Analyse

Weiße Evangelikale bei den Midterms: Warum sie Trump trotzdem folgen

Die US-Zwischenwahlen dürften Trump ärgern. Trotz bibelfester demokratischer Kandidaten wie James Talarico kann sich seine Partei aber wahrscheinlich weiter auf eine bestimmte Gruppe verlassen: Die weißen Evangelikalen. Warum das so ist.
Eine Analyse von Nicolai Franz

„Das war es jetzt für ihn“, „für Trump wird es jetzt eng“, „das ist das Ende von MAGA“: Donald Trumps Herrschaft wurde in der Vergangenheit schon häufiger abgeschrieben. Und jedes Mal entpuppte sich die Prophetie als falsch.

Zu anderen Zeiten hätte jede einzelne dieser Affären das Ende einer Präsidentschaft bedeutet. Trump sagte auf einem heimlichen Mitschnitt, er genieße es, als Promi Frauen zwischen die Beine zu greifen. Er versuchte, den damals frisch gebackenen ukrainischen Präsidenten Selenskyj dazu zu bewegen, belastende Informationen gegen Hunter Biden zu besorgen, nur dann erhalte die Ukraine weitere Militärhilfen.

Noch nicht einmal nach dem von ihm befeuerten „Sturm auf das Kapitol“ vom 6. Januar 2021 wurde er des Amtes enthoben. Zwar hatte Trump die Wahl gegen Joe Biden nach einer riesigen Mobilisierung Joe Bidens verloren, aber wirklich in Ungnade gefallen war er bei seinen Stammwählern nicht. Auch seine frommen Stammwähler, die weißen Evangelikalen, hielten Trump ein ums andere Mal an der Wahlurne die Treue. 

Übrigens: Auch weiße Katholiken und weiße Mainstream-Protestanten stimmten regelmäßig mehrheitlich für Trump. Andere Christen, zum Beispiel schwarze Baptisten, wählten hingegen durchgängig mit erdrückender Mehrheit demokratisch.

In seiner zweiten Amtsperiode scheinen auch die Medien einen neuen Umgang mit Trumps Kommunikation gefunden zu haben. Offensichtliche Lügen werden achselzuckend zur Kenntnis genommen, und immer mehr scheint sich zu bewahrheiten, was der aktuelle US-Präsident schon vor Jahren über sich sagte, aber niemand glaubte: „Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschießen, und ich würde keinen einzigen Wähler verlieren, okay?“ 

Hat sich das jetzt geändert?

Ja – und nein. Die Midterms stehen an, und alle Umfragen deuten auf einen klaren Machtverlust Trumps im Kongress hin. Seine Zoll-Orgien und sein unrühmlicher Angriff auf den Iran, den er schon mehr als 30 Mal für so gut wie beendet erklärt hat, sorgen bei immer mehr Wählern für Augenrollen. Seine Kumpanei mit Putin einerseits und seine geradezu feindselige Haltung gegenüber dem Präsidenten der Ukraine andererseits kommen ebenfalls schlecht an: Selbst unter MAGA-Anhängern sieht eine überwältigende Mehrheit Russland als Feind. Und die Ukraine als Opfer.

Trump droht eine Blockade im Kongress

Hinzu kommen die unter Trump gestiegenen Lebenshaltungskosten. Nicht nur der seit dem Iran-Krieg wieder viel teurere Spritpreis trägt dazu bei, sondern auch viele andere Bedürfnisse des Lebens. Immer schlechter trägt die Erzählung, all das sei die Schuld von Trumps Amtsvorgänger Joe Biden. Passenderweise steht Trump in den Beliebtheitswerten so schlecht da wie noch nie.

Aber die Midterms sind keine Wahlen um das Weiße Haus, sondern um das Parlament. Der US-Kongress besteht aus dem kleineren Senat und dem größeren Repräsentantenhaus. In letzterem zeichnet sich eine deutliche Mehrheit für die Demokraten ab. Wenn die Demokraten auch im Senat die meisten Sitze erringen, wird es tatsächlich schwierig für Trump: Bundesgesetze müssen in beiden Kammern bestehen. Wenn der gesamte Kongress unter demokratischer Kontrolle ist, kann Trump nicht durchregieren, sondern müsste seinen politischen Feinden weitgehende Zugeständnisse machen.

