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Weltfremd, glaubensfremd, EKD

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat das Impulspapier „Reformation und Islam“ veröffentlicht. Leider argumentiert sie darin an der öffentlichen Debatte vorbei. Von der im Titel genannten Reformation ist die Schrift weit entfernt. Ein Gastkommentar von Gerrit Hohage
Von PRO
Mit der Reformation, die sie im Titel trägt, hat das EKD-Impulspapier „Reformation und Islam“ nicht viel zu tun, findet unser Kommentator
Mit der Reformation, die sie im Titel trägt, hat das EKD-Impulspapier „Reformation und Islam“ nicht viel zu tun, findet unser Kommentator
Wir leben in aufregenden Zeiten. Französische Sicherheitskräfte bemühen sich (bisher erfolgreich), die Fußball-Europameisterschaft vor Anschlägen durch IS-Terroristen zu schützen. Hierzulande müssen mancherorts Flüchtlinge, die Christen werden, vor muslimischen Flüchtlingen geschützt werden. Die Briten erteilen Europa unter anderem wegen der Flüchtlingskrise den Laufpass. Die evangelische Kirche feiert bald das Reformationsjubiläum. Und die EKD bringt ihre neueste Schrift heraus, das Impulspapier „Reformation und Islam“. Ein doppelt aktuelles Thema in einer politisch brisanten öffentlichen Debattenlage. Was hat die EKD anzubieten? Viel hatte die verantwortliche Kommission sich vorgenommen – „Tiefenstrukturen des kollektiven Gedächtnisses Europas an den Tag“ zu bringen und die – selbstverständlich „kritische“ – Auseinandersetzung mit dem „historischen Erbe der Reformation“ im Blick auf den Islam. Es ist denn auch der historische Teil, der am meisten Erkenntnisgewinn bringt, zum Beispiel dass der Islam von den Reformatoren eigentlich durchgängig nicht als Fremdreligion, sondern als „christliche Häresie“ wahrgenommen wurde, oder dass Luther sich für die Übersetzung und Veröffentlichung des Korans (und damit auch für seine Lektüre) einsetzte, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann. Luther konnte den Islam als „Strafe Gottes“ oder als Endzeitzeichen sehen. Aber gleichzeitig fanden die Reformatoren in Gebieten des Islam, der in dieser Phase seiner Geschichte auffällig tolerant war, mitunter Bedingungen für Religionsfreiheit, die sie im „christlichen Abendland“ so nicht fanden und die sie damals auch selbst noch nicht bereit waren, Andersgläubigen zuzugestehen. So weit, so interessant, und so unvermeidlich folgt der Absturz der Schrift in Kapitel 4. Die „neue theologische Verhältnisbestimmung zum Islam“ setzt an bei den fünf reformatorischen „sola“ als Zusammenfassung des Wesenskerns der Reformation (allein… die Schrift, aus Gnade, durch den Glauben, durch das Wort, Christus allein). Und dann distanziert sie sich von diesen! „Eine Übertragung der reformatorischen Positionierungen und Abgrenzungen in die Gegenwart ist nicht ohne Weiteres möglich und erfordert besondere Sorgfalt“, heißt es da. Dieses neuevangelische Mantra tritt zuverlässig überall dort auf, wo die Kirche sich zu ihren eigenen Glaubensgrundlagen verhalten soll. Neu ist, dass es nicht nur auf die Bibel angewendet wird (der Satz „allein die Schrift“ wird eigens dahingehend „korrigiert“, dass die biblischen Texte nicht mehr wie bei den Reformatoren als „Wort Gottes“ verstanden werden könnten). Der EKD-Text bezieht dieses Mantra auf die reformatorische Theologie im Gesamten.

