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Wenn das Christentum verdampft…

Der Politikwissenschaftler und Publizist Dr. phil. Andreas Püttmann hat in seinem Buch "Gesellschaft ohne Gott" Risiken und Nebenwirkungen einer Entchristlichung Deutschlands aufgezeigt. Wir haben Püttmann, der als Redakteur des "Rheinischen Merkur" mit dem Katholischen Journalistenpreis ausgezeichnet wurde, getroffen.
Von PRO

Foto: pro

heffffisrpro: Herr Püttmann, Sie haben einen "Weckruf" verfassen wollen. Wen wollen Sie wecken? Und warum?

Püttmann: "Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit", heißt es in einem schönen Kirchenlied. Und ich habe den Eindruck, dass manche den Schuss noch nicht gehört haben – in beiden Konfessionen. Der christliche Traditionsverlust ist in Deutschland dramatisch, stärker noch als in vielen anderen Ländern der Europäischen Union. Nach einer Eurobarometer-Studie vor wenigen Jahren glaubten 52 Prozent der Europäer an Gott, 47 Prozent der Deutschen. Wir sind also unter dem Durchschnitt, obwohl wir doch die mächtigen Volkskirchen haben, aber mit immer weniger Kirchenvolk. Der deutsche Protestantismus, der 1950 noch 46 Millionen Gläubige versammelte, hat jetzt noch 23 Millionen. Das ist praktisch eine Halbierung in zwei Generationen. Und der deutsche Katholizismus, der von den reinen Mitgliederzahlen her besser dasteht, hatte damals eine Gottesdienstbesucherquote von 50 Prozent und jetzt noch von rund zehn Prozent. Das ist keine Erosion mehr, sondern eine Implosion des Christentums. Unter den Kirchenmitgliedern sind jede Menge "getaufter Heiden", die ihren Glauben nicht mehr buchstabieren können.  Wenn man ein PISA des Glaubens erheben würde, wären wir erschüttert. Otto B. Roegele hat einmal gesagt: "Keiner glaubt uns, was wir selbst nicht glauben". Es muss also eine massive Neuaneignung christlichen Glaubenswissens stattfinden, damit die Christen aus ihrer strukturellen Missionsunfähigkeit herauskommen.

pro: Das heißt, von der These eines "Comebacks" der Religion und des Glaubens, von der vor ein paar Jahren die Rede war, halten sie gar nichts?

Püttmann: Davon halte ich nichts, weil da viele Dinge miteinander vermischt werden. Zunächst einmal heißt "Comeback der Religion" nicht Comeback der christlichen Hochreligion. Ich glaube zwar, dass der Mensch unheilbar religiös ist, und dass Glauben eine anthropologische Konstante ist. Das heißt aber nicht, dass unter bestimmten zivilisatorischen Bedingungen nicht auch lange Phasen der Glaubens- oder der Religionsentfremdung stattfinden könnten. Man darf hier also nicht Religion und christlichen Glauben gleichsetzen. Zum anderen verdankt sich das Comeback der Religion zum größten Teil der Diskussion über den Islam mit seinen auch erschreckenden Momenten. Wir haben vier Prozent Muslime in der Bundesrepublik Deutschland, und an den Diskussionen über Religion haben diese vier Prozent einen geschätzten Anteil von über 50 Prozent. Von hier kommt also noch Schützenhilfe für die Christen: durch die Abgrenzung und die Furcht vor dem Islam. Drittens war 2005 ein außergewöhnliches Jahr päpstlicher Ereignisse. Mit Papst-Sterben, Papst-Wahl und Papst-Besuch kam ein dreifacher katholischer Sturzbach über Deutschland. Das hat eine vorübergehende Stimmung erzeugt, wonach Religion wieder "in" wäre. Aber da sich dieser Papst nicht zum Programm gemacht hat, beliebt zu sein oder zu bleiben, sondern seine Botschaft, wie er sie schon als Kardinal Ratzinger hatte, durchgezogen hat, konnte dieser Honeymoon nicht lange dauern. Es gab viertens Sozialforscher, die die Lage beschönigt haben. Der Bertelsmann-Religionsmonitor etwa bezeichnet bereits einen einmaligen monatlichen Gottesdienstbesuch als hohe Intensität religiöser Praxis. Wenn man die Latte so niedrig hängt, dann hat man nachher als Ergebnis 70 Prozent religiöse Deutsche und 20 Prozent hochreligiöse, obwohl sich die Deutschen selbst nur noch zu 46 Prozent als religiös einstufen. Meiner Meinung nach befinden wir uns in einem Prozess massiver Entchristlichung.

