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Wenn sich die Tatort-Gemeinde versammelt

Er ist der Quotengarant im deutschen Fernsehen und zieht um die zehn Millionen Zuschauer vor die Bildschirme: der Tatort. Was das sonntägliche TV-Morden und Religion verbindet, untersucht ein Forschungsprojekt.
Von PRO
Tatort-Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) im Beichtstuhl. Eine Szene aus der Folge „Borowski in der Unterwelt“

Foto: NDR

Tatort-Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) im Beichtstuhl. Eine Szene aus der Folge „Borowski in der Unterwelt“
Heute nicht, heute ist Sonntag“, antwortet Kommissarin Klara Blum ihrem Chef, als sie gerade aus der Messe kommt und er mit Arbeit aufwartet. Religiöse Themen werden im Tatort sowohl unterschwellig, als auch sehr unverblümt angesprochen. Der Wiesbadener Tatort-Ermittler Felix Murot vergleicht seine Arbeit sogar mit der eines Pfarrers, als er sich an seine Kindheit als Sohn eines evangelischen Pastors am Edersee erinnert („Wie einst Lilly“, HR, 2010): „Das ist eine Familientradition. Wir sind beide in dem Projekt Erlösung tätig.“Der Gedanke der Übereinstimmung ist naheliegend, meint Claudia Stockinger, die für ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die Religiosität im Tatort untersucht hat. Beide, Kommissar wie Pastor, setzten sich für das Gute ein, für diejenigen, denen Unrecht getan wurde – pro Gerechtigkeit also. „Beide wissen, wie schwer es manchmal fällt, das Falsche eindeutig vom Richtigen zu unterscheiden; und beide geben den Menschen, die schuldig geworden sind, die Möglichkeit, sich dazu zu bekennen, die Konsequenzen dafür zu tragen und sich so mit der Gesellschaft wieder zu versöhnen.“Religiöse Themen und Motive sind im Tatort keine Ausnahme, findet die Göttinger Literaturwissenschaftlerin. Stockinger untersuchte rund drei Jahre lang „Formen und Verfahren der Serialität in der ARD-Reihe Tatort“. Die Verhöre der Kommissare mit den Tätern glichen oft der Beichte, sagt Stockinger. Oft gehe es um die Heilung einer gestörten Seele. In der Folge „Borowski in der Unterwelt“ (NDR, 2005) sitzt der Kieler Kommissar Klaus Borowski schließlich selbst im Beichtstuhl. Die Verbindung zwischen Religion und Ermittlung erreicht eine unauflösbare Überschneidung, als Borowski erkennen muss, dass ein Beichtgeheimnis auch für einen Kommissar nicht gebrochen werden darf, selbst wenn es der Aufklärung eines Mordes dient. Tatort-Kommissare und Kirchenvertreter laborieren also an vergleichbaren Problemen: Sie setzen sich für eine bessere Welt ein, in der das Gute siegt und das Böse verurteilt wird.

Von der Kulisse zum Handlungsraum

Allerdings geht die Literaturwissenschaftlerin von einem Wandel in der Religionsdarstellung aus. In den 1970ern und 1980ern begrenzte sich der Tatort hauptsächlich auf „heimische“ Religionen, also das Christentum. Andere Religionen wie beispielsweise der Islam tauchten meist auf, um die „kulturelle Fremdheit“ der damaligen Gastarbeiter zu markieren. Christentum wurde dagegen als Kulisse gezeigt, etwa ein Ehepaar beim sonntäglichen Kirchgang oder eine Beerdigung. Das liegt laut Stockinger daran, dass das Christentum damals noch als gesellschaftliche Normalität gegolten habe. Seit den 1990er Jahren wandelt sich die Darstellung. Der Tatort zeigt Religion als „das Andere“, als das, was auf einmal erklärungsbedürftig ist. Auch das Christentum. Was ist Beichte? Nicht nur: Wie unterscheiden sich Sunniten von Aleviten? „Weil Religion eine tradierte und aktuelle Lebensrealität in der Bundesrepublik darstellt, findet sie auch ihren Platz in einem Format wie dem Tatort“, sagt Stockinger. „Zugleich mag es so sein, dass religiöses und kirchliches Leben zunehmend als fremd oder als abweichend von der Normalität empfunden wird, je unsichtbarer es in der Öffentlichkeit wird.“ Gerade Krimiformate im Fernsehen machten häufig das Abweichende zum Gegenstand ihrer Darstellung. „In diesem Sinne gehen sie immer auch in kirchliche Räume.“ In den 70er Jahren thematisierte der Tatort den Islam auf hintergründige Weise: Muslime waren die türkischen Gastarbeiter, ihre Sprache war unverständlich, ihre Wohnverhältnisse prekär und die Essgewohnheiten fremd („Wohnheim Westendstraße“, BR, 1976). Ab 2000 wurden die Aussagen über den Islam differenzierter. Ausprägungen wurden thematisiert. Der NDR drehte 2007 eine Folge über einen Inzestfall innerhalb einer alevitischen Gemeinde („Wem Ehre gebührt“, NDR, 2007), also Detailarbeit innerhalb der Religion. In ihrer Studie kommt Stockinger zu dem Ergebnis, dass in diesem Tatort die Unterschiede zwischen Sunniten und Aleviten genau herausgearbeitet wurden, der Film sich allerdings gängiger Vorurteile bediente. Die Folge landete wegen zahlreicher Proteste schließlich im sogenannten „Giftschrank“ der ARD und wird nicht wiederholt.

