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Wenn jedes Maß verloren geht

Die Notwendigkeit zur Veränderung in der Wirtschafts- und Arbeitswelt hat am Donnerstag die Gesprächspartner um den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm bei einer Themenwoche der Weltausstellung Reformation geeint. Zuvor wurden drei Studenten für ihre Arbeiten zur sozialethischen Bedeutung der Reformation geehrt.
Von PRO
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Diskussionrunde mit Heinrich Bedford-Strohm bei der sechsten Themenwoche der Weltausstellung Reformation

Foto: Mirjam Petermann

Diskussionrunde mit Heinrich Bedford-Strohm bei der sechsten Themenwoche der Weltausstellung Reformation

Die aktuelle Themenwoche der Wittenberger Weltausstellung Reformation steht im Zeichen der Arbeitswelt. Auf Einladung des Evangelischen Verbands Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt trafen sich am Donnerstag rund 200 Interessierte, um einer groß angekündigten Podiumsdiskussion zu folgen. Die große Enttäuschung dann gleich zu Beginn: Die Anreise war der Fraktionsvorsitzenden der Linken Sahra Wagenknecht durch die Wetterlage und dem damit verbundenen Verkehrschaos in Berlin nicht möglich.

Und so traf sich auf dem Podium eine recht homogene Gruppe von vier Männern mittleren Alters, von denen jeder für sein Ressort nachvollziehbare wie vorhersehbare Argumente lieferten. Kredite und Zinsen seien die zentralen Treiber der heutigen Wirtschaftsordnung. Schulden werden aufgenommen, um sich etwas zu leisten, was eigentlich erst in Zukunft möglich wäre. Der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gerd Wegner, sah darin eine Maßlosigkeit, die er als „Prägung des modernen Lebens“ bezeichnete. Seine Frage an die Diskutanten, zu denen er aufgrund von Wagenknechts Ausfall nun selbst gehörte, lautete: Gibt es daraus ein Entkommen?

Von Zinsen und Krediten – Segen oder Fluch?

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsmitglied im Bundesverband deutscher Banken, entgegnete, dass bei den meisten Krediten Maßlosigkeit eher keine Rolle spielte. Wenn Menschen beispielsweise für eine Immobile Kredite aufnehmen, um für das Alter oder die Kinder vorzusorgen, „kann ich wenig Gier erkennen“, sagte Kemmer. Er räumte aber gleichzeitig ein, dass es auch „Exzesse“ diesbezüglich gäbe. Dennoch gehörten Kredite und Zinsen „zu unserer Wirtschaft dazu“ und „enorm wichtig“, da sie zu Wachstum führten. Dieser müsse maßvoll bleiben. Welches Maß das entsprechende sei, darüber könne man diskutieren, so Kemmer weiter.

Der Sozialethiker Wegner wollte sich damit nicht zufriedengeben. „Ich handele mit nichts anderem als mit Zukunft“, betonte er und liegt mit dieser Position ganz bei Luther, der Zinsen deshalb ablehnte. Sie „dominieren unser Leben heut in einem Ausmaß, das wir nicht in den Griff kriegen und nicht vernünftig regeln können“, sagte Wegner. Kemmers Argumentation des Wachstums entgegnete er, dass dieser unbedingt zu steuern sei, da „ungebremstes und unstrukturiertes Wachstum“ die Gesellschaft kaputt mache.

Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, verwies diesbezüglich auf ein Zitat aus einem Gutachten von 1975 in dem es heißt, Wachstum sei nichts anderes, als ein Ausdruck dessen, dass in einer freien Gesellschaft, jeder jeden Tag etwas anders, etwas besser machen könne. Das Problem sei also nicht das Wachstum an sich, sondern vielmehr „welche Orientierung wir dem Wachstum geben“, sagte Hüther. Konzepte, die die Reduktion des Wachstums fordern, gingen für ihn an der Realität vorbei, da sie nicht umsetzbar seien. Denn „natürlich sind wir auch in bestimmten Dingen maßlos“, sagte Hüther. „Ich bin maßlos auf der Suche nach Neuerungen in der Medizintechnik. Ich bin maßlos bei der Suche nach Effizienz, um den CO₂-Ausstoß zu reduzieren. Wir dürfen auch maßlos sein.“ Es bedarf seiner Meinung nach anstelle einer Wachstumsreduzierung eines Instrumentenmixes, der darauf reagiere: Ordnungsrecht, Handlungspolitik oder Preissignale.

Das Problem liegt in der Verteilung

Zentrales Thema der Diskussion war auch eine ungleiche Verteilung von Vermögen, darüber waren sich alle Beteiligten einig. Wie Steuerungs- und Kontrollmechanismen dafür konkret aussehen könnten, dafür gab es mehrere Vorschläge. Hüther bevorzugte eine kluge Gestaltung der Erbschafts- und Schenkungssteuer. Kemmer plädierte dafür, die mittleren und kleinen Einkommen zu entlasten und nicht symbolträchtig von Reichenssteuer zu sprechen, da das Steueraufkommen in Deutschland an sich ausreichend sei.