pro: Sie sagen ja auch, dass Aberglaube nachweislich zunimmt…

Püttmann: Ja, es gibt demoskopische Daten, denen zufolge Schornsteinfeger, schwarze Katzen von links über den Weg, vierblättrige Kleeblätter oder Hufeisen an zeichenhafter Bedeutung zunehmen. Ihr Horoskop lasen mindestens manchmal 1977 erst 46, 2001 aber 77 Prozent. Fast ein Drittel der Leser erklärten, sie seien schon oft oder ab und zu "nach dem Horoskop gegangen". Was nicht kompensatorisch zugenommen hat, ist die "Alternativreligiosität", also etwa der Buddhismus, Naturreligionen oder Esoterik. Das hat vor allem keine sozialethische Relevanz. Ein Ethos, wie es das Christentum für die Breite unserer gesellschatlichen Probleme mit sich bringt, können diese anderen Formen der Religiosität nicht vorweisen. Die Alternative zur christlichen Hochreligion ist eher gar keine Religion als eine  konkurrierende Religion, und wenn überhaupt, dann der Aberglaube.

pro: Würden Sie sagen, dass man angesichts der Entchristlichung auch den so genannten "neuen Atheisten" einen Erfolg zusprechen könnte?

Püttmann: Deutschland hat, insbesondere im Osten, in der Tat mit Tschechien eine der höchsten Quoten an Atheisten in Europa. Das ist das Erbe der SED-Diktatur. Trotzdem ist einer Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung der radikale Atheismus fremd. Man distanziert sich zwar praktisch vom Christentum, aber plumpe antiklerikale und kämpferisch laizistische Positionen sind noch nicht mehrheitsfähig. Allerdings ist insbesondere die katholische Kirche, die wesentlich unbeliebter ist als die evangelische und dennoch weit weniger Austritte hatte, einer zunehmenden Ablehnung ihrer Organisationsform und Morallehre ausgesetzt. Dafür sind aber weniger die Atheisten verantwortlich, als vielmehr eine Mehrheit von kirchenfernen bis kirchenfremden Journalisten, die viel größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung haben als ein paar Atheisten, die in einem Bus durch die Republik zockelten und nicht viel Zuspruch hatten. Man sollte nicht die große Verschwörung von Atheisten und Freimaurern mit einem koordinierten antichristlichen Programm beschwören. Viel maßgeblicher ist die Bequemlichkeit und die Aversion gegen eine Kirche, die von jedem fordert, sein eigenes Leben zu verändern, sich zu beherrschen und auch mal zu verzichten, insbesondere im Bereich der Sexualität, wo nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung die Position der Kirche einigermaßen teilen. Daher würde ich im Moment diesen neuen militanten Atheismus noch nicht als die Hauptgefahr sehen. Aber ich vermute, er wird wachsen. Das ist ja auch kein Wunder, denn die Mächte des Bösen, der Satan, von dem die Heilige Schrift spricht – den aber unsere Theologie nahezu abgeschafft hat –, wird sich natürlich nicht mit der Gleichgültigkeit der Leute zufrieden geben, sondern will auch den Hass gegen die Sache Jesu Christi. Christen dürfen ja wohl noch daran glauben , dass die Geschichte auch ein Ringen zwischen den metaphysischen Kräften des Bösen und des Guten ist, was übrigens in anderen Ländern viel mehr geglaubt wird, zum Beispiel in den USA.

pro: Aber gibt es denn nicht gerade jetzt unter den Politikern immer mehr,  die sich zum christlichen Glauben bekennen, auch und gerade jüngere? Geht da die Tendenz in eine andere Richtung?

