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Wie der Gekreuzigte unter die Räder der Kreuzdebatte gerät

Erweckungen können nicht staatlich verordnet werden, meint pro-Kolumnist Jürgen Mette. Einige Vorwürfe gegen Markus Söder findet er nicht fair – und hat die Hoffnung, dass Menschen durch die Kampagne auf Jesus aufmerksam werden.
Von PRO
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Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Foto: privat | pro

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Der Gewinner der langsam heiß laufenden Kreuz-Debatte steht fest: Das typischste Symbol der Christen ist Top-Thema der Presse und in den sozialen Medien tobt der Streit ums Kreuz. Endlich mal wieder ein Aufreger. Der Verlierer steht auch fest: Der Gekreuzigte selbst.

Aber alle haben was davon. Die AfD bekennt sich zum Kreuz. Applaus von der falschen Seite. Die Bekenntnistreuen haben es schon immer gewusst, dass das Kreuz Christi ein Skandalon darstellt (Paulus an die Gemeinde in Korinth).

Die stets Empörten haben mal wieder einen Anlass, die beiden Kirchenoberen an ihre Ablegung des Kreuzes auf dem Jerusalemer Tempelberg zu erinnern. Diese Episode bietet auf Jahre immer noch ergiebige Munition für eine gnadenlose Jagd auf den EKD-Ratsvorsitzenden, der ja eigentlich Söders Kreuzeseifer gelobt hat. „Dass wir als Christen alles tun, um die Inhalte, für die das Kreuz steht, in die Herzen der Menschen zu bringen und unsere eigenen Herzen immer wieder darauf auszurichten, ist hoffentlich eine Selbstverständlichkeit.“ (Heinrich Bedfort-Strohm). Das dürfe aber nie für irgendwelche Zwecke instrumentalisiert werde.

SPD, FDP, Linke und Grüne unterstellen Söder, mit der staatlichen Verordnung des Kreuzes parteipolitische Effekte erzielen zu wollen, andere wiederum preisen gar den Freistaat als neues Jerusalem und intonieren mit weißblauer Inbrunst „Gott mit Dir, Du Land der Bayern.“

Ein Kreuz kann man verordnen – den Gekreuzigten nicht

Nur einer ist in der hitzigen Debatte unter die Räder gekommen, der Mann am Kreuz, der Gekreuzigte. Eine Randerscheinung des Debakels. Sein Kreuzestod war ein Martyrium, die Debatte ums Kreuz ein Politikum. Das Symbol menschlicher Ohnmacht – „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ – mutiert im empörten Medienhype zum Symbol politischer Macht. Genau das Gegenteil vom Programm des Gekreuzigten.

Ich möchte Markus Söders Motive nicht reflexartig hinterfragen. Was kann es denn Besseres geben, als dass sich ein Ministerpräsident zum Gekreuzigten bekennt und seine politische Arbeit am Evangelium ausrichten will? Ihm vorzuwerfen, er instrumentalisiere das Kreuz zur Spaltung und Ausgrenzung, ist nicht fair.

Dennoch wäre Söder gut beraten gewesen, aus der Christentumsgeschichte zu lernen, welche Folgen es haben kann, wenn das Kreuz politisch durchgesetzt wird. Es ist gerade mal 1.700 Jahre her, als sich das absolut gewaltfreie Christentum unter Kaiser Konstantin (270/88–337) von einer zerstreuten und verfolgten Glaubensgemeinschaft zu einer privilegierten Religion des Römischen Reichs entwickelte. Vor dem Kampf gegen Maxentius im Jahr 312 soll Konstantin eine Vision von einem christlichen Symbol erlebt haben. Und so wurden aus dem barmherzigen Gott der Christen ein siegreicher Feldherr und dessen Anhänger brave und geschützte Bürger des Imperiums.

Endlich mal klare Kante zeigen

Seitdem stand die junge Kirche immer mal wieder in der Gefahr, das Kreuz gewaltsam durchzusetzen. Der Traum von einer mächtigen Theokratie, die Hoffnung bibeltreuer Parteien, endlich klare Kante zu zeigen zu können, ist bis heute nicht überwunden. Sie hatten alle das Kreuz statt den Gekreuzigten im Kopf. Die Kreuzzüge nach Palästina und die Inquisition sind ein blutiges Zeugnis dafür, was passiert, wenn man im Namen des Kreuzes etwas erreichen will, was nun mal nicht durch Heer und Kraft geschehen soll, sondern durch Gottes Geist, durch den Gekreuzigten selbst.

Markus Söder provoziert gern. Aber er irritiert auch, indem er zunächst im Kreuz „in erster Linie ein religiöses Symbol“ sah, dann aber auch dem Kreuz „identitätsstiftende, prägende Kraft für die Gesellschaft“ zuschrieb.

Söder muss entlaufene CSU-Wähler von der AfD-Wiese einfangen, um die CSU wieder „great again“ zu machen. Dies mit einer staatlich verordneten Kreuzkampagne zu verbinden – nicht zu instrumentalisieren(!), ist mutig, aber ob es weise ist, wird die Zeit offenbaren. Erweckungen wurden jedenfalls nie durch staatliche Verordnungen ausgelöst.

Möge der Disput um das Kreuz zu einer Entdeckung des Gekreuzigten führen.

Das meint kreuzweise

Ihr Jürgen Mette

Von: Jürgen Mette

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