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Wie katholisch wird die FDP?

Fast elf Jahre stand Guido Westerwelle an der Spitze der Freien Demokraten, nun rückt mit Philipp Rösler ein bekennender Katholik nach. Wer ist der 38-Jährige, der sich als Erwachsener taufen ließ, und was bedeutet diese Zäsur für die Partei?
Von PRO

Foto: FDP / Wikipedia

Keine Partei assoziieren die Wähler so stark mit ihrem Vorsitzenden wie die FDP. Seit 2001 war die FDP Guido Westerwelle, und Guido Westerwelle war die FDP. Er tourte mit dem "Guidomobil" durch Deutschland, machte für einen Abend Rast im "Big Brother"-Haus, träumte von 18 Prozent und brachte den Liberalen den eigentlich unverdienten Titel der "Spaßpartei" ein. Nach den Stimmverlusten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sowie den momentanen katastrophalen Umfragewerten im Bund hat Westerwelle eingesehen, dass die Partei einen Neuanfang braucht: Beim Bundesparteitag im Mai wird er nicht mehr für den Vorsitz kandidieren, stattdessen wird aller Wahrscheinlichkeit nach Gesundheitsminister Philipp Rösler das Amt übernehmen.

Die Karriere des erst 38-Jährigen liest sich wie ein Märchen. Geboren in Vietnam, wurde er mit neun Monaten als Kriegswaise von einem Hamburger Ehepaar adoptiert und nach Deutschland geholt. Nach der Trennung der Eltern wuchs er beim Vater auf, machte 1992 in Hannover Abitur und trat in die FDP ein, wurde  danach Sanitäter bei der Bundeswehr. Der junge Mann hatte seine Berufung gefunden, studierte Medizin und promovierte 2002 über ein Thema aus der Herzchirurgie. Auch in der Partei ging es für Rösler steil bergauf: 2006 wurde er Landesvorsitzender der niedersächsischen FDP, 2009 wurde seine Amtszeit als Wirtschaftsminister des Bundeslandes nach nur acht Monaten jäh beendet: Als Bundesminister für Gesundheit wechselte er nach Berlin.

Rösler ließ sich als Erwachsener taufen

Philipp Rösler entschloss sich bewusst für den christlichen Glauben und ist bekennender Katholik. Bei seiner Tätigkeit als Arzt in einem katholischen Krankenhaus habe er sich intensiv mit den Themen Leid und Sterben auseinandergesetzt, berichtete Rösler 2010 auf einer Veranstaltung in Berlin. Der fröhliche und echte Glaube vieler seiner Kollegen, oft inmitten von Leid, habe ihn überzeugt. Mit 27 Jahren entschloss er sich zur Taufe. Seine Frau Wiebke, mit der Rösler seit 2008 Zwillingstöchter hat, ist ebenfalls katholisch. "Unser privates wie öffentliches Leben ist ohne Glauben, das heißt ohne Vertrauen, nicht denkbar", sagte Rösler 2010 gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". "Dies ist für mich auch in meiner politischen Verantwortung ein wichtiger Orientierungspunkt: Glaube an Gott und seine Liebe zu den Menschen." Zu dieser Verantwortung gehört es für Rösler, sich bei seinen Entscheidungen nicht immer an Meinungsumfragen zu orientieren, sondern vielmehr "standhaft das tun, was man nach reiflicher Überlegung für richtig hält".

Auf die Frage nach seiner Einstellung zur Kirche sagte der Minister damals: "Wir gehen sonntags oft zur Kirche, wenn die Kinder das zeitlich zulassen". Rösler bekannte weiter: "Der Glaube an Gott gibt Kraft und Hoffnung, gerade auch in schwierigen Zeiten." Der Gottesbezug im Grundgesetz schütze ihn bei seiner Arbeit vor Überheblichkeit und erinnere daran, "dass es immer noch eine höhere Macht gibt". Seinen Glauben vertritt Rösler auch im Ehrenamt: Er ist Mitglied der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Mit seinem Glauben ist Rösler bei den Liberalen nicht alleine. Sein Kollege Patrick Meinhardt gründete 2009 den Arbeitskreis "Christen in der FDP-Bundestagsfraktion", fast die Hälfte aller FDP-Abgeordneten sind dort mittlerweile Mitglied. "Wir wollten unseren Glauben endlich auch im Parlament offen vertreten", begründete Meinhardt die Initiative damals im "Spiegel". Mit dabei ist auch der FDP-Haushaltsexperte und bekennende evangelische Christ Otto Fricke: "Die Freiheit und der Einzelne spielen in der Bibel eine große Rolle", findet er.

Tiefe Zäsur für die FDP

Für die FDP bedeutet der Führungswechsel die tiefste Zäsur seit Jahrzehnten. Philipp Rösler soll das ramponierte Image der Partei durch seine freundliche und natürliche Persönlichkeit wettmachen. Ob ihm das gelingen kann, solange die Liberalen täglich von ihrer prominentesten Identifikationsfigur als Außenminister repräsentiert werden, ist fraglich. Denn die Wähler werden die FDP weiterhin hauptsächlich als die Partei Guido Westerwelles wahrnehmen – einem der unbeliebtesten Politiker in Deutschland. Trotz aller Erfolge, die die Partei Westerwelle in den letzten Jahren zu verdanken hatte, ist er zum Problem geworden.

Philipp Rösler hat in den vergangenen Jahren immer wieder betont, die Politik mit 45 Jahren zu verlassen, mehr Vater und Arzt sein zu wollen. "Denn Politik verändert die Menschen", so Rösler im ZDF, "deshalb hat alles seine Zeit". Damit bleiben ihm sieben Jahre Zeit, um den Freien Demokraten, die in einer Forsa-Umfrage vom Mittwoch momentan bundesweit bei drei Prozent liegen, neues Leben einzuhauchen. Dazu muss er nicht nur den Schatten Westerwelles verlassen, sondern sich auch mit Christian Lindner, dem kritischen, aber befreundeten Generalsekretär der Partei, arrangieren. Betrachtet man Röslers Werdegang, ist es ihm zuzutrauen, die FDP zu einem modernen, wertebewussten Liberalismus zurückzuführen. (pro)

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