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Warum dieses Buch sich nicht zu lesen lohnt

Das Buch „Der Jesus-Dschihad“ des Australiers Dave Andrews behauptet viel und belegt wenig. Besonders ein Versäumnis macht das Buch zu einer absoluten Enttäuschung. Eine Rezension von Merle Hofer
Von PRO
Das Buch „Der Jesus-Dschihad“ stellt gewagte Thesen auf, die oft unzureichend begründet sind

Foto: Gerth Medien

Das Buch „Der Jesus-Dschihad“ stellt gewagte Thesen auf, die oft unzureichend begründet sind

In dem Buch „Der Jesus-Dschihad“ versucht der Australier Dave Andrews als „einfacher Christ, im Gespräch mit muslimischen Freunden einen Weg zu finden, wie wir für Liebe und Gerechtigkeit einstehen können“. Der Autor behauptet, dass „beides zentrale Werte unserer beider Traditionen“ seien. Hier fehlt eine Erklärung, an welchen Punkten in Geschichte und Theologie der Islam Anspruch darauf erhebt, diese beiden Werte zu vertreten. Überhaupt fällt auf, dass in dem Buch häufig Behauptungen aufgestellt werden, die eigentlich eines Nachweises oder einer Erklärung bedürften.

So schreibt Andrews beispielsweise zum Heiligen Land: „Im Gegensatz zu der jüdischen Behauptung, dieses Land sei ausschließlich den Nachfahren von Abrahams jüngerem Sohn Isaak verheißen worden, argumentieren viele Muslime, das Land Kanaan wäre dem älteren Sohn Ismael versprochen worden, von dem die Araber ihre Abstammung herleiten.“ Interessant wäre hier zu lesen, wo Andrews die Aussage hernimmt, es sei eine jüdische Behauptung, das heilige Land sei ausschließlich den Nachfahren Isaaks verheißen worden. Vielmehr enthält doch die jüdische Bibel viele Aussagen, die belegen, dass das Land seit jeher von vielen Völkern bewohnt ist und nur die wenigsten Juden heute wollen anderen Ethnien das Wohnen oder den Landkauf im biblischen Judäa und Samaria versagen.

Der Autor kann nicht überzeugen

Andrews hält es mit dem ägyptischen Dichter Ahmad Shawqi, nach dem „Jesus ein Modell für den gewaltlosen Dschihad“ gewesen sei: „Güte, Tugend und Demut wurden an dem Tag geboren, an dem Jesus zur Welt kam. Er brauchte weder … Tyrannei, Rache, Schwert … und Blutvergießen, um zu seinem neuen Glauben einzuladen.“ Für Andrews ist der Jesus-Dschihad „der heilige, gewaltfreie Kampf für Gerechtigkeit“. Andrews hat vierzig Jahre in Lebensgemeinschaften in Australien, Afghanistan, Pakistan und Indien verbracht. Mit Jesus-Dschihad meint er „gewissermaßen den Himmel hier auf diese Welt zu holen“. Er versucht, ein muslimisches theologisches Konzept in den christlichen Kontext einzubetten. Überzeugend ist das nicht. Vielleicht auch deshalb, weil er den Gott des Christentums und des Islam für ein und denselben hält. Und auch diese Aussage begründet Andrews leider nicht wirklich.

Autor Dave Andrews ist Sozialarbeiter und Friedensaktivist. Unter Christen in Australien gilt er als umstritten und wird der christlich-anarchistischen Bewegung zugerechnet. Immerhin: Der Leser spürt dem Autor die Liebe zu seinen muslimischen Mitmenschen ab und es ist nachvollziehbar, wenn er klarstellt, „dass ich davon überzeugt bin, dass der Islam wie auch das Christentum uns viel Heiliges, Ganzheitliches und Gesundes gebracht haben“. Andrews zählt die Verdienste muslimischer Wissenschaftler aus dem Mittelalter auf und nennt Abu al-Qasim und al-Ghazali als Beispiele. Andrews möchte sich an Jesu Worten aus Matthäus 7 orientieren, in denen er auffordert, zuerst den Balken aus dem eigenen Auge zu entfernen, um dann den Splitter aus dem Auge des Bruders zu ziehen: So beschreibt er ausführlich, wie das „Christentum viel Licht, aber auch viel Dunkelheit in die Weltgeschichte gebracht hat“.

