„Von einigen Christen wird die Fantasie genau wie die Kunst häufig als verdächtig betrachtet“, stellt der Künstler Makoto Fujimura fest. „Denn sie nehmen die Welt der Kunst als einen Angriff auf traditionelle Werte wahr.“ In seinem Buch „Kunst und Glaube“ verteidigt der christliche Maler nicht nur die Kunst und fordert eine Kirche als „sicheren Ort, an dem Künstler experimentieren und in einer geheiligten Fantasie wachsen“ können. Er entwirft zudem eine eigenständige Theologie der Kreativität.
Fujimuras Werke wurden bereits in bedeutenden Museen und Galerien weltweit ausgestellt. Er wurde in den USA geboren, seine Eltern sind jedoch japanischer Herkunft. Sein Vater war Osamu Fujimura, einer der weltweit führenden Akustikforscher und Pionier der Sprachwissenschaft. Der Künstler studierte unter anderem die Kunst „Nihonga“, eine im späten 19. Jahrhundert entstandene Stilrichtung der japanischen Malerei.
Immer wieder hat er theologische Sujets bearbeitet. So beauftragte der christliche Verlag „Crossway“ Fujimura 2009 mit dem Projekt „Die vier heiligen Evangelien“ zum 400. Jahrestag der Veröffentlichung der King-James-Bibel. In mehreren Büchern hat sich Fujimura bereits mit dem Zusammenhang von Kunst und Glaube auseinandergesetzt.
Über Fujimuras Kunst schreibt der Theologe Johannes Hartl im Vorwort der deutschen Ausgabe: „Hier ist Kunst, doch durchatmet von Geistlichem, beinahe prophetisch.“ Er ist überzeugt: „In der Kunst eröffnet sich etwas, das eben nicht einfach gesagt, nicht einfach ins Worthafte übersetzt werden kann.“ Fujimuras Bilder vermittelten Tiefe und Hoffnung.
Der britische Theologe N.T. Wright, ein Freund des Künstlers, stellt in seinem Vorwort fest, die westliche Kunstwelt ignoriere jeglichen Glauben oder verachte ihn sogar. Fujimuras Glaube hingegen sei „alles andere als hohl und oberflächlich“. Er sei als Geisteswissenschaftler geradezu neidisch auf Künstler wie ihn. Sie könnten sich „in die Zukunft Gottes“ wagen, von dort zurückkehren und Bilder vom Reich Gottes wieder mit zurückbringen – etwa wie die Kundschafter, die Mose in der Wüste frische Früchte des verheißenen Landes mitbrachten.
Theologische Arbeit im Atelier
Wenn er als Kind etwas malte, habe er das Gefühl gehabt, „als ginge eine elektrische Ladung durch mich hindurch“, schreibt Fujimura. „Jetzt weiß ich, was ich als Kind nicht verstand: dass ich immer dann, wenn ich etwas erschuf und diese Ladung spürte, den Heiligen Geist erfuhr.“ Was er im Atelier tue, sei für den 66-Jährigen nicht nur ästhetische, sondern auch theologische Arbeit. „Ich erfahre Gott, meinen Schöpfer, im Atelier“, sagt Fujimura, und er nennt es eine „Theologie des Schaffens“. „Das Schaffen von Kunst ist für mich eine Disziplin der bewussten Aufmerksamkeit, des Gebets und des Lobs.“
Gott selbst werde in der Bibel immer wieder als Künstler dargestellt. In Psalm 139 etwa heißt es: „Du hast mich mit meinem Innersten geschaffen, im Leib meiner Mutter hast du mich gebildet. (…) Großartig ist alles, was du geschaffen hast – das erkenne ich!“ Das heißt für ihn selbst: „Aus der Ewigkeit heraus betrachtet wurde ich vielleicht gesehen und geschaffen als ein Künstler, der Gott, den Schöpfer-Künstler, nachahmt.“
„Wir alle sind Künstler des Reiches Gottes, und die Welt muss eine solche überschwängliche Schönheit in uns sehen, sonst sind wir nicht die Braut Christi, welche die Kirche darstellt.“
Tatsächlich sei jeder Mensch im Kern als Künstler erschaffen, ist sich der Maler sicher, und er appelliert an die Fantasie, auch und vor allem von Christen: „Es ist unmöglich zu glauben, ohne Fantasie zu haben!“ Viele biblische Auslegungen ignorierten jedoch bedauerlicherweise die Rolle der Fantasie. Er selbst fasst daher die Kernthese seines Buches so zusammen: „Wir alle sind Künstler des Reiches Gottes, und die Welt muss eine solche überschwängliche Schönheit in uns sehen, sonst sind wir nicht die Braut Christi, welche die Kirche darstellt.“ Er fügt hinzu: „Gott wird nicht dadurch erkannt, dass wir in einem Klassenzimmer oder in einer Kirche sitzen und dort Informationen über ihn in uns aufnehmen.“
Frage nach der Nützlichkeit verdeckt das Wesentliche
Ihm sei bewusst, dass es einen großen Feind dieser Philosophie gebe, nämlich das Konzept der „Nützlichkeit“. „Könnte es sein, dass unsere Vorliebe für den zweckorientierten Pragmatismus der Industriellen Revolution einen blinden Fleck in unserer Kultur geschaffen hat, der nicht nur große Kunst übersieht, sondern auch dazu führen könnte, dass wir das Wesen des Evangeliums ablehnen, wenn bei der Reinheit des Ausdrucks Abstriche gemacht werden?“, fragt der Autor.