Püttmann: Meine Analyse richtet sich ja hauptsächlich auf die Gesamtbevölkerung. In den Eliten kann durchaus eine andere Einsicht vorherrschen. Eine Umfrage des Elite-Panels von Allensbach aus den neunziger Jahren zeigte, dass drei Viertel der deutschen Führungskräfte in Politik, Wirtschaft und Verwaltung der Meinung waren: Wenn die religiösen Bindungen schwächer würden, dann würden auch wichtige Werte und Maßstäbe verloren gehen. Vor allem die politische Elite war dieser Meinung. Diese Gruppe, die sozusagen die Verantwortung für das Ganze hat, erlebt natürlich, wie  hilfreich die Kirchen sind, und sie braucht sie geradezu als Verbündete in vielfacher Hinsicht, etwa in der Sozialfürsorge und im Bildungswesen. Wenn also ein Politiker seine Karriere von der kommunalen Ebene aus beginnt, dann wird er zwangsläufig mit Kirche in Kontakt kommen und ein tendenziell eher hilfreiches Bild gewinnen, wie übrigens auch die Bevölkerung. Eine große Mehrheit hat Umfragen zufolge übrigens auch den letzten Gottesdienst positiv in Erinnerung. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sagt, sie habe nach persönlichen Gesprächen ein positives Bild vom eigenen Pfarrer.  Der Geistliche zählt laut Allensbach seit Jahren zu den fünf Berufen, die die Deutschen am meisten schätzen. Unter den Politikern gibt es allerdings auch Negativ-Beispiele: Wann hat es das seit der Nazizeit gegeben, dass katholische Bischöfe von Spitzenpolitikern als "kastrierter Kater", "Hassprediger" oder "durchgeknallter Oberfundi" beschimpft werden?

pro: Was kann man gegen die Entchristlichung Deutschlands tun?

Püttmann: Das beste Programm hat der Rat der EKD in Stuttgart 1945 formuliert: "Mutiger bekennen, treuer beten und fröhlicher glauben, brennender lieben". Das sind die wesentlichen Punkte zur Geistlichen Revitalisierung. Die Christen müssen ihre Bekenntnisscheu, Bekenntnisfaulheit, Bekenntnisunwilligkeit und Bekenntnisunfähigkeit überwinden. Die Bekenntnisscheu entspringt der Angst, sich in einem zunehmend kirchenkritischen Umfeld zu isolieren.  Die Bekenntnisfaulheit entspringt der menschlich verständlichen Bequemlichkeit, dass man etwa nicht versucht, den agnostischen oder atheistischen Nachbarn oder Bekannten in langen Gesprächen zum Glauben zu führen, dass man aufgehört hat gleichsam zu glühen und etwas von der Wärme des Glaubens auszustrahlen. Die Bekenntnisunwilligkeit macht sich eine Aversion gegen große Worte zu eigen, die nicht durch Taten gedeckt sind. Im Sinne von Franz von Assisi: Lasst uns mehr durch unser Leben predigen als mit Worten! Das Bekenntnis mit Worten ist aber nicht verzichtbar, wenn man den Glauben in seiner ganzen Fülle mitteilen will. Von dem Schatz, der das eigene Leben bereichert und erhält, muss man etwas weitergeben wollen. Das letzte, die Bekenntnisunfähigkeit, ist die Inkompetenz, den eigenen Glauben für andere zu buchstabieren, weil keine Anstrengung da ist, ihn selbst zu verstehen. Aber wenn man jemanden liebt, dann möchte man ihn doch besser verstehen. Das gilt auch für die Gottesliebe.

pro: Wenn Sie Ihr Buch auf eine einzige These reduzieren müssten, welche wäre das?

Püttmann: Das Herzstück des Buches ist für mich die Entdeckung, dass Christen tatsächlich anders sind. Und dass der hohe Anspruch des Evangeliums, "Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt", durch die empirische Sozialforschung in erheblichem Umfang bestätigt werden kann. Dass Christen, wenn sie nicht nur nominell, sondern faktisch und praktizierend Christen sind, tatsächlich anders denken, fühlen und handeln, und zwar auf eine sozial erwünschte und sozial verträgliche Weise. Dass die Christen eine Art Werte-Elite sind, von der alle Menschen in der Gesellschaft profitieren. Gregor Gysi hat völlig Recht, wenn er sagt: Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft. Joschka Fischer schreibt: Eine Ethik ohne religiöse Fundierung scheint in der Moderne einfach nicht zu funktionieren. Man muss nicht fromm sein, man muss nur die sozialwissenschaftlichen Daten studieren, dann wird man erkennen, dass sich das gesellschaftliche Klima erheblich verändern wird, wenn der christliche Glaube weiter verdampft. Dann bekommen wir eine Klimakatastrophe ganz anderen Ausmaßes als die, von der heute unentwegt die Rede ist. Das ist die Hauptthese des Buches.

pro: Vielen Dank für das Gespräch!

Andreas Püttmann: "Gesellschaft ohne Gott. Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands", Gerth Medien, 2010, 17,95 Euro. Einen Auszug aus dem Buch finden Sie in der aktuellen Ausgabe 3/2010 des Christlichen Medienmagazins pro.

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