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Von NATO-Journalisten und mordenden Soldaten

Die Welterklärer Margot Käßmann und Konstantin Wecker haben ein Buch über Pazifismus herausgegeben. Es bietet eine Mischung aus Realitätsleugnung, Selbstgerechtigkeit und „Lügenpresse“-Verschwörungstheorie. Eine Rezension von Moritz Breckner
Von PRO
Konstantin Wecker liefert in seinem Buch keine befriedigenden Antworten – da hilft auch die Kirchentags-Halskette im Stile Claudia Roths nicht

Foto: Gütersloher Verlagshaus

Konstantin Wecker liefert in seinem Buch keine befriedigenden Antworten – da hilft auch die Kirchentags-Halskette im Stile Claudia Roths nicht
„Der Pazifismus“, schrieb einst Henryk M. Broder, „ist eine moralische Position, die sich in etwa so lange aushalten lässt, wie der Lotussitz auf einer Kreissäge.“ Damit wäre zu diesem Thema eigentlich alles gesagt, gäbe es nicht Realitätsleugner wie Margot Käßmann und Konstantin Wecker, die sich seit Jahren in der argumenteresistenten Parallelwelt des Pazifismus in ihrer Selbstgerechtigkeit sonnen. „Entrüstet euch“ heißt ein von beiden im April erscheinendes Buch. Es enthält ein Gesprächsprotokoll zwischen Käßmann und Wecker, ein Lyrik-Archiv zum Thema Frieden und neue, teils für das Buch entstandene „Texte zum Frieden“. Zu letzteren gehört der 20-seitige Abdruck einer Rede, die der katholische Theologe und Kirchenkritiker Eugen Drewermann im Dezember bei einer Kundgebung vor dem Sitz des Bundespräsidenten hielt. Die Friedensdemonstranten seien zwar viele, heißt es da, aber: „Gewiss, die Mainstream-Medien werden uns marginalisieren und bagatellisieren, aber was will man auch von eingekauftem NATO-Journalismus schon erwarten?“ Nein, nicht Udo Ulfkotte, sondern die Luther-Botschafterin der EKD, ziert hier das Cover. So erstaunlich es ist, dass die Herausgeber allen Ernstes Drewermanns Geschwurbel über ein von CIA und Rüstungsindustrie kontrolliertes „System“ so viel Raum geben, gibt es genügend andere Schwachstellen in dem 200-Seiten-Werk. Die Pastorin und Grünen-Politikerin Antje Vollmer konstruiert eine Opferrolle und beklagt, wie auch schon der Klappentext, dass immer weniger Menschen öffentlich für eine pazifistische Politik eintreten. Tja, warum nur? Vielleicht, weil es sich herumgesprochen hat, dass man mit den IS-Milizen so schlecht Stuhlkreise veranstalten kann? Der Politikwissenschaftler Markus A. Weingardt kritisiert: „Über 80 Prozent aller Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, werden sofort oder nach Prüfung ihres Asylantrags wieder abgeschoben“ – und das in Länder, in denen Folter und Verfolgung drohe. Das ist schlicht falsch: Gerade mal 21.764 Asylbewerber wurden 2014 abgeschoben oder reisten freiwillig aus gegenüber 154.191 ausreisepflichtigen Asylbewerbern, die einfach in Deutschland blieben. Und selbstverständlich wäre kein evangelisches Friedensbuch komplett ohne einen Beitrag von Jörg Zink. Das ist jener Theologe, der 2003 in einer Talkshow den Mut palästinensischer Selbstmordattentäter bewunderte.

Wo Konstantin Wecker Recht hat

Das Gespräch zwischen den Herausgebern am Beginn des Buches ist das am wenigsten absurde Kapitel. Magot Käßmann liefert wie gewohnt ihre Worthülsen ab, sie will keinen Krieg, aber einen Lösungsweg kann sie eben auch nicht aufzeigen. Lieber schwärmt sie von Martin Luther King und Kirchentagen in den 80ern. Konstantin Wecker gibt den empörten Friedensprediger, der an einer Stelle sogar Recht hat: bei seiner Kritik an Waffenlieferungen in Krisengebiete. „Heute lieferst du noch Waffen an die eine Partei, und schon übermorgen werden sie von einer anderen erbeutet, die damit Dritte unterdrücken.“ Das stimmt, muss man anerkennen. Darüber hinausgehende Strategien zum Schutz von Zivilisten vor Barbaren liefert Wecker leider nicht, stattdessen jede Menge Polemik gegen „mordende“ Soldaten und westliche Demokratien, die natürlich Schuld am Elend in der Welt sind. „Entrüstet euch“ schafft den Spagat, einerseits zu beklagen, dass Pazifisten oft als naive Träumer kritisiert werden, und gleichzeitig ein wirklich erstaunliches Maß an naiver Träumerei an den Tag zu legen. Einige der Autoren fühlen sich der Politik offenbar moralisch überlegen, können aber nicht eine einzige glaubwürdige Idee beisteuern, wie man dem Bösen in der Welt Einhalt gebieten kann. Das ist entrüstend. Wie kann man konkret verhindern, dass beispielsweise die Terroristen des IS Unschuldige abschlachten? Statt eine Antwort zu liefern, warum Pazifismus das „Gebot der Stunde“ bleibt, kritisiert das Buch Fragen wie diese als „Totschlag-Argumente“, mit dem der Pazifismus lächerlich gemacht werden soll. Ein vernünftiges Gespräch ist so nicht möglich. (pro) Margot Käßmann, Konstantin Wecker (Hrsg.): „Entrüstet euch. Warum Pazifismus für uns das Gebot der Stunde bleibt“. Gütersloher Verlagshaus, 14,99 Euro, 208 Seiten, ISBN: 9783579070919
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