fast ein Jahr lang hat er recherchiert, um neue Antworten auf alte Fragen zu finden. Er wirkt gelöst und fröhlich. Seine Präsentation bedient er mit dem Tablet. Grafiken, Videos und Bilder unterstreichen seine Gedanken. „Stress ist in der westlichen Welt die Todesursache Nummer eins.“ Der Mensch komme nicht mehr zur Ruhe. Dabei liege gerade darin ein Schlüssel, Gott zu erkennen. „Es liegt nicht an Gott, dass wir ihn nicht hören, sondern eher an uns.“ Maass berichtet von seiner Reise auf die griechische Mönchsinsel Athos, davon, wie ihn die disziplinierte Ausrichtung auf Gott beeindruckt habe.

An Jesus führt kein Weg vorbei

Es folgt die erste von vier Verkostungen. Alkohol gibt es nicht, denn vernebelte Sinne würden dem Anliegen des „Abends der Klarheit“ widersprechen. Stattdessen reichen Maass und seine Frau eine Auswahl von Colas mit Biosiegel. Wichtig in der Catech’eria ist das „Food Pairing“, die Kombination verschiedener Aromen. „Cola mag ein einfaches Getränk sein, aber in Verbindung mit Umami-Aromen (fleischig-würzig; d. Red.) passt sie sehr gut.“ Deswegen speisen die Gäste zur dunklen Brause kräftig gewürzte Chicken Wings.

Eine Cola mit Madagaskar-Vanille trifft auf große Zustimmung, auch die Biobrause eines österreichischen Energy-Drink-Fabrikanten überrascht positiv. In späteren Gängen kosten die Feinschmecker alkoholfreie Biere und Weine, sogar alkoholfreier PriSecco steht auf dem Tisch. Er besteht aus reinen Fruchtsäften, die geschickt miteinander gemischt wurden. Chicha Morada, ein lilafarbenes Maisgetränk aus Peru, kombiniert Maass mit kräftigem Käse. Keine der Speisen und Getränke steht zufällig vor den interessierten Gästen, zu allem weiß Maass etwas zu erzählen.

Süßes Fingerfood passt zu alkoholfreiem PriSecco: Keine der Speisen und Getränke stehen zufällig auf den Tisch. Alle sind auf das Thema des Abends abgestimmt. Foto: pro/Nicolai Franz
Süßes Fingerfood passt zu alkoholfreiem PriSecco: Keine der Speisen und Getränke stehen zufällig auf den Tisch. Alle sind auf das Thema des Abends abgestimmt.

Die kulinarischen Pausen in der Catech’eria helfen, das Gehörte sinnlich zu reflektieren. Originelle Gedanken zum Thema Gebet hören die Teilnehmer heute Abend zuhauf: Über Wissenschaftler, die Betende in den Computertomographen schickten, über griechisch-orthodoxe Priester, die das Herzensgebet erklären. Und die Theorie, der Name Gottes, „Jahwe“, beschreibe lautmalerisch das Ein- und Ausatmen des Menschen: „Jah-we“. So werde schon der erste Atemzug eines Säuglings zum Lobpreis Gottes.Es geht um Präsenz, die völlige Ausrichtung auf Gott, die Ruhe und Beständigkeit, die die Beziehung zu Gott durch das Gebet erst ermöglicht. Daraus könne eine „schöpferische Kraft“ erwachsen, sagt Maass.

Vieles an diesem Abend dreht sich um eine innere Haltung zu Gott und sich selbst, die durch das Herzensgebet gestärkt werden soll. Nicht für alle ist diese Gebetsform geeignet – und doch bietet alleine die Beschäftigung damit interessante Perspektivwechsel.

Formal seien sich die Gebete in den Weltreligionen in vielerlei Weise ähnlich. Doch nirgendwo habe sich Gott so offenbart und verbürgt wie in seinem Sohn Jesus Christus. „Wenn du deine Beziehung mit Gott nicht im Ungefähren lassen willst, führt nach meiner religionsphilosophischen Ansicht und persönlichen Erfahrung kein Weg am Christentum vorbei“, sagt Maass am Ende der dreistündigen Catech’eria. Und es wirkt, als habe er tatsächlich eine Brücke gebaut.

  • Wer? Hinter Catech’eria (catecheria.org) stecken zwei Menschen, denen tiefgründiger Glaube und Kulinarik ein Herzensanliegen sind: Dirk und Regina Maass.

  • Was? Catech’eria bietet sieben philosophische Themenabende an. Darin geht es um Fragen wie „Was ist Wahrheit?“ oder „Warum lässt Gott Leid zu?“. Das Projekt ist deutschlandweit buchbar. Zur Finanzierung geht eine Kochmütze für freiwilige Spenden durch die Reihen.

  • Ziel? Skeptikern und reflektierten Christen eine Brücke zum Glauben zu bauen. Was ist das Besondere? Die Kombination aus gemeinsamem Nachdenken und sinnlichen Geschmacks­erfahrungen in einem persönlichen Rahmen.

  • Stärken? Catech’eria kann Menschen erreichen, denen Gemeindeveranstaltungen und Glaubenskurse zu seicht sind. Um Catech’eria anzubieten, muss der Gastgeber kein Sternekoch sein. Alle Zutaten sind leicht erhältlich und zuzubereiten.

  • Schwächen? Catech’eria kann alleine schon durch das Format keine Hunderte Menschen gleichzeitig erreichen – ist dafür aber sehr persönlich.

Von: Nicolai Franz

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