Wenn Sprache Heimat wird

Die „Suryoye“ gehören zu den ältesten christlichen Gemeinschaften des Nahen Ostens. In Deutschland ringen sie darum, Sprache, Erinnerung und Glauben zu bewahren – ohne sich von der Gesellschaft abzuschotten.
Von Norbert Schäfer

Wer die Sprach- und Kulturwissenschaftlerin Yeliz Kavak-Küstner fragt, was die Kultur der „Suryoye“ ausmacht, bekommt keine einfache Antwort. „Im Kern würde ich sagen, es verbinden sich die aramäische Sprache, christlicher Glaube, kulturelle Gepflogenheiten, die kirchliche Liturgie, aber auch Musik, Familiengeschichten, historische Erinnerungen und die Verbindung zu Mesopotamien und zum Nahen Osten“, sagt Kavak-Küstner.

Sie stammt aus dem Tur Abdin im Südosten der heutigen Türkei, einer historischen Kulturlandschaft nahe der syrischen Grenze. Seit ihrem siebten Lebensjahr lebt sie in Deutschland. Der Jurist David Jacob, Vorstand beim Forum Suryoyo e.V., ist hier geboren. Seine Eltern stammen ebenfalls aus dem Tur Abdin. Beide gehören damit zu einer Gemeinschaft, deren Geschichte weit in den Nahen Osten zurückreicht und deren Gegenwart heute wesentlich von der Diaspora geprägt wird.

Suryoye, Aramäer, Assyrer oder Chaldäer?

„Suryoyo“ oder „Suryayto“ bezeichnet im Singular ein männliches oder weibliches Gemeinschaftsmitglied, „Suryoye“ den Plural, erklärt Jacob. In anderen neuaramäischen Dialekten wird auch „Suraya“ beziehungsweise „Suraye“ verwendet. Die Begriffe Aramäer, Assyrer und Chaldäer wiederum spiegeln unterschiedliche historische, sprachliche, kirchliche und politische Selbstverständnisse wider.

Jacob sieht die heute gebräuchlichen unterschiedlichen Bezeichnungen auch als Folge der Geschichte und der Migration. Wer in der eigenen Sprache selbstverständlich wusste, wer mit „Suryoye“ gemeint war, musste sich in Deutschland plötzlich gegenüber Menschen erklären, die mit dem Begriff „Syrer“ zunächst ausschließlich die Staatsangehörigen Syriens verbanden.

Die Bezeichnung „Aramäer“ betont nach Jacobs Darstellung besonders die Verbindung zur aramäischen Sprache und zur Geschichte der Aramäer. Die moderne assyrische Selbstbezeichnung stehe dagegen stärker im Zusammenhang mit den Nationalbewegungen, die gegen Ende des Osmanischen Reiches entstanden.

„Das Forum Suryoyo hat sich für diesen Begriff als inklusive Arbeitsbezeichnung entschieden. Er soll keine der unterschiedlichen Identitäten innerhalb der christlich-mesopotamischen Communitys über eine andere stellen“, sagt Kavak-Küstner. Gemeinsam sei ihnen allen eine Geschichte, die sich über die heutigen Grenzen der Türkei, Syriens, des Irak oder Irans erstrecke.

Christlich – aber nicht nur syrisch-orthodox

Ebenso wenig lässt sich die ethnische Identität der „Suryoye“ mit einer einzigen Kirche gleichsetzen. Zwar hat die syrisch-orthodoxe Kirche viele Angehörige der Gemeinschaft tief geprägt. Doch es gibt ebenso syrisch-katholische, chaldäisch-katholische und protestantische Christen unter den „Suryoye“.

Kavak-Küstner selbst ist dafür ein Beispiel. Ihre Mutter war syrisch-orthodox, ihr Vater Protestant. Sie wurde syrisch-orthodox getauft und später protestantisch konfirmiert. „Meinen Eltern war es wichtig, dass wir in beiden Glaubensrichtungen in irgendeiner Form mit erzogen werden“, berichtet sie.