Er geht noch einen Schritt weiter: „Könnte es sein, dass wir das Wesentliche der christlichen Botschaft verpasst haben, weil wir sie auf industrielle Weise wie eine Ware oder Information weitergegeben haben? Schlimmer noch, weil wir sogar versuchen, die Gute Nachricht auf eine möglichst effiziente Weise zu ‚verkaufen‘, so wie unser unternehmerisches oder industriell geprägtes Denken es uns vorschreibt?“
„Christen haben oft feste Vorstellungen davon, was Christsein bedeutet“, so Fujimura. Das seien eine Reihe von vorgelagerten Überzeugungen, doch diese beruhten weniger auf einem biblischen Weg, der zum Leben führt, als auf dem „mechanistischen, nachindustriellen Denken des zweckorientierten Pragmatismus“. Sein Beispiel: Einem Vogel könnte man die aerodynamischen Kräfte erklären, aber es würde ihm beim Fliegen nicht helfen; im Gegenteil könnte es sogar hinderlich sein.
Von einigen Christen werde die Fantasie genau wie die Kunst häufig als verdächtig betrachtet. Diese Erwartungen gegenüber der Kunst seien weitgehend von der Furcht getrieben, die Kunst würde Menschen weg von der „Wahrheit“ hin zu einer anarchistischen Freiheit des Ausdrucks führen, so der Autor. Er selbst sehe in Kunst jedoch ein „Aufblühen hin zum Neuen“.
Kunst überschwänglich und verschwenderisch – so wie Jesu Tränen
Um den kürzesten Vers der Bibel „Jesus weinte“ (Johannes 11,35) herum verdeutlicht Fujimura: Jesu Tränen beim Tod des Lazarus seien auch „unnötig“ gewesen, denn er wusste ja bereits von der Auferweckung von den Toten. Fujimura: „Die Tränen, die Jesus vergießt, sind überschwänglich, verschwenderisch und kostbar.“ Daher ahme seine eigene Kunst dies nach. Tatsächlich ist der Künstler dafür bekannt, teure Mineralien, Gold und Platin für seine Kunstwerke zu gebrauchen – im „Kampf“ gegen den Gedanken der Effizienz, wie er sagt.
In seinem Buch spekuliert Fujimura zur Frage, warum Gott überhaupt etwas erschaffen hat, und ist überzeugt, dass Schönheit eigentlich der Evolution widerspricht. Er behauptet, dass Christen die Erlösung oft grundlegend falsch verstehen, und weist darauf hin, dass Kultur auf Menschen „christlich“ einwirken kann, auch in Filmen, die nicht von Christen gedreht wurden. „Können wir uns vorstellen, dass der Heilige Geist außerhalb der Tore der Kirche zu Tausenden von Menschen spricht, ohne dass sie es wissen?“ Fragen, die nicht zuletzt den häufigen Streit zu Musik in Kirchen betreffen.
Dieses Buch ist mehr als ein Andachtsbuch, das Plattitüden mit Bibelversen garniert. Seine Aussagen gehen tiefer. Fujimura schreibt freilich aus der Warte eines erfolgreichen privilegierten westlichen Künstlers mit hochdekorierten Aufträgen aus der ganzen Welt. Da fällt es sicher leichter, etwa die These aufzustellen, Kunstwerke sollten doch eigentlich allesamt „Geschenke“ sein und nicht als Ware behandelt werden.
Ganz nebenbei lernt man viel Interessantes über japanische Kultur, und wie man sie mit christlicher Tradition verbinden kann („Als Menschen, die Jesus nachfolgen, können wir das Wabi-sabi-Konzept mit unserem Glaubensweg verbinden“). Das Buch hat das Zeug, Christen einen völlig neuen Blick auf die Welt und den eigenen Glauben zu eröffnen. Und das, ohne dass sie sich jemals vorher mit Kunst auseinandergesetzt haben.
Makoto Fujimura: „Kunst und Glaube“, Fontis, 240 Seiten, 24,90 Euro