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“Welt” über das “Geschäft mit der Angst

In Zeiten der Wirtschaftskrise haben Esoteriksender Hochkonjunktur. In ihrer aktuellen Ausgabe zeigt die Tageszeitung "Die Welt", wie erfolgreich TV-Wahrsager sind und wie die Zuschauerzahlen des christlichen "Bibel TV" durch die Verunsicherung der Menschen steigen.

Von PRO

Foto: Michael Marlatt

Kartenlegen, Kafffeesatzlesen, Kristallkugeln befragen –
es gibt nahezu kein esoterisches Angebot, das man derzeit nicht via Telefon im
Fernsehen wahrnehmen kann. Sender wie "EsoTV" oder "AstroTV"
sind deutschlandweit emfpangbar und machen ein scheinbar unschlagbares Angebot:
Sie wollen die Zukunft voraussagen. In Zeiten der Finanzkrise ist dieser
Service besonders beliebt, so das Urteil der "Welt".

So hat die Tageszeitung etwa Sven Vogel, Sprecher der "Questico AG", interviewt. Das Unternehmen ist unter anderem für "AstroTV" verantwortlich. "Die Menschen fragen häufiger nach ihrer finanziellen Sicherheit oder wie lange es in der Firma noch Kurzarbeit gibt", erklärt er. Einen Boom in Sachen Esoterik bestätigen auch die Zahlen: Laut "Welt" hat "Questico" in den letzten fünf Geschäftsjahren ein Umsatzplus von 286 Prozent verzeichnet. Mehr als 1,3 Millionen registrierte Benutzer verzeichnet die "Questico"-Homepage. Im vergangenen Geschäftsjahr machte das Unternehmen 63 Millionen Euro Umsatz.

Lebenshilfe kaufen

Das Geschäftsmodell ist einfach und gleicht ein wenig dem TV-Shopping. Im Fernsehen machen Mitarbeiter das Angebot zur Wahrsagung. Der Zuschauer kann anrufen, das kostet zwischen 50 Cent und 2,99 Euro pro Minute. Für zusätzliche Gewinne sorgen Angebote im Internet. Die "Welt" schreibt vom sogenannten "Anfixen". Zunächst wird der Nutzer durch das Fernsehen angelockt. Wer dort telefonisch nicht durchkommt, klickt sich rasch ins Internet, wo "Lebensberater" ihre Dienste anbieten.

Auch hier werden Horoskope erstellt oder angebliche Engelskontakte herbeigeführt. Das erste Mal ist häufig kostenlos, ab dem zweiten Besuch kostet der Service Geld. "Die Geschäftspraktiken sind zwielichtig", schreibt die "Welt". Neukunden würden häufig schon beim ersten Mal gebeten, ihre Kontodaten preiszugeben, "um sie zu identifizieren". Wenn der Ratsuchende nicht bereit ist, seine persönlichen Daten abzugeben, werde er abgelehnt.

"Beratung kann abhängig machen"

Experten erklären in der "Welt", wie gefährlich diese Praxis für manchen werden kann. "Beratung, wie sie bei diesen Sendern angeboten wird, kann abhängig machen", warnt etwa der Psychotherapeut Peter Groß. Verstärkt würde diese Gefahr durch die Wirtschaftskrise: "Die Welt da draußen ist sehr unsicher – gerade im Moment", sagt Groß und weiter: "Viele wissen nicht mehr, wem sie vertrauen können. Die Wirtschaft hat viele enttäuscht, ebenso die Politik."

Auch das Alleinsein vieler Menschen trage ihren Teil zum Erfolg der Esoteriksender bei. "Bei vielen Menschen, die solche Beratungsangebote in Anspruch nehmen, spielt Einsamkeit eine große Rolle", weiß Werner Gross, Psychotherapeut in Frankfurt und Offenbach. Deshalb seien viele Esoteriksender absichtlich einfach aufgebaut. Die Moderatoren tragen normale Kleidung, die Dekoration ist simpel. Die "Bescheidenheit im Auftritt", wie die "Welt" schreibt, hat System. Sie erzeugt Nähe und das Gefühl: "Der ist wie ich, den kann ich anrufen."

Doch nicht nur Psychologen und Therapeuten warnen vor den Esoterikangeboten. Auch die Medienaufsicht ist alarmiert. Allerdings fehlt die rechtliche Grundlage, um gegen die "Abzocke" vorzugehen. Eine der wenigen festgelegten Regeln, die angewendet werden könnte, betrifft eigentlich Gewinnspielsendungen. Um vor unüberschaubaren Telefonrechnungen zu schützen, darf nicht zur wiederholten Teilnahme aufgefordert werden. Gerd Bauer, Direktor der Landesmedienanstalt Saarland, aber erklärt gegenüber der "Welt": "Generell beobachten wir, dass eine Vielzahl von Sendern die Satzung nicht adäquat beachtet." Und alle könne man eben nicht permanent beobachten, heißt es vonseiten Holger Girbigs von der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen. Häufig sei auch der Sitz der Sender ein Problem. "EsoTV" etwa arbeite von Malta aus. Sobald ein Sender eine ausländische Lizenz besitze, seien die deutschen Medienanstalten machtlos.

Run auch auf "BibelTV"

Doch der Run auf Lebensberatung betrifft nicht nur esoterische Angebote. "Auch die Kirchen, mit der Beichte die eigentlichen Erfinder der Seelenerleichterung, verzeichnen mit ihrer digitalen Außenstelle BibelTV großen Zuspruch", schreibt die "Welt". Im Interview verrät "BibelTV"-Geschäftsführer Bernd Merz: "Das Bedürfnis nach Seelsorge ist in den letzten Monaten unheimlich gestiegen." Wie er sagt, sehen rund 300.000 Zuschauer regelmäßig die Seelsorgesendungen "Betesda" und "hoffnungsvoll", das neu im Programm ist. Wichtig ist dem Geschäftsführer, den Unterschied zu den Angeboten der Esoteriksender klar zu machen: "Bei uns kann man nicht anrufen", sagt er. "BibelTV finanziert sich hauptsächlich über Spenden. Wir wollen niemanden abzocken." (PRO)

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