Für ihre Identität sieht sie darin keinen Widerspruch. „Ethnisch-kulturelle Identität und christlicher Glaube sind ja historisch eng miteinander verbunden bei uns. Aber eben nicht immer dasselbe.“ Denn der christliche Glaube sei seinem Anspruch nach nicht an eine Ethnie gebunden. „Das Evangelium richtet sich an Menschen unabhängig von ihrer Abstammung.“

Jacob warnt davor, die „Suryoye“ pauschal als syrisch-orthodoxe Ethnie zu beschreiben. „Unsere Identität und Ethnie ist sehr stark mit dem christlichen Glauben oder mit dem syrisch-christlichen Glauben verbunden“, sagt er. „Aber eben nicht ausschließlich syrisch-orthodox.“

Sprache der ersten Christen

Für den promovierten Völkerrechtler Jacob steht mit dem Fortbestand des Aramäischen weit mehr auf dem Spiel als die Sprache einer Minderheit. „Wenn die aramäische Sprache ausstirbt, die ja übrigens seit dreieinhalbtausend Jahren belegt durchgehend gesprochen wird, dann stirbt kulturhistorisch eine uralte Sprache der Christenheit“, erklärt Jacob, und weiter: „Jesus hat immerhin Aramäisch gesprochen und Teile des Alten Testaments sind in Aramäisch geschrieben worden.“

Eine Sprache transportiere Bedeutungen, Assoziationen und Erfahrungen, die sich ohne ihre Lebendigkeit nicht mehr vollständig übersetzen ließen. „Wenn man eine Sprache spricht, dann geht es eben nicht darum, sie einfach nur ins Deutsche zu übersetzen mit KI“, sagt Jacob. „Sondern es geht ja darum: Was versteht man, wenn man dieses Wort spricht? Und das geht verloren, wenn es keine Native Speaker des Aramäischen mehr gibt.“

Bewahren, ohne Menschen festzuhalten

Wie lässt sich eine bedrohte Kultur bewahren, ohne die nächste Generation durch Erwartungen bei Sprache, Partnerwahl oder religiöser Praxis unter Druck zu setzen?

Jacob kennt das Spannungsfeld. Für ihn entscheidet sich gerade daran, ob die kulturelle Weitergabe in der Diaspora eine Zukunft hat. „Wir können die Sprache vermitteln, wir können die Geschichte erzählen, wir können Gemeinschaft ermöglichen, aber eben nicht über sozialen Druck“, sagt er. Das Forum sehe es als zentrale Aufgabe an, „Bewahrung und individuelle Freiheit miteinander zu verbinden“.

Der Versuch, die eigene Gemeinschaft unverändert zu konservieren, würde nach seiner Überzeugung sogar das Gegenteil erreichen. Junge Menschen könnten sich abwenden. „Entweder Kultur 100 Prozent so wie vor 100 Jahren – oder null Prozent. Das geht nicht“, sagt Jacob.

Auch Kavak-Küstner beschreibt einen Wandel zwischen den Generationen. Eltern und Großeltern hätten in der Diaspora zunächst versucht, vertraute Strukturen zu erhalten – bis hin zur Erwartung, den Partner oder die Partnerin möglichst innerhalb der eigenen Gemeinschaft zu finden. Für sie ist dieses Modell heute nicht mehr tragfähig. „Wir betrachten uns als lebendigen Teil der Gesellschaften, in denen wir leben“, sagt sie.

Assimilation ist für Kavak-Küstner deshalb kein Schreckenswort. Sie findet ihre Einschätzung nach längst statt: durch Schule und Beruf, durch Sprache, Freundschaften und Ehen. Kavak-Küstner selbst ist mit einem Deutschen verheiratet und bezeichnet Deutschland selbstverständlich als Heimat. Die eigentliche Frage lautet für sie daher nicht, wie sich Veränderung verhindern lässt. Sondern was trotz Veränderung weitergegeben werden kann.

Wiege der Christenheit

Die Geschichte der „Suryoye“ stelle eine verbreitete europäische Wahrnehmung des Nahen Ostens infrage. Wer heute an die Region denke, verbinde sie oft zuerst und ausschließlich mit dem Islam. Die jahrtausendealte Geschichte orientalischer Christen gerate dabei leicht aus dem Blick. „Dabei liegen die Ursprünge des Christentums selbst im Nahen Osten“, sagt Jacob. Er glaubt, dass westliche Christen gerade vom jahrhundertelangen Zusammenleben verschiedener Konfessionen und Religionen etwas lernen könnten. „Man verbindet den Orient immer mit dem Islam. Aber erstens kommt das Christentum aus dem Orient und zweitens hat der Islam von Anfang an mit dem Christentum dort zusammengelebt.“ Die Erfahrungen orientalischer Christen könnten auch etwas zur europäischen Gegenwart beitragen.

Für die „Suryoye“ in Deutschland entscheide sich die Zukunft nicht zwischen zwei einfachen Alternativen: vollständige Anpassung oder kulturelle Abschottung. Sprache, Familienerinnerungen und christlicher Glaube können auch in einer neuen Heimat weiterleben – wenn Menschen sie nicht aus Zwang übernehmen müssen, sondern darin etwas entdecken, das ihnen selbst etwas bedeutet.

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