Der klassische Journalismus gerät zunehmend unter Druck: Er muss auf Themen reagieren, die sich in sozialen Medien rasant verbreiten oder bereits verbreitet haben. Das sagte der Geschäftsführer der Christlichen Medieninitiative pro, Christoph Irion, am Mittwoch bei der Demokratiekonferenz in Wetzlar. Entscheidend sei deshalb, gründlich zu recherchieren – auch dann, wenn in sozialen Medien bereits Falschinformationen über ein Thema kursierten.
Umso wichtiger sei es, dass Schulen und andere Bildungseinrichtungen Medienkompetenz vermitteln. Dazu gehöre auch, zu verstehen, wie Algorithmen die Verbreitung von Inhalten beeinflussen. Ein mögliches Social-Media-Verbot müsse dabei nach dem Alter der Nutzer differenziert betrachtet werden, sagte Irion: „Hier sollten wir auf das Alter der Nutzer schauen, denn soziale Medien haben ein hohes Suchtpotenzial.“ Aber auch an den Umgang der Medien mit Politikern stellte Irion Anforderungen: etwa einen fairen und menschenwürdigen Umgang mit Politikern. Außerdem wünschte er sich eine Korrektur-Kultur, die auch Fehler und bewusste Verstöße eingestehe.
Dass Künstliche Intelligenz zunehmend den Arbeitsalltag in Redaktionen prägt, sei nicht mehr aufzuhalten. Entscheidend sei nun, ihren Einsatz nach ethischen Maßstäben abzuwägen. „Künstliche Intelligenz darf sein, aber nur in dienender Funktion und ethisch geprüft. Wahrer und professioneller Journalismus muss von Menschen entschieden werden“, sagte Irion.
„Extreme Kräfte leben von Emotionen und Polarisierungen“
Mika Beuster, Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), bemängelte, dass sich viele soziale Netzwerke in der Hand von Tech-Unternehmen befänden. In diesen Portalen werde Polarisierung grundsätzlich belohnt. Von Polarisierung und Emotionen profitierten aber vor allem die extremen Kräfte an den politischen Rändern.
Der Redakteur der Wetzlarer Neuen Zeitung forderte zudem ethische und handwerkliche Regeln im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. KI sei ein wunderbarer Helfer im Arbeitsalltag, brauche aber auch Ampeln und Stoppschilder: „Wir sollten den Nutzen sehen und den Schaden abwenden.“ Denn Künstliche Intelligenz greife das Urheberrecht massiv an und ermögliche den „größten Diebstahl der Geschichte“.
Beuster verwies auf Studien, denen zufolge der Vertrauensverlust in klassische Medien geringer ausfällt, als häufig angenommen: „Wir haben allerdings den Umgang mit sozialen Medien verschlafen, den jungen Menschen nicht zugehört und über sie hinweg entschieden.“ Soziale Medien müssten ein „besser geschützter und aufgeräumter Ort“ sein, als es aktuell der Fall ist. Vor allem Russland trage viel zur Desinformation auf diesen Kanälen bei und vertrete Putins Agenda.
Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Fevzi Korun von der Arbeitsstelle „Demokratie leben“ des Lahn-Dill-Kreises und der Schülerin Helena Fay. Begrüßt hatte die Gäste der stellvertretende Landrat Frank Inderthal (SPD). Er warb dafür, die Pressefreiheit als hohes Gut anzuerkennen und sich für deren Erhalt einzusetzen.