Andererseits hat Trump auch in den vergangenen Monaten wenig mit dem Parlament zusammengearbeitet. Im Gegenteil legte er sich immer wieder mit dem Kongress an, vor allem in Zollfragen. Zuletzt schloss er einen „Diesel-Deal“ mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ab, obwohl ein Gesetz genau dies verbietet. Präsident gegen Parlament: Davon könnte es in Zukunft mehr geben.

Ungewöhnlich für diese Wahlen zur Halbzeit von Trumps zweiter Präsidentschaft ist, dass so viele Christen mitmischen, und zwar auf Seiten der Demokraten.

Talarico, der bibelfeste Trump-Feind

Besonders in Texas zeichnet sich eine Sensation ab. Mit James Talarico (PRO berichtete) könnte erstmals seit Jahrzehnten ein Demokrat in dem tiefroten Staat das Rennen machen. Und zwar einer, der ständig die Bibel und Jesus zitiert. Seine Wahlkampagne hieß „It’s time to start flipping tables“, „es ist an der Zeit, Tische umzuschmeißen“, eine Anspielung auf die Tempelreinigung Jesu. 

Sein Großvater war Baptistenprediger im südlichen Texas. „Er lehrte mich, einem barfüßigen Rabbi zu folgen, der uns zwei Gebote gab: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten“, schreibt Talarico auf seiner Kampagnenwebsite, ruft zur Einheit, schimpft auf Milliardäre – und vergleicht sich selbst mit Jesus: „Vor 2.000 Jahren, als die Mächtigen das System lahmgelegt haben, kam genau dieser barfüßige Rabbi an die Macht und warf die Tische der Ungerechtigkeit um.“

Talarico, noch keine 40, will mit heiligem Zorn und Bibel in der Hand das aufräumen, was Trump zerstört hat. Allerdings: Evangelikale Wähler dürfte er damit kaum erreichen. Anders, als man Berichte über ihn in der „Zeit“ oder der „Süddeutschen Zeitung“ verstehen kann, ist er nämlich kein frommer Bibeltreuer, sondern linker Protestant. Sowohl politisch als auch theologisch.

Das, so argumentierte „Christianity Today“ schon im Juni, werde bei evangelikalen Christen nicht reichen. Jesus-Zitate sind im Zweifel unwichtiger als die Haltung zu LGBT und Abtreibung. Und da ist der von vielen gefeierte Talarico nun mal liberal.

Ähnliches gilt für Adam Hamilton, Gründungspastor der Church of the Resurrection in Leawood, der größten methodistischen Gemeinde der USA. Er ist angetreten, um für Kansas in den Senat zu kommen. Er hat gute Chancen, bekennt sich regelmäßig zur Bibel, liegt mit konservativen Evangelikalen aber dennoch im Clinch, insbesondere wenn es um dogmatische Fragen geht.

So zeichnet sich etwas ab, das auf den ersten Blick ein Widerspruch ist: Auch die Evangelikalen sehen Trump immer kritischer – wählen aber trotzdem die Republikaner. Die Zustimmung zu Trump unter weißen Evangelikalen ist von etwa 80 Prozent auf nur noch um die 60 Prozent geradezu abgestürzt, wie PEW-Umfragen nahelegen. Geht es um die Wahl, können sich die meisten trotzdem nicht für die Demokraten entscheiden.

Schuld daran dürfte der Kulturkampf sein, der in den USA seit Jahren tobt. Schuld daran sind nicht nur Donald Trump und seine MAGA-Jünger, sondern auch die politische Linke. Die amerikanische Gesellschaft ist dermaßen gespalten, dass in der Mitte kaum Auswahl bleibt. Von den Republikanern ist nicht zu erwarten, dass sie die Menschen wieder zusammenführen wollen, im Gegenteil. 

Aber auch die Demokraten sind herausgefordert, spätestens für die Präsidentschaftswahlen 2028 einen Menschen zu nominieren, dem auch weiße Evangelikale zustimmen können. Wenn auch zähneknirschend. 

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