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„Warum heiraten Paare heute noch, Herr Dreyer?“

Den Berliner Pastor Martin Dreyer kann man als Trauredner buchen, er hat bei der Datingshow „Ehe auf den ersten Blick“ mitgemacht und schon einmal ein Paar auf dem Heavy-Metal-Festival „Wacken“ getraut. Gründe genug für ein Gespräch übers Heiraten.
Von Anna Lutz

Foto: André Wedemann

Martin Dreyer traut Menschen an den ungewöhnlichsten Orten

PRO: Herr Dreyer, ist die Ehe heute in oder out?

Martin Dreyer: In Zeiten, die von Unsicherheit und Krisen geprägt sind, ist Ehe immer „in“. Und wir leben gerade in solchen Zeiten. Ehe verspricht als kleinste Zelle einer Gesellschaft Sicherheit. Zu zweit, so glauben viele, sind alle Probleme leichter zu bewältigen. Die Statistik verzeichnet einen Rückgang der Eheschließungen im Jahr des ersten Lockdowns um 0,5 Prozent, dann im Folgejahr noch mal um 0,8 Prozent. So habe ich es auch erlebt, fast alle Hochzeiten wurden abgesagt. Aber die werden jetzt alle nachgeholt und ich vermute, dass die Zahlen am Ende dieses Jahres wieder nach oben gehen.

Warum heiraten Paare heute noch?

Das ist eine gute Frage. Nach meiner Erfahrung aus hunderten Traugesprächen lässt sich die Antwort in wenigen Wort zusammenfassen: Es ist die Liebe! Diese wunderbare Energie, diese Kraft, dieses so starke Gefühl, das zwei unterschiedliche Menschen wie Magnete plötzlich zusammenzieht, wirkt immer noch. Ich predige auf meinen Hochzeiten gerne über den 1. Korintherbrief, Kapitel 13, wo Paulus über die Liebe schwärmt. Es ist die ultimativste Kraft im ganzen Universum. Und Christen wissen, dass die Bibel Gott selbst als Liebe bezeichnet.

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Hat Hunderte Traugespräche geführt und darin erfahren, warum Menschen heiraten: Martin Dreyer kann man als freien Redner für Hochzeiten buchen.

2021 haben in Deutschland so wenige Paare geheiratet wie noch nie. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen? Sind die Anfragen seltener?

Wie gesagt hatte ich sehr viele Absagen aufgrund von Corona. Die Hochzeiten wurden aber nur nach vorne geschoben, wie in einer Bugwelle, auf das nächste oder übernächste Jahr. So bestätigte es auch meine Agentur „Rent-a-Pastor“. In 2022 verzeichnen wir bisher eine deutliche Tendenz nach oben bei Freien Trauungen.

Als Sie 2012 ein Paar auf dem Festival „Wacken“ getraut haben, haben Sie das explizit „vor Gott“ getan. Wollte das Paar den christlichen Segen für seine Beziehung?

Ja, beide wollten das. Ich erlebe es oft, dass zumindest ein Partner das will. Viele Paare kommen zu mir, bei denen einer von beiden eine christliche Sozialisation erfahren hat, der andere aber nicht. Dann ist es immer spannend, wie das Trauversprechen aussehen wird. Ob „mit“ oder „ohne“ Gottes Hilfe.

Sie haben in der Sendung „Ehe auf den ersten Blick“ als Seelsorger mitgewirkt. Bei der Show heiraten Menschen, die sich nicht kennen. Wollten die Sendungsmacher explizit einen Pastor?

Die wollten unbedingt einen Pastor. Ich vermute, weil man Angst vor der Kritik von Kirchenseite hatte. Es gab aber auch Bewerber, die sich einen Geistlichen als Ratgeber explizit gewünscht hatten. Ich kann übrigens nach wie vor zu meiner Funktion in der Sendung stehen, auch als Christ. Arrangierte Ehen gab es in der Kirche noch bis ins 19. Jahrhundert hinein. Die Liebesheirat ist eigentlich eine Erfindung aus der Zeit der Frühromantik. Es war wichtig für die Paare, dass dort jemand steht, der eine andere Perspektive auf die Teilnehmer hat als der Rest der Crew. Die wollten nämlich nur schöne Bilder. Mir ging es darum, die Paare zu schützen. Ob mir das gelungen ist, sehe ich mittlerweile aber auch kritisch.

Martin Dreyer (rechts hinten) am Planungsboard, das in einem leeren Hörsaal in Szene gesetzt wurde Foto: Sat.1 / Claudius Pflug
Martin Dreyer (rechts hinten) in der Sat.1-Show „Hochzeit auf den ersten Blick“

Sie sind freier Trauredner und führen regelmäßig Traugespräche. Ist der Wunsch nach Segen auch bei Nichtchristen da?

Die Statistik zeigt, dass mehr als jede zweite Ehe geschieden wird. Das wissen auch die Paare. Scheidung ist fast immer ein sehr schmerzhafter Prozess, denn man hat sich ja versprochen: „Bis dass der Tod uns scheidet“. Vor diesem Schmerz will man sich schützen und hofft auf göttliche Hilfe durch einen Segen. Dabei finde ich das eigentlich erstaunlich. Kirche und christlicher Glauben stehen doch heute nicht mehr für eine höhere Moral. Schaut man sich alleine die Missbrauchsskandale an. Die Scheidungsrate ist unter Christen übrigens genauso hoch wie unter Nichtchristen.

Was würden Sie sagen: Haben Ehen, die sich auf Gott stützen, dennoch eine bessere Überlebenschance?

Ja, das haben Sie. Wer als Christ lebt, hat sich seiner Sünd- und Fehlerhaftigkeit hoffentlich irgendwann einmal gestellt. Wir brauchen Vergebung, immer wieder neu. Damit Ehen überleben können, braucht es auch genau das. Ein immer wieder neues Eingeständnis, dass man Fehler macht und die Bitte, dies zu verzeihen. Ehen können nur funktionieren, wenn man immer wieder zur Vergebung bereit ist. Was ich feststelle ist, dass in einer Ehe eben doch zwei oft völlig unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Da muss es Konflikte geben, zwangsläufig. Spätestens dann, wenn die feurige erste Liebe erloschen ist. Eine Ehebeziehung sollte eben auf mehr aufgebaut sein, als nur auf einem Gefühl. Eine gemeinsame Basis in einem Gottglauben kann da ungemein helfen.

Martin Dreyer, vielen Dank für das Gespräch!

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