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Wann ist Selbsttötung christlich vertretbar?

Darf ein gläubiger Mensch seinem Leben ein Ende bereiten, wenn er es aufgrund von Krankheit und Leid nicht mehr erträgt? Oder verachtet er damit Gottes Geschenk des Lebens? Der katholische Theologe Hans Küng möchte den Freitod wählen und erklärt sich in einem Buch. Eine Rezension von Jörn Schumacher
Von Jörn Schumacher
In seinem Buch „Glücklich sterben?“ schreibt der katholische Theologe Hans Küng, dass er den Zeitpunkt seines Todes selbst wählen möchte
In seinem Buch „Glücklich sterben?“ schreibt der katholische Theologe Hans Küng, dass er den Zeitpunkt seines Todes selbst wählen möchte

Der Theologe Hans Küng, der einerseits als Mitbegründer der Stiftung Weltethos, andererseits wegen seiner Kritik an der Katholischen Kirche bekannt wurde, hat vor einigen Jahren öffentlich gemacht, dass er an Parkinson erkrankt ist. Der 86-jährige in der Schweiz geborene Priester und Buchautor hat schon früher in Vorlesungen seine Meinung geäußert, jeder Mensch solle sein Leben selber beenden können, wenn es für ihn unerträglich geworden sei.
Nun hat er in dem Buch „Glücklich sterben?“, das im Verlag Piper erschienen ist, seine Entscheidung begründet, selbst den Zeitpunkt seines Todes angesichts der fortschreitenden Krankheit wählen zu wollen. Im Buch ist die Abschrift eines Interviews abgedruckt, das Küng mit der Journalistin Anne Will führte, und das die ARD am 20. November 2013 ausstrahlte. Der Theologe erklärt darin: „Ich weiß, dass mein Leben sich vollendet hat, dass ich weiter keine Aufgaben mehr zu erfüllen habe, dass es einfach Zeit ist. […] Ich möchte so sterben, dass ich noch voll Mensch bin und nicht nur reduziert auf ein vegetatives Dasein. Oder wie mein Freund Walter Jens eigentlich auf die Kindheit zurückgeführt.“
Zu den einschneidenden Erlebnissen, die ihn zu seiner Überzeugung führten, gehörte einerseits der Tod seines Bruders Georg in den 50er Jahren. Jener litt an einem unheilbaren Hirntumor und erstickte schließlich an Wasser in der Lunge. Andererseits erlebte Küng die Demenz seines Freundes Walter Jens mit, der von 2005 bis zu seinem Tod acht Jahre später nur „dahindämmerte“. Ihn habe abgeschreckt, wie Jens in den letzten Jahren eher wie ein Kind lebte und behandelt wurde. 1995 hatte sich der berühmte Rhetorik-Professor in einem Buch vehement für aktive Sterbehilfe ausgesprochen. Zu seinem Lebensende wählte seine Familie zusammen mit ihm und für ihn bewusst den natürlichen Weg, da seine Lebenslust bis zum Schluss ungebrochen gewesen sei.Dennoch schreibt Küng: „Diese Erfahrungen bestärkten mich in der Überzeugung: So will ich nicht sterben!“ Bereits in den 90er Jahren hatte er mit Walter Jens Vorlesungen an der Universität Tübingen zum Thema „Menschenwürdig sterben“ und damit ein Plädoyer für ein selbstverantwortliches Sterben gehalten.

