Rezension

Warum Gott auch in der atheistischen Gesellschaft sichtbar ist

Justus Geilhufe erzählt in „Gott und die Wahrheit“ von einem jungen Ostdeutschen, der Gott begegnet, ohne die Kirche zu kennen. Das Buch ist eine Selbstkritik an der Kirche – und eine Ermutigung, Gott nicht auf ihre Räume zu begrenzen.
Von Martin Schlorke
Gott und die Wahrheit–Cover

Was passiert, wenn ein Mensch Gott begegnet, ohne ihn gesucht zu haben? Und was, wenn die Kirche dabei überhaupt keine Rolle spielt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der sächsische Pfarrer Justus Geilhufe in seinem neuen Buch „Gott und die Wahrheit“.

Im Mittelpunkt steht Lars. Geilhufe lernt ihn über die sozialen Netzwerke kennen. Dort in den Kommentarspalten tritt Lars vehement für die Ukraine ein. Außerhalb von Social Media unterstützt er die Ukraine zudem ganz praktisch mit Starlink-Terminals, Generatoren oder medizinischen Gütern. Aufgewachsen ist Lars in den 1990er Jahren. In einer Welt, in der die DDR zwar verschwunden ist, aber ihre atheistische Prägung fortbesteht. Eine Welt, in der altbewährtes keine Gültigkeit hat und kaum etwas den Menschen Sicherheit gibt. Auch Kirche und der christliche Glaube spielen im Leben von Lars keine Rolle.

Wie schon in seinen vorherigen Büchern und in seinen zahlreichen Vorträgen zeichnet Geilhufe auch in seinem neuesten Buch ein fast tragisches Bild des „Homo Sovieticus“, also jenen Menschentyps, der durch die DDR und die Sowjetunion geprägt ist. Oder wie Geilhufe sagt: Menschen, in einer atheistischen Gesellschaft, die die Wahrheit verloren hat.

Aufgewachsen in der atheistischen Gesellschaft

Geilhufe beschreibt eindrücklich, wie Lars als Jugendlicher in der DDR aufwächst und wie dessen scheinbar orientierunggebende Gewissheiten sich mit der Wende plötzlich in Luft auflösen. Stark und schwach, richtig und falsch, geraten durcheinander. Und Lars? Der findet nicht plötzlich den christlichen Glauben, sondern er findet Wahrheit an einem unerwarteten Ort, wie Geilhufe schreibt.

Regelmäßig besucht Lars seine Mutter, die an einer Förderschule unterrichtet. Eines Tages schenkt ihm ein behinderter Junge einen Schokoladenweihnachtsmann und versucht, zu erklären, dass es sich dabei um ein Weihnachtsgeschenk handelt. Als der Junge Mühe hat, „Weihnachten“ auszusprechen, lachen alle gemeinsam – Lars, der Junge und dessen Mitschüler. Für Lars ist dieser Moment mehr als eine nette Begegnung: Er erlebt Nähe, Anerkennung und Gemeinschaft – und damit etwas, das seinem bisherigen Denken widerspricht. Schwäche bedeutet plötzlich nicht mehr Ausgrenzung, sondern wird zu einem Ort von Gemeinschaft. Geilhufe schreibt, dass an dem Tag Wahrheit in das Leben von Lars gekommen ist. Denn im Buch „Gott und die Wahrheit“ beschreibt Geilhufe eben jene nicht als abstrakten Lehrsatz, der Richtigkeit hat. Wahrheit zeige sich vielmehr darin, wie ein Mensch handle.

Was die Kirche lernen kann

Damit provoziert der Autor. Wahrheit ist für Geilhufe Gottes Wahrheit – und diese Wahrheit ist dort, wo Gott gegenwärtig ist, erklärt er. Sie sei eben nicht auf die Kirche und ihre Räume begrenzt, sondern könne auch „draußen“ in der atheistischen Gesellschaft wirken. Denn sie zeige sich darin, wie Menschen handeln. Sie ist „Tun mitten in der Welt“. Und weiter: Jesus zeige nicht auf die Wahrheit. Die Wahrheit ist „Jesu Tun mitten im Abgrund“.

Lars erfährt das in der Förderschule oder später als Bundeswehrsoldat im Kosovo oder seit 2022 als Zivilist in der Ukraine-Hilfe. Eindrücklich schildert Geilhufe die Erlebnisse eines jungen Soldaten, der im Kriegsgebiet mit Elend, Leid, aber auch mit Hoffnung konfrontiert ist – ohne sinn- und haltgebenden Glauben.

Darin liegt die Stärke des Buchs. Denn Geilhufe nimmt die Lebenswelt säkularer Menschen ernst, schreibt ihnen nicht vorschnell Gottesferne zu und überhöht nicht die Rolle der Kirche. Für Kirchen, die massiv Mitglieder verlieren und immer weniger Menschen erreichen, ist das ein wichtiger Gedanke – und zugleich eine Ermutigung für jeden Christen. Denn Gott ist, so könnte man das Buch zusammenfassen, nicht aus der modernen, säkularen Welt verschwunden. Er war es auch nie und wird es auch nicht sein.

Am Ende steht die Taufe von Lars. Geilhufe schreibt, Lars habe Gott nicht dort entdeckt, „wo alles klar und erleuchtet ist“, sondern draußen, „wo vieles noch im Dunkeln liegt“. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieses Buchs: Gott ist nicht nur dort zu finden, wo Christen ihn erwarten. Sondern auch dort, wo sie ihn längst nicht mehr vermuten.

Justus Geilhufe: „Gott und die Wahrheit“, Claudius Verlag, 128 Seiten, ISBN: 978-3-532-62917-8, 20 Euro.

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

Unabhängigen christlichen Journalismus häufiger bei Google sehen

PRO bei Google bevorzugen

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen