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Weimer: “Wir schätzen Wahrheiten nicht mehr genug”

"Die Schuldenkrise ist eine Chiffre unserer Zeit, wir haben Schulden der Identität, weil wir Wahrheiten nur noch fremd entlehnen, sie uns leihen, und zwar von der Masse." Der ehemalige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Focus", Wolfram Weimer, hat am Mittwoch in einer Rede beim Medienempfang des Kölner Erzbischofs die Schuldenkrise mit einer kulturellen Krise verglichen, bei der die Wahrheit auf der Strecke bleibt.
Von PRO

Foto: Reto Klar/FOCUS

"Wir haben eine seltsame Hierarchie von Wichtigkeiten etabliert, die technische und wissenschaftliche Intelligenz gering schätzt, die rhetorische höher und die inszenatorische am höchsten", beklagte Weimer in seiner Rede, deren Manuskript pro vorliegt. Deshalb träumten Kinder heute nicht mehr davon, Forscher, Ingenieure, Lokführer oder Ärztinnen zu werden, sondern Model, Fußballer und Showmaster. "Die Welt der Bühne hat die des Labors als Sehnsuchtort abgelöst – Wunderkerzen ersetzen Wahrheiten." Die Folgen seien heikel, sagte Weimer in der Rede, die auszugsweise auch in der aktuellen "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" abgedruckt ist. Das Intelligenzbewusstsein zerrinne wie in einer Sanduhr der Zerstreuung. "In dieser Sanduhr aber steckt nichts weniger als unser künftiger Wohlstand." Lieber schaue man auf Heidi Klums stolzierende Mädchen, salbadere mit Oliver Kahn, lausche millionenfach den Selbstblamagen von "Deutschland sucht den Superstar" – und lasse es zu, "dass Tausende unserer besten Wissenschaftler auswandern". Weimer plädiert daher für einen "Rettungsschirm der Individualisierung und ‘neuen Ernsthafigkeit’".

"Von Gott verabschiedet"

Die Hierarchie der Wahrheiten werde durch eine Hierarchie der Fähigkeiten ersetzt, stellt Weimer fest. "Wir schätzen Wahrheiten einfach nicht mehr genug, seitdem wir uns von Gott als letztgültiger Wahrheit verabschiedet haben." Dabei höre man immer weniger auf das, was einer zu sagen habe, als auf das wie und wo und vor wie vielen er es sagt.

Die wichtigste Versuchung gegenwärtiger Wahrheitsrelativierung sieht der Gründer des Politikmagazins "Cicero" in der "Auflösung von Wahrheiten zu diskursiven Konsensen". Diese Auflösung fundamentaler Verbindlichkeiten führe im Alltag dazu, "dass die Politik sich am liebsten auf Umfragen stützt, dass die Wirtschaft sich an Analysten und der Marktforschung orientiert und der Journalismus an der nackten Quote". Dies sei alles nachvollziehbar, nur zahle man damit einen Preis der opportunistischen Verflachung. "Wenn dieser Wahrheitsmodus aber dominant wird, dann bekommen wir eine Politik, die sich massen- und mehrheitskonform seicht dahin biegt", prognostiziert Weimer. "Sie verweigert das, was man von ihr bräuchte: klare Weichenstellungen, Führung durch Haltung, Mut zur Meinung." Weimer beobachtet eine systematische Führungslosigkeit in Politik und Parlamenten. Fernseh-Talkshows von Maybritt Illner oder Frank Plasberg liefen dem Parlament den Rang ab, das wiederum an Autorität verliere. "Das Koordinatensystem unserer Willensbildung verschiebt sich derartig ins Mediale, dass veritable Minister achselzuckend erklären: Eine Illner-Sendung ist heute wichtiger als 10 Bundestagsdebatten."

Hingabe an "geschmeidige Netzwerke"

In seiner Rede wies Weimer darauf hin, dass Identität, Originalität und Eigenheit in dieser "superstrukturierten Welt der Vollkaskomeinungen" wie Antiquitäten aus längst versunkenen Titanenzeiten wirkten. "Man gibt sich lieber geschmeidigen Netzwerken hin und Communities, weil sie kollektive Bande einer Welt sind, die die Wahrheit fürchtet wie der Chorknabe das Solo." Wenn die Gesellschaft nur dem Masseninstinkt folge, keine fundamentale Wahrheit mehr akzeptiere oder nach ihr strebe, "wird sie aus der Tiefe ihres Ichs fungibel wie ein Wertpapier". Nicht nur die Refinanzierung  maroder Staaten, auch die Grundfesten unserer Kultur zeigten zusehends ungedeckte Schecks. "Unsere Wahrheiten sind keine Felsen mehr, sie sind Wanderdünen geworden. Die Wertpapier- und die Wertekrise liegen dicht beieinander", warnt Weimer.

Nun könne man hoffen, dass im Moment der Krise nicht nur die Finanzmärkte eine neue Solidität erzwingen, sondern auch die Ideenmärkte eine neue Wahrheitskultur. "Das Vertrauen auf geistiges Fremdkapital und die Flucht in die Infantilisierung wird wohl nicht so weit gehen, dass am Ende eine ganze Gesellschaft im Big Brother Container sitzt und über Pickel und Burnouts räsoniert", hofft der Journalist. Irgendwann werde ein Rettungsschirm der Individualisierung und "neuen Ernsthaftigkeit" an Börsen wie in Buchstaben kommen müssen. "Die Politik wird wieder lernen, dass Wahrheiten unabdingbar sind, dass Demokratie nie alternativlos ist, und dass heute nicht mehr gilt, mehr Demokratie zu wagen, sondern mehr Haltung." (pro)

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