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Wenn Freikirchen unfrei machen. Ein Jugend-Roman klagt an

Wenn Jugendliche an Jesus glauben, kann sie das frei machen. Die Autorin Nortrud Boge-Erli hat einen Teenager-Roman über die erste große Liebe und die ersten Beziehungsprobleme geschrieben. Doch etwas unterscheidet ihn von einer typischen Boy-meets-Girl-Geschichte: Die Hauptfigur Lisa gehört einer streng frommen Gemeinde an. Wie eine Freikirche ihre Anhänger alles andere als frei macht und Nichtchristen anekeln kann, beschreibt Nortrud Boge-Erli in ihrem Buch "Zwischen Himmel und Hölle".
Von PRO

Foto: pro

Es könnte eine ganz normale Geschichte über zwei Teenagern sein. Tom verliebt sich bei einer Jugendfreizeit in Lisa. Doch diese Geschichte von Nortrud Boge-Erli ist besonders: Sie behandelt zugleich die Frage nach dem Glauben von jungen Menschen, ihre Fragen nach Gott, und vor allem den Druck, den eine Kirchengemeinde auf Heranwachsende ausüben kann. Lisa ist fromme Christin, stammt aus Kasachstan und geht in eine freikirchliche Gemeinde. Tom ist atheistisch eingestellt, jedoch unsterblich in Lisa verliebt. Probleme sind vorprogrammiert. Und so ist "Zwischen Himmel und Hölle" die Schilderung eines seelischen Missbrauchs einer Jugendlichen in einer frommen, oder besser: frömmelnden Gemeinde. Und es ist zugleich ein hartes Urteil über Freikirchen, die so anders sind als Landeskirchen.

Boge-Erli zeichnet das Bild von einem Christsein, das zutiefst abschreckt. Die Hauptfigur Lisa würde Tom gerne in ihr christliches Umfeld ziehen, und Tom, der sich weigert, will Lisa ohne frommes Drumherum liebhaben. Dazu kommt, dass Lisa eigentlich bereits einem Mitglied aus der Gemeinde versprochen ist: Luca, der derzeit ein Predigerseminar in Kalifornien macht. Fundamentalistische Christen, so erscheint es dem Leser, sind verbohrt, weltfremd, manchmal etwas dumm und vor allem zentriert auf Jesus. Ein Lehrbuch, das ebenfalls unter dem Titel "Ziwschen Himmel und Hölle" im Verlag "Hase und Igel" erschienen ist, verdeutlicht, dass es der Autorin darum geht, Kinder und Jugendliche aufzuklären über restriktive Strukturen in allzu strengen Gemeinden von "Jesus-Gläubigen". Es sei nicht ihre Absicht gewesen, alle über einen Strang zu ziehen, erklärt sie gegenüber pro. Es gebe auch "gute Freikirchler".

Eine Insiderin warnt vor engstirnigen Jesus-Anhängern
 
Sie selbst sei "lange, lange eine Insiderin" gewesen, sagt die Autorin. Boge-Erli habe viele Freunde in Freikirchen und in Landeskirchen, katholisch wie evangelisch, sagt sie im Interview. Sie selbst war katholisch, konvertierte jedoch zum Protestantismus, als sie einen evangelischen Pfarrer heiratete. Die Geschichte von Lisa und Tom basiert auf wahren Begebenheiten; In Boge-Erlis Familienkreis scheiterte eine Verlobung am "Schmalspur-Jesus-Glauben", wie sie sagt.

Boge-Erli denkt sich in ihrem Buch sehr gut in die Psyche eines jungen Mädchens ein, das hin und her gerissen ist zwischen erwachenden Sehnsüchten einerseits und strengen Regeln ihrer Familie und Gemeinde andererseits. Eine Qual stellen die Schuldgefühle dar, die nach dem Roman das Hauptprinzip frommer Christen zu sein scheinen. Das Warten mit dem Sex bis zur Ehe – eine Tortur. Die fromme Fröhlichkeit der Gläubigen – Heuchelei.

Horror, Heuchelei und Schuldgefühle in Freikirchen

Toms Freund Paul berichtet von dem Horror, den er in der Freikirche erlebt hat. Es dürfte gleichzeitig jedem Kind, das das Buch liest oder die Arbeitsmaterialien aus dem Hause "Hase und Igel" bearbeitet, eine Warnung sein. Paul erzählt seinem Freund etwa: "Sei froh, dass du nicht frühgeschädigt bist wie ich. Weiß du, was die mit Kindern machen, die keine Lust haben, sich von morgens bis abends fromme Geschichten anzuhören?" Die Antwort: "Die machen Druck. Ganz einfach Druck!" Paul fügt hinzu: "Im Ernst, die haben uns gedroht, dass der Teufel solche Kinder wie uns bereits in den Klauen hat, und ich hab tagelang den Griff der Klauen in meinem Nacken gespürt. (…) Du siehst den Teufel hinter jeder Ecke. Und du siehst den traurigen Gott, der über deine verlorene Seele weint. So ein Schwachsinn!" Er sei froh, dass sein Vater ihn und seine Schwester "da rausgeholt" habe.

Beispielhaft wird die Falschheit der so genannten "freien" Christengemeinde an Lisas Vater aufgezeigt: Er knausert mit dem Geld und begründet das mit frommen Bibelsprüchen; Gleichzeitig fährt er "ein dickes Auto" und "füllt seinen Bauch mit deftigem Essen". Rückständig wie er ist, schränkt er das Internet für seine Familie rigoros ein: "Das ist Deibelzeug." Außerdem streitet er für die "Familienehre", die Lisa durch ihre Freundschaft mit Tom verletzt habe. Lisa wird geschlagen, eine Teufelsaustreibung droht.