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm machte im Zuge dessen auf die „prekären Lagen“ auch in Deutschland aufmerksam. Über die Kirche und Diakonie bekomme er Einblick in Biografien und sehe, „wie Leute sich abstrampeln und unglaublich viel leisten und dann kommen sie mit einem Einkommen nach Hause, von dem sie nicht einmal leben können“. Ohne sich für einen der Lösungsvorschläge zu entscheiden, lobte er vor allem das Bewusstsein für die ungleiche Verteilung. Er erwarte aus solchen Diskursen aber auch „Lösungen, die praktikabel sind“.

Vorsitzender der Stiftung Sozialer Protestantismus, Klaus Eberl, der Ehrenvorsitzende Altbischof Horst Hirschler, die Preisträger Maximilian Rechholz, Lukas Meyer und Dennis Sinemus, Kuratoriumsmitglied Volker Hergenhan, der stellvertretende Stiftungsvorsitzende Ulrich Schneider und der Kuratoriumsvorsitzende Professor Dr. Traugott Jähnichen Foto: Mirjam Petermann
Vorsitzender der Stiftung Sozialer Protestantismus, Klaus Eberl, der Ehrenvorsitzende Altbischof Horst Hirschler, die Preisträger Maximilian Rechholz, Lukas Meyer und Dennis Sinemus, Kuratoriumsmitglied Volker Hergenhan, der stellvertretende Stiftungsvorsitzende Ulrich Schneider und der Kuratoriumsvorsitzende Professor Dr. Traugott Jähnichen

Studenten für sozialethische Auseinandersetzungen ausgezeichnet

Im Vorfeld der Diskussion verlieh die Stiftung Sozialer Protestantismus zum vierten Mal den Klaus-von-Bismarck-Preis. Anders als in den Vorjahren wurden jedoch keine namenhaften Professoren geehrt, sondern studentische Arbeiten zur sozialethischen Bedeutung der Reformation. Preisträger waren drei junge Theologen aus Bochum, Berlin und Göttingen. Der Student Dennis Sinemus untersuchte in seiner Hausarbeit das bedingungslose Grundeinkommen aus protestantischer Sicht. Er plädierte abschließend für eine graduelle Umsetzung, da sich im lutherischen Sinne nicht alle Arbeit auf Erwerbsarbeit reduzieren ließe, sondern Arbeit als jeder Dienst am Menschen gesehen wird. Durch finanzielle Absicherung entstünde eine neue Freiheit für gesellschaftlich relevante Tätigkeiten.

Ein weiterer Gewinner, Maximilian Rechholz, untersuchte die gegenwärtige Fluchtsituation aus wirtschaftsethischer Perspektive. Als dritter Preisträger wurde Lukas Meyer für seine Abschlussarbeit zum Themenkomplex Migration, Flucht und Asyl als Herausforderung für die theologische Ethik ausgezeichnet. Dabei befasste er sich unter anderem mit den Theologen Ulrich Körtner und Bedford-Strohm, die unterschiedlich argumentierten, was die Aufnahme von Flüchtlingen betrifft. Während Körtner dafür plädierte, Zuwanderung zu begrenzen und nicht mehr Menschen aufzunehmen, als ein Land versorgen könne, habe Bedford-Strohm uneingeschränkte Solidarität und beispielsweise konkret die Abschaffung der Dritt-Staaten-Regelung gefordert. Während der eine Vorschlag die moralische Verpflichtung völlig vernachlässigt, sind die politischen Schritte der anderen Forderungen nicht ausgewogen und überbetonen die Moral, ist Meyers Bewertung.

Anregungsstarke Wirtschaftsethik der Reformatoren

Im Festvortrag anlässlich der Preisverleihung sprach der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, über die wirtschaftsethischen Herausforderungen Luthers und Calvins. Das waren zum einen der Umgang mit wirtschaftlichen Realitäten und die Herausforderung, sie zu verstehen und aus der Perspektive der verletzlichen Bevölkerungsgruppen zu gestalten. Zum anderen hatten sie sich mit der Armut und der gleichen Berufsverantwortung aller zu befassen. Huber warnte davor, den Umgang mit den drei Bereichen ungefiltert zu übertragen. Er sagte aber auch: „Die Wirtschaftsethik der Reformatoren ist so anregungsstark, dass wir mit dem Klammerbeutel gepudert wären, wenn wir das Reformationsjubiläum vorbeigehen ließen, ohne das zu nutzen.“ (pro)

Von: Mirjam Petermann

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