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Warum Zuhören wichtig ist

Wer sich eine reflektierte Meinung bilden will, muss auch der Gegenseite zuhören. Über eine Binsenweisheit, die zum Exotentum verkommt. Ein Kommentar von Nicolai Franz
Von Nicolai Franz
Debattenkultur: Zuhören hilft

Foto: Mimi Thian on Unsplash

Debattenkultur: Zuhören hilft

Vor einigen Wochen habe ich einen Facebook-Kommentar mit „Gefällt mir“ markiert. Nichts ungewöhnliches. Oder? Nachdem der mit dem „Like“ bedachte Kommentator den digitalen Schulterklopfer bemerkte, sah er sich jedoch gezwungen, dies noch einmal besonders hervorzuheben und zu würdigen. Mitleser waren gerührt.

Der Grund dafür war, dass ich eine offenbar allseits akzeptierte Regel des Facebook-Miteinanders gebrochen hatte: Ich hatte einen Kommentar gelikt, obwohl – bitte halten Sie sich fest! – ich offensichtlich anderer Meinung war!

Die Meinung eines anderen wertzuschätzen, obwohl man die Sache völlig anders sieht, scheint in unserer digital polarisierten Empörungsgesellschaft zum Exotentum verkommen zu sein. Aus der Medienforschung wissen wir, dass der Durchschnittsnutzer genau die Meinungen am liebsten liest, die der eigenen entsprechen. Selbst wenn er dadurch so gut wie keinen Erkenntnisgewinn hat. Wie auch, wenn er genau das liest, was er ohnehin schon weiß?

Viel schwerer wird es, wenn man sich mit denen beschäftigen muss, die die Sache anders sehen. Doch wer sich eine tatsächlich reflektierte eigene Meinung bilden will, kommt nicht umhin, sich auch mit der Gegenseite zu beschäftigen.

Viele Zeitungen veröffentlichen daher auch immer wieder Gastkommentare, die nicht unbedingt der gängigen Redaktionsmeinung entsprechen müssen. Eine von ihnen ist mit die stolzeste und traditionsreichste überhaupt: die New York Times. Ausgerechnet die Zeitung, die sich ihrer Liberalität lange Zeit rühmte, sieht sich derzeit der Kritik ausgesetzt, in Wahrheit illiberal zu agieren. Bari Weiss, die vor drei Jahren zu der amerikanischen Zeitung gekommen war, warf dem Blatt vor, nur noch die Meinungen zu dulden, die von einer diskussions- und bekenntnisfreudigen Netzcommunity als die einzig wahren toleriert würden. Von einer neuen „Orthodoxie“ schrieb Weiss in ihrem veröffentlichten Kündigungsschreiben, und sie beklagte, dass Twitter zwar nicht im Times-Impressum zu finden sei, wohl aber als deren „wichtigster Redakteur“ fungiere. Will meinen: Gedruckt wird das, was Twitter-Aktivisten für koscher befinden. Auf der Strecke blieben Meinungen, die den gemeinen Times-Leser irritieren bis verunsichern könnten. Weiss, die sich selbst in der politischen Mitte verortet, wurde nach eigenen Angaben von Kollegen einerseits als „Nazi“ diskreditiert und geächtet, während sie anderen Kollegen gegenüber rechtfertigen musste, warum sie denn schon wieder etwas „über die Juden“ veröffentlichen müsse. Nach einem besonders liberalen Klima klingt das nicht.

Natürlich müssen Medien auch immer auswählen und gewichten, und freilich dürfen sie auch eine Blattlinie vertreten. Doch wer wirklich zu einer mündigen Meinungsbildung beitragen will, darf Augen und Ohren vor sachorientierten Meinungen der anderen nicht verschließen. Und dabei gilt, im Zeitungskommentar wie im Netz: „Prüfet alles und das Gute behaltet.“

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