Sorge um Anstößigkeit

Das ist erkennbar dem Bemühen geschuldet, sich in der Debattensituation politisch unanstößig zu positionieren. Man will den Eindruck vermeiden, dass der Glaube des anderen abgewertet würde, spricht sich für eine „dialogische Haltung“, gegen „islamfeindliche Tendenzen“ und „Bedrohungsszenarien“ aus und möchte „Berührungsängste überwinden“. Klar, das wollen wir alle, aber wir leben nun mal in einer Zeit, in der Mütter sich fragen, ob sie ihren Töchtern empfehlen können, ohne Begleitschutz in bestimmte Stadtteile zu gehen. Die Chance, zwischen diesen beiden Seiten der Debatte ein Gleichgewicht herzustellen, was eine gesellschaftspolitisch relevante Intervention gewesen wäre, wurde nicht ansatzweise genutzt. Vor lauter Besorgtheit, irgendeine Anstößigkeit bieten zu können, fällt eine bedeutende Anfrage aus dem Ertrag der reformatorischen Islam-Texte unter den Tisch. In deren Verständnis des Islam als „christlicher Häresie“ (dass Mohammeds christliche Gesprächspartner Arianer bzw. Nestorianer waren, kann auch heute als gesichert gelten) steckt nämlich das Bewusstsein einer historischen Verbindung und damit auch einer christlichen (Mit-)Verantwortung. Muslime sind dann eben nicht „die anderen“, auf die christlich-abendländische Hände schön mit dem Finger zeigen könnten. Das Christentum und eben auch die heutigen Kirchen sind dann ganz anders beteiligt. Ja, heißt es, was kritisch gesehen wird, soll kritisch benannt werden, das sei legitim und möglich. Aber die EKD-Schrift selbst spart jeden Hinweis auf kritische Fragen an die islamische Seite (etwa das Verhältnis zu Gewalt und Terror) völlig aus und wirkt auf diese Weise schlicht weltfremd, abgehoben im eigenen Wolkenkuckucksheim, komplett an der konkreten öffentlichen Debatte vorbei. Die sekundär aus den fünf reformatorischen Kernpunkten abgeleiteten „Anknüpfungspunkte“ für den Dialog sind denn auch reichlich nichtssagend, ohne greifbaren Ertrag. Sich aufs Fremde einlassen, ohne das Eigene zu verlieren – das sind Platitüden in Zeiten, in denen Menschen das Gefühl haben, die Werte unserer Demokratie verteidigen zu müssen und dabei mit genau diesen Werten in Konflikt zu kommen drohen.

Eine Kirche mit Identifikationsstörung?

Das einzige, das in dieser Schrift pointiert herüber kommt, ist die Kritik an der Reformation und das Mantra der Nichtübertragbarkeit. Das sagt einiges aus über das Verhältnis der evangelischen Kirche zu sich selbst, zu ihrer eigenen Identität, zu ihrem Markenkern. Die Kirche hat ganz offensichtlich eine kollektive Identifikationsstörung. Sie ist außerstande, sich mit ihren Glaubensgrundlagen, mit dem also, wofür sie eigentlich steht, zu identifizieren. Identifiziert ist sie vielleicht noch mit ihrer eigenen kritischen Gläubigkeit. Die Inhalte der Reformation aber – das also, was eigentlich evangelisch ist – betrachtet sie nur noch von außen, im Bewusstsein der Distanz. Was soll da eigentlich das Reformationsjubiläum, auf das im Eingangsteil ausdrücklich Bezug genommen wird? Es wirkt angesichts solcher Schriften immer mehr wie ein pompös aufgeblasenes Requiem. Der Reformation wird im Rückblick abschließend gedacht – um sie feierlich zu beerdigen. Das gibt bestimmt ein schönes Fest. Was kann der evangelische Christ von dieser EKD eigentlich noch erwarten? (pro)

Dr. Gerrit Hohage ist Pfarrer der evangelischen Bonhoeffergemeinde Hemsbach und Mitglied des Christlichen Medienverbundes KEP.

https://www.pro-medienmagazin.de/paedagogik/detailansicht/aktuell/integration-ekd-fordert-flaechendeckenden-islamunterricht-96243/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/detailansicht/aktuell/bedford-strohm-kein-ende-der-willkommenskultur-96081/
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