Niemand will diese Aussage infrage stellen, allerdings wäre es hier wünschenswert gewesen, eine Unterscheidung zwischen der Lehre des Islam und der Ausübung der Religion von vielen Muslimen zu machen. Viele Muslime praktizieren einen Volksislam, der nicht nur mit dem Leben von Mohammed und dem der ersten Muslime wenig gemeinsam hat, sondern auch gegen die nicht revidierte Theologie der ersten Jahrhunderte verstößt. Auch viele Christen praktizieren einen Glauben, der mit den Schriften häufig nicht in Einklang steht. Anders als im Islam, von kleinen Strömungen abgesehen, wird Theologie im Christentum aber beständig verändert und entwickelt sich weiter.

Enttäuschend sind auch die Aussagen von Mohammed Khallouk, dem 2. Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Er kommt in einem der deutschen Ausgabe vorangestellten Interview zu Wort. Er sagt, dass Muslime am Christentum in Europa erkennen könnten, wie eine Religion es verstanden habe, ihren eigenen, in der Historie durchaus vorhandenen politischen Herrschaftsanspruch zurückzunehmen. „Beide großen Kirchen haben mittlerweile anerkannt, dass gesellschaftspolitische Verantwortung nicht derjenige am besten wahrnimmt, der ein ,von Gott übertragenes Amt’ besitzt, sondern der für sein Handeln bei den davon Betroffenen auf Zustimmung trifft und sich an humanen Werten orientiert, die nicht zuletzt in der Religion wurzeln.“

Das ist eine nette Aussage, sagt aber mehr über Khallouks Wunschdenken beziehungsweise das des Zentralrat der Muslime aus als über den historischen Anspruch des Islam, Religion und Staat zu sein.

Auch die Evangelische Allianz kommt zu Wort

In einem Nebensatz im Einführungsinterview des Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, Ekkehard Vetter, drückt dieser etwas Wesentliches aus: „Wenn man respektvoll redet, dann kann man sicher Gemeinsames suchen, aber man kann auch unproblematisch Unterschiede benennen. Dies zu lernen ist von größerer Bedeutung als Gemeinsamkeiten zu suchen in Religionen, die sich im Kern sehr deutlich unterscheiden.“

Dass es Andrews hier unterlassen hat, diese deutlichen Unterschiede zwischen Christentum und Islam herauszustellen, ist das eigentlich Enttäuschende an diesem Buch. Wichtig wäre zum Beispiel die Erklärung gewesen, dass der Koran der überwältigenden Mehrheit der Muslime als Gottes ewiges Wort gilt, das unabhängig von Zeit und Raum gültig ist. Für Christen hingegen bildet die Bibel das Zeugnis, wie Gott sich seinem Volk geoffenbart hat. Sie beinhaltet das gültige Wort Gottes, das von Menschen, gebunden an ihre Zeit und Lebensumstände, aufgeschrieben wurde. Diese Unterscheidung wäre spätestens bei Aussagen wie diesen zentral gewesen: „Mohammed war Prophet und Mystiker, aber wie Mose auch ein politischer und militärischer Führer, der seine Ziele mit der Unterstützung von Armeen zu erreichen suchte.“

Wer wertvolle Zeit sparen will, sollte sich beim Lesen auf das Einführungsinterview mit Ekkehard Vetter beschränken.

Die Autorin ist Islamwissenschaftlerin und wünscht sich einen ehrlichen Austausch zwischen den Anhängern der Religionen.

Dave Andrews: Der Jesus-Dschihad. Der gewaltfreie Weg aus dem Konflikt zwischen Islam und Christentum. Gerth Medien, 250 Seiten, 12,99 Euro. ISBN 9783957342454

Von: Merle Hofer

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