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Von Luther zu Hitler?

Die Äußerungen Martin Luthers (1483-1546) über die Juden gehören nicht zu den Glanzpunkten der Reformation. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Meinung auf, die "Judenschriften" des Reformators hätten den Holocaust geradezu vorbereitet. Ob dies eine angemessene Einschätzung ist, hilft ein Buch zu klären, das Luthers "Judenschriften" in ihre zeitlichen Zusammenhänge einordnet.
Von PRO

Foto: Verlag Mohr Siebeck

Als im September 1941 das nationalsozialistische Regime den "Judenstern" zur Kennzeichnung von Juden in Deutschland einführte, begrüßten einzelne Landeskirchen die Maßnahme. Dabei nahmen sie sich die Haltung Martin Luthers zum Vorbild: "Schon Dr. Martin Luther erhob nach bitteren Erfahrungen die Forderung, schärfste Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen", hieß es in einer gemeinsamen Stellungnahme verschiedener Landeskirchen.

Ist aus solchen Äußerungen der Schluss zu ziehen, es gebe eine direkte Verbindungslinie zwischen der Einstellung Luthers zu den Juden und dem Holocaust im "Dritten Reich"? Das Buch "Luthers ‘Judenschriften’" des Göttinger Kirchenhistorikers Thomas Kaufmann geht nicht ausdrücklich dieser Frage nach. Indem es Luthers "Judenschriften" in ihre zeitlichen Zusammenhänge einordnet, liefert es jedoch einen Aspekt der Antwort.

Die "Judenfrage" im Kontext der Reformation

Bei den "Judenschriften" handelt es sich um Texte Luthers, in denen er sich theologisch mit dem Judentum beschäftigt. Dabei scheint es in seiner Einstellung zu den Juden einen bemerkenswerten Wandel gegeben zu haben: In der Schrift "Daß Jesus ein geborener Jude sei" (1523) schlug der Reformator noch offene Töne gegenüber den Juden an. Doch 20 Jahr später bediente er in "Von den Juden und ihren Lügen" die antisemitischen Klischees seiner Zeit.

Die zu Beginn offene Haltung steht im Kontext der noch jungen Reformation: Zu diesem Zeitpunkt dachte Luther, Juden hätten sich dem Christentum verschlossen, weil es unter dem Papsttum nicht richtig dargestellt worden sei. Die neue, aus seiner Sicht richtige Lehre, würde die Juden zur Einsicht und damit zur Bekehrung bewegen. Aus diesem Grund warb er mit einer offenen Haltung für das Christentum.

Interessant ist in Kaufmanns Buch zu lesen, dass dieses Ansinnen Luthers keine vage Hoffnung war. Sie konkretisierte sich anhand einer Person namens Bernhard, eines 1519 zum Christentum konvertierten Juden. Luther kannte ihn persönlich und hatte maßgeblichen Einfluss auf seine Bekehrung. Für den Reformator war Bernhard Beweis dafür, dass sein Kampf gegen das Papsttum nicht falsch sein konnte.

Auf diese Weise bietet das Buch eine Fülle von Hinweisen auf die konkreten Umstände der jeweiligen "Judenschriften". Dabei wird etwa deutlich, warum sich der spätere Luther zu rabiaten Forderungen hinreißen ließ, etwa man müsse die Juden "wie die tollen Hunde" hinausjagen. Nicht nur die Verbitterung über die ausbleibende Bekehrung der Juden spielte eine Rolle, sondern auch die Befürchtung, Gottes Zorn werde über Christen kommen, die Juden in ihrem Gemeinwesen dulden.

Nicht Luthers Haltung, sondern die Umstände ändern sich

Klar wird bei der Lektüre aber auch, dass Luther im Grunde keinen Denkwandel bezüglich der Juden vollzogen hat. Das Judentum war in Luthers "mentaler Welt" immer ein Gegenentwurf zum Christentum. Auch seine anfänglich offene Haltung war keineswegs tolerant, sondern vom Interesse an einer Judenbekehrung geleitet. Als solche war sie zeitlich begrenzt: Luther wollte sehen, ob sich die Juden unter der neuen Lehre dem Christentum zuwenden würden.

Als dies nicht geschah, schreckte der Reformator nicht vor zweifelhaften Methoden zurück. So malte er ein jüdisches Schreckgespenst und stilisierte die Juden zu Feinden des Christentums. Einer physischen Auslöschung des jüdischen Volkes, auch das ist ein wichtiger Hinweis Kaufmanns, redete er aber nie das Wort.

Das Buch ist für Leser zu empfehlen, die sich mit einem wichtigen Sonderthema der Reformationszeit befassen möchten, bereits aber mit den Geschehnissen der Epoche vertraut sind. Von einigen verschachtelten Sätzen abgesehen ist es angenehm zu lesen, hilfreich sind auch die Zusammenfassungen der jeweiligen Abschnitte. Kaufmann erläutert kurz die Rezeptionsgeschichte der „Judenschriften“. Im Anhang finden 15 Aspekte der Thematik eine besondere Erörterung, etwa die Frage nach den persönlichen Begegnungen Luthers mit Juden. (pro)

Thomas Kaufmann, "Luthers ‘Judenschriften’. Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung", Mohr Siebeck 2011, 231 Seiten, 29 Euro, ISBN 978-3-161507724

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