Es erscheint da nur logisch, dass die Kinder solcher Eltern ein Doppelleben führen: Lisas Brüder senken betrübt ihre "kurz geschorenen Köpfe". Sie laden sich stattdessen "bei ihren Freunden illegal Musik herunter", gehen heimlich ins Kino und zu "gottlosen, freidenkerischen Freunden". Geld für "anständige" Markenklamotten steckt die Mutter ihren Kindern heimlich zu.
 
Teenager mit Sehnsüchten und widersprechenden Gemeinde-Gesetzen

Die Probleme spitzen sich zu. Tom will Sex mit Lisa, doch das "verbietet ihr Jesus". Auch das Thema Selbstbefriedigung wird angesprochen: Für Tom eine Selbstverständlichkeit, für die fromme Lisa ein Problem, denn Gott verbiete ausdrücklich, "dass Frauen solche Bedürfnisse haben". Es kommt dennoch zum Sex zwischen beiden. Lisas Mutter entdeckt Sperma, weiß sofort Bescheid, schlägt ihre Tochter und nennt sie eine Hure. Lisa versinkt in einem Strudel aus Selbsthass, Verdammnis und sich widersprechenden Wünschen. Tom: "Ich liebte Lisa und ich hasste diese sogenannten Christen, die ihre Schuldgefühle machten." Tom stellt fest, dass mit ihr "ernsthaft etwas nicht stimmt." Später denkt er: "Wahrscheinlich ist sie wirklich nicht übermäßig klug. Sonst würde sie so ein Zeug nicht glauben."

Dann stellt sich heraus, dass Lisa schwanger ist, doch nicht etwa von Tom. Es werden Andeutungen in Richtung Kindesmissbrauch und Inzucht gemacht: Toms Mutter erklärt: "Wir wissen nicht, ob Lisa schon lange innerhalb der Familie missbraucht wurde oder ob sie von ihrem Freund schwanger war. Sie selbst schweigt dazu." Es stellt sich heraus: der Vater ist ihr Verlobter Luca, er hat Lisa vor seiner Abreise in den USA zu Sex gezwungen.

Am Ende wird klar: die eigentliche Liebe, die Lisa braucht und schließlich auch erfährt, liegt nicht etwa bei Gott (der scheint bei all der frommen Gesetzlichkeit der "Freikirche" ohnehin abwesend zu sein), sondern bei Tom und den nicht-christlichen Mitmenschen. Als Lisa irgendwann nur noch Engel und Dämonen sieht, kommt sie in psychotherapeutische Behandlung. Langsam gesundet sie.
 
Für jeden Leser abschreckend

Es ist schade, dass hier eine Freikirche gezeichnet wird, die kein Wort von der Liebe Gottes zu den Menschen und vor allem zwischen den Menschen verstanden zu haben scheint. Ein Jugendlicher, der das Buch "Zwischen Himmel und Hölle" liest oder im beiliegenden Arbeitsbuch lernt, will sicher so bald nichts mit frommen "Jesus-Gläubigen" zu tun haben. Es sei denn, er verallgemeinert nicht und sieht in Boge-Erlis Beschreibung einen Sonderfall. Aber wollte die Autorin mit ihrem Buch verallgemeinern? Das Unterrichtsbuch spricht dafür, sie selbst streitet es ab.

Die 67-jährige Autorin schrieb vor zehn Jahren ein ähnliches Buch über Satanismus. In "Satans rote Augen" warnte sie vor den Fängen des Teufelskultes, in die Jugendliche schnell geraten können. Nun gab sie nach eigener Aussage dem Wunsch nach, ein Buch über "religiösen Fanatismus" zu schreiben. Sie habe nicht generell gegen Christen, Freikirchen oder "Jesus-Gläubige" anschreiben wollen, sagt sie, stattdessen wolle ihr Buch Schüler dazu bringen, über Religion, strenge Glaubensvorstellungen und seelischen Missbrauch zu diskutieren. Das Schulbuch nennt dies "antidemokratische und menschenunwürdige Verhaltensweisen".

Mit Sicherheit ist das ein wichtiges Anliegen. Es gibt seelischen Missbrauch auch in christlichen Gemeinden. In Boge-Erlis Buch greift die Darstellung des christlichen Glaubens jenseits der großen Landeskirchen jedoch sehr kurz. Die Christen sind hier dumm, brutal und tyrannisch, die Atheisten hingegen sind aufgeklärter, intelligenter und wissenschaftlich versierter. Eines aber sollte jedem christlichen Leser zu denken geben: Die Liebe, die sich wirklich um Menschen kümmert und deren Belange sieht, findet Lisa nicht unter den frommen "Freikirchlern", sondern unter den Skeptikern und Kirchenfernen. Dass ein junges Mädchen leidet, scheint diesen Gemeindemitgliedern nicht so wichtig zu sein wie die Einhaltung von "Gottes Geboten".

Am Ende des Buches sind es dann aber doch Freikirchler, die sich Lisas seelischer Not annehmen. Sie bringen sie nach Süddeutschland, wo sie in der Nähe vom Bodensee in eine neue Gemeinde geht, ebenfalls eine Freikirche, aber eine "freiere Freikirche", wie es heißt. Vielleicht sind dies die "guten Freikirchler", die Boge-Erlis ebenso kennen gelernt hat. Und von denen sie sich wünscht, es gebe mehr von ihnen. (pro)

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