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“Welt am Sonntag”: Titelthema Esoterik

Eine Entkirchlichung der Gesellschaft führt zu einem Erstarken der Esoterik in Deutschland, sagen Experten. Für das Titelthema der "Welt am Sonntag" hat sich ein Redakteur die Szene, die von "positiven Energien" und "energetisiertem Wasser" lebt, genauer angesehen.
Von PRO

Foto: pro

Vier Seiten widmet die "Welt am Sonntag" (WamS) an diesem Wochenende dem Thema Esoterik. Unter der Überschrift "Energien für Millionen" stellt der Autor fest: "Esoterik ist kein harmloser Spleen, sondern ein Geschäft, bei dem es sehr viel Geld geht." Er fährt fort: "Esoterik ist längst wie weiche Drogen: Fast jeder hat schon mal probiert, nur noch wenige regen sich darüber auf."

Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland jährlich zwischen 20 und 25 Milliarden Euro Umsatz gemacht wird, Tendenz steigend. "Die Stundensätze von Heilern liegen um die 100 Euro. Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz etwa hat es in zwei Jahren auf mehr als tausend Beratungsstunden ‘Einzelcoaching im Bereich mentales Coaching’ gebracht", schreibt die WamS. In den Medien wurde jüngst wie selbstverständlich über Sylvie van der Vaart berichtet, dass sie auf ihr "Medium" vertraue, eine Frau in ihrem Bekanntenkreis.

Der WamS-Autor stellt fest: "Der Glaube an das Übernatürliche, zu dem nur wenige Zugang haben, hat sich scheinbar als etablierte Sache durchgesetzt. Die Sektenbeauftragten der Kirchen warnen regelmäßig. Sie werden weniger gehört." Der Autor hat sich Selbstversuchen unterzogen und mit vielen Menschen gesprochen, die an den Hokuspokus glauben oder von ihm leben. Er hat an einem Reiki-Seminar in Berlin teilgenommen und sollte dort "positive Energie" spüren. "Ich denke an Hokuspokus, glaube, ich bin im falschen Film", beschreibt er seine Erlebnisse. Die Kurs-Leiterin erzählt unter anderem: "Ich habe auch schon Kinder gehabt, die mir von ihrem Heimatplaneten oder ihrem Schutzengel erzählt haben. Die haben losgeplappert, das war total süß."

Der Journalist suchte zudem eine Esoterik-Messe namens "Lebensfreude-Messe" in Hamburg auf. Dort findet er kleine Pyramiden für 1.649 Euro, Heilsteine und "energetisiertes Wasser". Der Hersteller war bereits bei Pfarrer Jürgen Fliege im Fernsehen, erzählt er dem Reporter. "Was es alles gibt: Nullpunktenergie-Steine, Magnetschmuck von Energetrix, für den Franzi van Almsick wirbt. Aurafotografie, Vastu-Beratung, Aunda-Healing, Shiatsu-Massage. Wahrsagen, Handlesen, Kartenlegen, Kaffeesatzlesen, Pendeln. Jede Menge Steine. Tibetanische Naturmedizin mit Irisdiagnose und Fingermassagering. Ganzheitliche Behandlung mit Engel-Energie. Und natürlich alles rund ums gesunde Wasser. Leitungswasser ist tot, sagen alle, es muss vitalisiert und dann in schwingungsfreien Karaffen aufbewahrt werden." Der Autor fügt hinzu: "Bitte schön, kaufen Sie!"
Auch sehr im Kommen sei Esoterik für Tiere.

Über die Esoterik-Szene in Deutschland schreibt die WamS: "Der Markt brummt in ganz Deutschland. Das Publikum kommt. Die Veranstaltungen sind oft Wanderzirkusse, die Namen vielfältig." Zwischen 6.500 und 7.000 "Geistige Heiler" seien in Deutschland in Verbänden organisiert, klärt der Artikel auf. 2005 erweiterte das Bundesverfassungsgericht die Befugnisse von Heilern. "Wer durch Handauflegen und andere rituelle Praktiken Geistheilung ausübt, brauchte keine Erlaubnis nach Heilpraktikergesetz." Nach 2004 sei die Zehl der organisierten "Geistigen Heiler" sprunghaft angestiegen.

Religionsfreiheit bedeutet auch die Freiheit zur Esoterik

Die Wams hat außerdem Hartmut Zinser interviewt, der kritisch über Esoterik forscht. Zinser ist emeritierter Professor für Religionswissenschaften an der Freien Universität Berlin und leitet das Forschungsprojekt "Rückkehr der Religionen". "Esoterische und okkulte Vorstellungen sind zu einem Teil unserer Alltagskultur geworden. Das könnte noch weiter zunehmen mit der Verschärfung der sozialen Fragen, also Arbeitslosigkeit, Orientierungs- und Perspektivlosigkeit", sagt er.

Viele esoterische Prakitiken sollen seinen Beobachtungen zufolge für viele Menschen bei Entscheidungen im Leben helfen. Bei Teenagern habe er gesehen, dass sie mit einem Pendel entscheiden, ob der neue Freund oder die neue Freundin der richtige Partner ist. "Die Menschen, die so etwas benutzen, meinen, dass es sich um eine Form von Wissen handelt." Esoteriker seien aber "kein einheitliches Gebilde", sondern eine Vielzahl von Individuen. "Wem es in einer Gruppierung nicht passt, wechselt in die nächste."

Zinser plädiert für einen "religiösen Verbraucherschutz". "Wir haben wenig Handhabe, wenn wir die Religionsfreiheit nicht einschränken wollen. Wir können bloß Geschäftemacher verantwortlich machen. Wenn eine Auskunft nicht stimmt oder etwas nicht klappt: Geld zurück." Es habe einen Prozess der Entkirchlichung in der Gesellschaft gegeben, stellt Zinser fest. "Esoterik ist das, was von den großen Religionen ausgeschieden wird, als häretisch etwa, oder was von der Wissenschaft verworfen wird. Jeder bastelt sich seine Religion zusammen. Religionsfreiheit bedeutet auch die Freiheit zur Esoterik." (pro)

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