„Man kann aus Gottvertrauen heraus freiwillig sterben.“

Der Titel des Buches erklärt sich aus einem Satz im Interview mit Anne Will: „Glücklich sterben heißt für mich nicht Sterben ohne Wehmut und Abschiedsschmerz, wohl aber ein Sterben in völligem Einverständnis, in tiefster Zufriedenheit und in innerem Frieden.“ Die Journalistin wendet ein, dass die Selbsttötung doch eigentlich eine Absage an das Ja Gottes zum Menschen sei, zum Geschenk des Lebens. „So steht es im Katechismus.“ Küng erwidert, dieses Geschenk bedeute aber auch Verantwortung. „Und warum soll die in der letzten Phase aufhören, diese Verantwortung?“
Das Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Frage, ob die Selbsttötung am Ende des Lebens eigentlich ethisch und theologisch vertretbar und juristisch gedeckt ist. Er wünscht sich, dass die Römisch-Katholische Kirche ihre Haltung zur Sterbehilfe überdenkt. „Man kann aus Gottvertrauen heraus freiwillig sterben.“
Es drängt sich die Frage auf, die ihm zwei offenbar körperlich behinderte Frauen als Reaktion auf das ARD-Interview schrieben: Behinderte Menschen könnten sich nun unter Druck und eventuell genötigt fühlen, eine wesentliche Phase ihres Lebens zur Entlastung der Umwelt abbrechen zu müssen, sprich: den Freitod zu wählen. Das Image von Sterbehilfe hat sich im Laufe der Jahre stark verändert. Teilweise ist es alarmierend, wie selbstverständlich das Töten als Option angesehen wird, obwohl das auszulöschende Leben nicht konkret Leid erfährt: 90 Prozent der Frauen, deren Kind im Bauch Trisomie 21 hat, brechen die Schwangerschaft ab. Fast jeder zweite Patient (42 Prozent), der an der Nervenerkrankung Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) leidet (die aktuell durch die Kampagne „Ice Bucket Challenge“ weltweit bekannt wurde), denkt laut einer Studie des Ludwig-Maximilians-Universität München an Selbstmord.
Das Buch gibt die Laudatio bei der Verleihung des Arthur-Koestler-Sonderpreises 2013 der DGHS an Küng wieder, die Dieter Birnbacher hielt, Philosoph von der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). Küngs Entscheidung basiere auf einem bestimmten Gottesverständnis, „das geeignet ist, Vertrauen auf Gott zu begründen“, stellt Birnbacher fest. „Ein Gott, der es dem Menschen verwehrt, dann, wenn ihm das Leben dauerhaft nicht mehr zu ertragende Belastungen zumutet, sein Leben zu beenden, wäre kein wohlwollender Gott.“
Küng beantwortet praktische Fragen zum juristischen Stand von aktiver und passiver Sterbehilfe, wirft einen Blick ins benachbarte Ausland und beleuchtet ethische und theologische Aspekte der Sterbehilfe. Insofern ist es ein bedeutendes Buch für jeden, der selbst in der Situation steht, sich darauf vorbereiten möchte, solange seine geistige Verfassung es noch erlaubt, oder der durch Pflegefälle in der Verwandtschaft vor der Frage steht. Weil der Autor katholischer Theologe ist, hilft das Buch zudem dabei, die Fragen rund um Sterbehilfe theologisch zu betrachten.Allerdings stellt sich bei der Lektüre die Frage nach dem Grund für Küngs Wunsch nach Selbsttötung. Gerade im Hinblick auf sein Beobachten von Walter Jens‘ Demenz steht offenbar vor allem die Sorge im Vordergrund, am Ende des Lebens wie ein Kind aufzutreten, anderen zur Last zu fallen, die Kontrolle zu verlieren. Sind es unerträgliche Schmerzen, die den Wunsch nach dem Tod aufkommen lassen, oder Angst, seine Würde zu verlieren? Und ab wann verliert ein Mensch seine Würde?
Schließlich stellt sich die Frage nach dem Suizid allgemein: Darf sich ein Mensch auch schon vor dem Alter selbst töten, weil er das Leben nicht mehr ertragen kann? Sollte Küng seine Argumente nur bei älteren Menschen anbringen können? Kann das Buch nicht auch als eine Ermunterung zum Selbsttöten verstanden werden? Aber sollten nicht gerade Christen selbstmordgefährdeten Menschen Mut und Hoffnung machen? Wie sieht Gott die Selbsttötung?
Wie war es früher, bevor es die hochtechnisierte Medizin gab, die das Leben künstlich in die Länge ziehen kann? Wahrscheinlich „entschieden“ sich alte Menschen in gewisser Weise, dass ihre Zeit gekommen war. Vielleicht schwand der Lebenswille, und der Körper wollte nicht mehr. Küng bespricht auch die Möglichkeit des Verzichtes auf Nahrung und Flüssigkeit, das „Sterbefasten“. Vielleicht ist uns angesichts von Leistungsdenken und Perfektionismus die Möglichkeit abhanden gekommen, dass ein Mensch auch als Pflegebedürftiger noch Würde hat. (pro)Hans Küng: „Glücklich sterben?“, Verlag Piper 160 Seiten, 16,99 Euro, ISBN: 978-3-492-05673-1

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