Das christliche Medienmagazin

“Was ist das für ein Land?”

Wie Deutschland auf das Ende Osama Bin Ladens reagiert.
Ein Gastkommentar von Christoph Zörb
Von PRO

Foto: flickr/US Embassy New Zealand

Ein Kommentator des "Reutlinger General-Anzeigers" meint, die Bundeskanzlerin habe "öffentlich der Lynch-Justiz das Wort geredet". Das nicht weniger wichtige "Schwäbische Tagblatt" weiß: "Sicher ist (…), dass das gezielte Töten eines Terroristen ein gänzlich ungeeignetes Mittel ist, um zu zeigen, dass das Töten von Menschen grundsätzlich falsch ist." Ja, mehr noch: " (…) dass die Tötung des Terroristenführers und die wohlfeile Zustimmung aus Deutschland schwere strategische Fehler waren."

Da fragt man sich doch, warum dieser Barack Obama nicht vor dem Schlag gegen den Erzterroristen deutsche Journalisten um Rat gefragt hat. In Köln fabuliert ein WDR-Hörfunkmann etwa zur gleichen Zeit: "Volksfeststimmung in Washington, jubelnde Menschen auf den Straßen, (…). Die Euphorie galt dem Tod eines 54-jährigen Familienvaters." Böse Ami-Henker, die Familienväter killen? Wie sonst soll man das verstehen? Der Kommentator der ARD-Tagesthemen fragt rhetorisch und angewidert: "Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt?" Die kriegstreiberischen Amis, die die Welt spalten und dem Terror damit erst Nährboden geben? Was soll er sonst gemeint haben?

So sieht man das weit weg vom Hindukusch – vom Dreck und dem Blutvergießen im Kampf gegen den Terror. So sieht man das, wenn man nie mit einem Vater geredet hat, dessen Sohn von radikal-islamischen Terroristen ermordet wurde. Vielleicht sieht man das auch deshalb so, weil man ein deutscher Intellektueller ist. Denn die Besserwisserei und das Moralisieren sind deutsche Tugenden. Und die Tugendhaftesten sitzen in deutschen Redaktionsstuben.

Woran liegt es, dass die Deutschen so ticken, wie sie ticken? Ein Kommentator der Berliner Tageszeitung "Die Welt" hält die Deutschen schlicht für "zart besaitete Seelchen". Sein Fazit: "Während man in Amerika den Tod eines Massenmörders feiert, geben in Deutschland nach dem Tod Osama Bin Ladens die Bedenkenträger den Ton an."

Wenn es nur die Zartbesaiteten wären, denen wir die unsägliche Berichterstattung zu verdanken haben, dann könnte man damit zur Not leben. Aber leider sind es ahnungslose Ideologen, die mit anderen ideologischen Ahnungslosen zusammen für den Unsinn verantwortlich zeichnen. Sie finden Amerika grundsätzlich kulturlos, doof und borniert. Unter dem politisch eher links stehenden Obama vielleicht nicht ganz so doof wie unter George W. Bush – aber eben doch doof genug, um die Nase zu rümpfen. Gab es deshalb in manchen Medien kein Wort über die 3.000 unschuldigen Toten allein in New York am 11. September – so wie es auch kein Wort gab vom Leid der Opfer und Angehörigen der Anschläge auf Bali, in Madrid, London, Nairobi, Daressalam, auf Djerba – und so weiter?

Die ideologischen Ahnungslosen glauben zu wissen, dass es für Probleme keine militärischen Lösungen gibt. Das ist nicht nur eine naiv-dummpazifistische Haltung, sondern auch eine gefährliche. Henryk M. Broder bringt das in der "Welt" so auf den Punkt: "Die Deutschen sind entweder für den totalen Krieg oder den totalen Frieden." Und weiter: "Es sind Szenen aus dem Tollhaus einer Moral, deren Verweser sich von der Wirklichkeit verabschiedet haben; sie wissen nicht einmal, wie sie ‘gewaltbereite Jugendliche’, die aus Frust Passanten ins Koma prügeln, befrieden sollen, aber im Völkerrecht, da kennen sie sich aus. (…)".

Die Mehrheit der Deutschen wäre dafür gewesen, Osama Bin Laden lebend zu fangen und vor ein Gericht zu stellen. Und dann? Dann hätten die Terroristen überall auf der Welt unschuldige Amerikaner und Europäer als Geiseln genommen – und gedroht, jeden Tag zwei zu erschießen, wenn Osama nicht frei kommt.

Die Wahrheit ist nicht immer angenehm und selten politisch korrekt. Deshalb darf man mutig schreiben, dass Bin Laden kein Zivilist war, sondern ein Kämpfer. Dass er sich nicht ergeben hat. Dass während der Aktion auf die amerikanischen Soldaten geschossen wurde (ob aus einer oder aus fünf Waffen ist völlig belanglos). Dass man nicht einfach ins Quartier des gefährlichsten Terroristen der Welt gehen, ihm vor der Festnahme seine Rechte vorlesen und ihn mit seinem Anwalt verbinden kann. Dass die Welt natürlich ohne Bin Laden ein sicherer Ort ist als mit ihm. Und dass natürlich eine Demokratie genau so vorgehen darf, wie es Amerika jetzt getan hat. Wer keine Ahnung von der terroristischen Bedrohung hat, soll sich und uns moralisierende Kommentare ersparen. Wer nie mit Opfern und ihren Angehörigen gesprochen hat, der soll sich schämen, Terroristen als Biedermänner darzustellen.

Ich habe vor vielen Jahren in Jerusalem die Aufnahmen von der Ermordung des amerikanischen Journalisten Daniel Pearl gesehen. Der 38-jährige Journalist vom "Wall Street Journal" wurde Anfang 2002 in Pakistan bestialisch hingerichtet – nur weil er Jude war. In meinem Kommentar auf "Israelnetz" hieß es damals: "Die Feinde der Menschlichkeit stachen (Pearl) … – wie einem Stück Vieh – das Messer in den Hals. Ich möchte im Leben nie wieder so etwas anschauen müssen. Andererseits bin ich mir seitdem noch mehr darüber im Klaren, mit welchen Gefahren wir es zu tun haben." Wer Gerechtigkeit für Bin Laden und seine Schergen fordert, soll sich den Film anschauen.

Pearls Mörder, das wissen wir heute, war niemand anders als Chalid Scheich Mohammed, der Chefplaner des 11. September. Er hat sich dabei filmen lassen. Jetzt sitzt er irgendwo in amerikanischer Haft und soll sogar einen Zivilprozess in New York bekommen. Der "Spiegel" meldete im November 2009, Deutschland wolle Prozessbeobachter schicken, um sicherzustellen, dass mögliche Todesurteile nicht auf deutschen Beweismitteln beruhen. (pro)

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