Katholizismus als schaurige Bühne

Doch von allen Religionen dominiert die Darstellung des Chris<discretionary-hyphen>tentums. Die Konfession spielt dabei kaum eine Rolle. Etwas häufiger zeigt der Tatort jedoch den Katholizismus. Das hat laut Stockinger optische Gründe. „Dass katholische Gottesdienste, Eucharistiefeiern oder Haussegnungen häufiger dargestellt werden, mag daran liegen, dass deren Liturgien die besseren Bilder fürs Fernsehen bereitstellen“, vermutet die Literaturwissenschaftlerin. Ein weiterer Bonus im Vergleich zum Protestantismus: Der Katholizismus bietet zuweilen eine schummrig-schaurige Kulisse für Morde. Das zeige der Tatort „Passion“ vom ORF aus dem Jahr 2000. Darin töten Unbekannte den Jesus-Darsteller eines Passions<discretionary-hyphen>spiels in einem Tiroler Bergdorf. Kommissar Eisner findet die Leiche des jungen Mannes, der an das Kreuz genagelt wurde. Für den Jesus-Darsteller wurde die traditionelle katholische Prozession zu einer realen Passion. Oder etwa der Kieler Ermittler Klaus Borowski. Er kommt in der genannten Folge „Borowski in der Unterwelt“ einem katholischen Priester auf die Spur, der die Schuld des Mörders auf sich nimmt, um die Polizei auf dessen Fährte zu lenken – ohne das Beichtgeheimnis zu verletzen. Am Ende stirbt dieser unschuldig in den Armen des eigentlichen Täters – ein Bildnis, das an Michelangelos Pietà angelehnt ist – der Leichnam Jesu in den Armen Marias. Der Priester wird auf diese Weise als stellvertretendes Opfer in der Nachfolge Christi ausgezeichnet, meint Stockinger. Auf der Bühne des Katholizismus zeigt der Tatort den Geistlichen als äußerst dubiose Figur, die in jeder Hinsicht verdächtig wird. Gängige Klischees über katholisches Priestertum stützen diesen Verdacht. „Das Thema Opferung gehört wie die Themen Zeugenschaft und Stellvertretertum zu den Leitmotiven gerade derjenigen Tatort-Folgen, die sich mit dem Katholizismus auseinandersetzen“, sagt sie.

