Wartburg-Gespräch: „Irgendwann gibt es einen indischen Papst“

"Glaube ist ein exotisches Phänomen. Man redet darüber, aber aus der Alltagsrealität ist er verschwunden. Glaube ist heute begründungspflichtig." Das sagte der Kulturjournalist Alexander Kissler im ERF-"Wartburg-Gespräch" mit Jürgen Werth. Kissler, Pfarrerin Monika Deitenbeck-Goseberg und der Theologe Fidon Mwombeki diskutierten über die Frage: Gibt es eine Gesellschaft ohne Gott?
Von PRO

Foto: ERF

Die drei Gäste legten bei der Beantwortung dieser Fragen ganz unterschiedliche Schwerpunkte. Kissler sprach aus seiner Erfahrung als Journalist und erklärte, dass in vielen Redaktionen kirchliche Themen als irrelevant betrachtet würden. Es sei schwer, sich öffentlich zum Christentum zu bekennen. Das erfordere Mut. Denn der Mainstream besage: "Die Zeit der Religion ist vorbei, wir leben in einer erwachsenen Gesellschaft." Der Kulturjournalist hielt es für wichtig, seinen Glauben begründen zu können und sprach sich für eine "Allianz von Glauben und Vernunft aus". Die Geschichte habe gezeigt, dass zur Durchsetzung des christlichen Glaubens immer eine Auseinandersetzung mit Gegenströmungen nötig war. Als aktuelles Beispiel nannte er den Neo-Atheismus, der im Gegensatz zum Atheismus alle Religionen ablehne, ohne sich damit auseinanderzusetzen. Die "Konfession der Konfessionslosen" sei heutzutage die stärkste Religion.

Kissler sprach außerdem von einem "Machbarkeitswahn". In der westlichen Welt herrsche die Meinung, man habe alles in der Hand. Diese Überzeugung sei früher nicht so stark ausgeprägt gewesen. Man müsse den Menschen heute vermitteln, dass es immer eine zweite Perspektive gebe. "Auch, wenn du komplett scheiterst, bist du nicht komplett gescheitert", sagte er und bezog sich damit auf den christlichen Glauben als Lebensgrundlage. Auf die Nachfrage von Werth, was sich denn verändern müsse, damit diese Botschaft wieder ankomme, sagte er: "Wir exportieren Geld und müssen Glaubensfreude importieren." Das Christentum sei auf Inkulturation ausgelegt: Man müsse sich als Mitglieder der Weltchristenheit begreifen. Nur so könne man voneinander lernen. "Irgendwann werden wir einen indischen Papst haben. Das finde ich einen sehr spannenden Gedanken", sagte Kissler. Hinzu komme, dass das Christentum eine Geschichtsreligion sei. Die Geschichten von und über Jesus seien der größte Schatz. Man müsse sie nur frisch und neu weitergeben, damit sie wieder attraktiv würden, ist der Journalist überzeugt. Das sei auch die Aufgabe eines jeden Christen. "Wir sind schließlich auf den Namen Christus getauft."

"Es ist wie mit einer guten Salbe"

Dem EKD-Ratsmitglied Fidon Mwombeki fiel auf, dass in Deutschland niemand stolz auf sein Christsein wäre. "In Tansania hört man auf der Straße, im Bus oder als Klingelton fast immer Gospelmusik." Wenn man in seinem Heimatland von Religion spreche, beziehe man sich auch auf Moslems. "Religion ist dort nicht nur Christentum." Der Tansanier sah den Interessenverlust am Glauben in der Professionalisierung. Der Deutsche sei bekannt dafür, dass alles sehr gut organisiert ablaufe. Deshalb fühlten sich viele Christen nicht fähig, ihren Glauben eigenständig zu vertreten. Viele seien der Auffassung, nur der Pfarrer könne die Bibel richtig verstehen. "Meine Frau besuchte einmal eine Bibelstunde. Und als der Pfarrer nicht da war, funktionierte das nicht. Keiner fühlte sich in der Lage, etwas zu sagen", erzählte er. Dabei solle sich jeder Christ fähig fühlen, die Bibel zu lesen und vertrauen, dass er etwas weitergeben könne. "Man muss sich auf den gnädigen Gott verlassen", sagte er. Und man müsse voneinander lernen. "Keine Kirche ist so reich, dass sie von sich alleine alles machen kann."

Von der praktischen Seite beantwortete die Pfarrerin Monika Deitenebeck-Goseberg die Frage nach einer "Gesellschaft ohne Gott". Ihr Schwerpunkt lag auf der zwischenmenschlichen Ebene. Auf Kissler Bezug nehmend, sagte sie: "Hinter den Theorien stehen Menschen. Menschen sind nicht so ablehnend wie auf gesellschaftstheoretischer Ebene." Sie sprach sich für Liebe und Anteilnahme aus, um den Menschen wieder mehr von Gott zu vermitteln: "Es ist eine Sache von Ottonormalverbrauchern, Menschen im Alltag zu begegnen." Im täglichen Leben würde der Glaube bei Problembewältigung, Krankheiten und Tod wichtig. Das Gebet sei da eine starke Kraft, die sie gerne nutze. Sie habe schon oft erlebt, dass Menschen in Problemsituationen bereit wären, für sich beten zu lassen. Damit Evangelium und Glaube erfahrbar würden, müsse man seine Mitmenschen Anteil am Gemeindeleben nehmen lassen, sie einladen und überlegen, wer besondere Zuwendung brauche. "Das ist genauso, wie wenn man irgendwo eine gute Salbe entdeckt hat und sagt: ‚Mir hat es total gut geholfen, probier das doch auch mal.’" Deitenbeck ist der Überzeugung, dass trotz aller Säkularisierung eine große Suche unter den Menschen herrsche. Der "Herzensglaube" sei verloren gegangen, aber das Religiöse sei da. Die Pfarrerin möchte ihren Mitmenschen die Faszination und Kraft des Evangeliums mitgeben. "Das ist die oberallerbeste Botschaft der Welt", sagt sie. Deshalb müsse man dafür Werbung machen.

Schließlich waren sich aber alle Gäste einig, dass eine Gesellschaft ohne Gott nicht existieren könne. Das sei ein Widerspruch, sagte Mwombeki. "Die Gesellschaft kann Gott nicht anerkennen, aber Gott ist immer da." Deitenbeck sprach von einem Gott, der immer auf der Suche nach den Menschen sei. "Jesus hat gezeigt, dass Gott keine theoretische Frage ist. Er ist am Menschen dran." Und Kissler brachte es mit einen Zitat des Engländers Gilbert Chesterton auf den Punkt: "Wer nicht an Gott glaubt, glaubt gewissermaßen an alles." Dann gebe es keinen letzten Anker, der frei mache. (pro)
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