Ermittlungen im Hokuspokus

Auch Hexen- und Satanskult, Sekten wie Scientology, Esoterik und sogenannte Patchwork-Religionen, die von allem ein bisschen enthalten, sind attraktiv für den Plot des Tatorts. Die Forscherin sieht in der spezifischen Darstellung solcher Gruppen ein Anliegen der Sendereihe: die Zuschauer über Glaubensinhalte informieren und zeitgleich Einblicke in deren Praktiken gewähren. Der Informationsgehalt über die entsprechende Glaubensrichtung geht jedoch dann zurück, wenn Religion als etwas sehr von der Norm Abweichendes dargestellt wird. Dies zeigt sich besonders bei so genannten Designer- oder Patchworkreligionen, die sich aus Elementen der Esoterik und anderen Glaubensrichtungen zusammensetzen. So rankt sich die Handlung des ORF-Tatorts „Glaube, Liebe, Tod“ (2010) um die fiktive Glaubensgemeinschaft Epitarsis, die ihre Mitglieder mit Sinngebungs- und Transzendenzangeboten in ihre Fänge lockt. Dabei bezieht der Quotengarant der ARD auf diesem Gebiet aber auch Stellung. Die Kommissare stehen regelmäßig auf der Seite wider den Hokuspokus, insbesondere dann, wenn es um die Abgrenzung von irrealen Welterklärungsmodellen als Bedrohung der realen Welt geht. In seinem Wiener Dialekt macht Kommissar Eisner in einem säkularen Glaubensbekenntnis deutlich: „I glaub nur an Beweise.“

Tatort zur Religionsvermittlung nutzen

Und im praktischen Leben? Stockinger hat in ihrer katholischen Kirchengemeinde bereits Glaubenskurse für Erwachsene geleitet und findet, gerade Filmformate böten sich gut zur Religionsvermittlung an. „Dass sich der Tatort dafür eignet, steht für mich fest. Er greift Geschichten aus dem Leben auf, zeitnah, in realistischer Art und Weise; in Fallbeispielen diskutiert er aktuelle Probleme, die die Menschen umtreiben.“ Und weiter: „Darüber hinaus gibt es immer wieder einmal Tatort-Folgen, die Religion konkret zum Handlungsraum eines Falles machen. Auf diese Weise führt er spielerisch ins Milieu ein und konfrontiert den Zuschauer mit Vorurteilen und löst diese auf“, erklärt die Literaturwissenschaftlerin. „Die Sinngebungsangebote der Kirche werden so durchaus objektiv und glaubwürdig, ohne Schönfärberei, auf eine interessante, lebensnahe, diskussionswürdige Weise illustriert.“Ist der Tatort also ein Spiegel der bundesrepublikanischen Gesellschaft, wie diverse Medien immer wieder schreiben? Das sei zumindest eine der stereotypen Behauptungen, wenn es um Deutschlands beliebteste Krimiserie geht, sagt Stockinger. „Darüber wird leicht vergessen, dass ein fiktionales Format als Symbolsystem selbst ernst genommen werden muss, also nicht auf seine sozialen Funktionen reduziert werden darf.“ Der Tatort sei als Film in erster Linie Teil eines Kunstsystems. „Allerdings kann der Tatort Leistungen für andere Systeme wie das Recht, die Politik oder die Religion anbieten – etwa wenn er im Rahmen eines Glaubenskurses auf seinen Mehrwert für die Beantwortung von existenziellen Fragen hin untersucht wird.“ Natürlich könne eine Folge auch juristische, politische oder religiöse Aussagen transportieren. Allerdings werde er damit noch lange nicht zu einer juristischen, politischen oder religiösen Abhandlung, dürfe auch nicht als solche wahrgenommen werden.

Zwei „Gottesdienste“ am Sonntag

Auch der Schauspieler Ulrich Tukur, der seit 2010 als LKA-Ermittler für den Tatort in Wiesbaden vor der Kamera steht, sieht eine enge Verbindung zwischen Religion und Tatort. Er sagte einst, die Krimiserie sei „eine Kirche mit einer großen, gläubigen Gemeinde“. Während also die Kirchen sonntagmorgens ihre Gemeinden versammeln, gelingt es der ARD abends regelmäßig, ihre Tatort-Gemeinde vor den Bildschirm zu ziehen. Als Til Schweiger vor zwei Jahren die Abschaffung des Tatort-Vorspanns forderte, wies sein Schauspielkollege Tukur darauf hin: „Eine Kirche erneuert man spirituell und von innen heraus und nicht, indem man den Glockenturm abreißt.“ Tukur fordert damit keine Gleichsetzung von Religion und Fernsehen, vielmehr verweist er auf eine strukturelle Ähnlichkeit: Bestimmte Merkmale machen den Tatort unverwechselbar. Dazu zählen der feste Sendeplatz, die konstante Genrewahl, gleichbleibende Ermittlerfiguren und vor allem der immer selbe Vorspann. Stockinger sagt: „Man sollte auf ihn ebenso wenig verzichten wie auf das Glockengeläut.“ (pro)
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