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„Von der Kirche kam nichts Theologisches, sondern Virologisches“

Die Corona-Pandemie habe bislang verdeutlicht: „Der Mensch besteht nicht nur aus Antivirologie allein. Zum Leben gehört eben sehr viel mehr.“ Das sagte der jüdische Historiker Michael Wolffsohn in einem Interview des Deutschlandfunks. In den vergangenen Monaten sei von den Kirchen „eigentlich nichts Theologisches gekommen, sondern mehr Virologisches“.
Von Jörn Schumacher
Für das „Virologische“ seien Virologen zuständig, nicht die Kirchen, findet der jüdische Historiker Michael Wolffsohn

Foto: pro/Martina Schubert

Für das „Virologische“ seien Virologen zuständig, nicht die Kirchen, findet der jüdische Historiker Michael Wolffsohn

Der in Tel Aviv geborene und 1954 nach Deutschland übergesiedelte Michael Wolffsohn ist jüdischer Historiker in München. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk zum Thema „Gott und Corona, über Seele und Sorge in Pandemiezeiten“ sprach der Wissenschaftler über die Frage, ob der Gottesglaube in einer Pandemie helfen kann.

Dass sich die Religionen hinter die von der Politik ausgerufenen Maßnahmen gestellt haben, hält Wolffsohn für „religionsphilosophisch und religionshistorisch einwandfrei“. Zumindest beim Judentum und im Christentum gehöre das zur Tradition. Im Christentum gelte das Jesuswort aus Matthäus 22,23: „Gib dem Kaiser, was des Kaisers und Gottes ist“. Die jüdische Tradition kenne dies unter dem Begriff „Dina de-malchuta dina“, was übersetzt so viel heiße wie „Das Staatsrecht gilt“. Anders habe es etwa in Bnei Brak ausgesehen, einer religiösen, stark orthodoxen Stadt in der Nähe von Tel Aviv; dort sei eine der Hochburgen von Corona gewesen. Die Gläubigen hätten es schlichtweg Gott überlassen, ob jemand an Corona erkrankt oder nicht. Wolffsohn: „Und da sind wir bei der elementaren Frage: Was kann der Mensch, was darf der Mensch machen? Darf der Mensch in Gottes Werk eingreifen oder nicht?“

„Auch in der Pandemie sind die Menschen ohnmächtig, trotz der Wissenschaft“

Vonseiten der Kirche sei in den vergangenen Monaten „eigentlich nichts Theologisches gekommen, sondern mehr Virologisches“, stellt der Historiker fest und fügt hinzu: „Und das sollten besser die Virologen machen.“ Dabei bestehe der Mensch „nicht nur aus Antivirologie allein, der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, so Wolffsohn. Übertragen auf die Pandemiesituation bedeute dieser Bibelspruch: „Es kann doch das Leben nicht nur darauf begrenzt sein, dass wir überleben.“

Wenn sich die Virologen untereinander uneinig sind, wie das in der Wissenschaft immer üblich sei, könne die Religion „sehr viel beitragen, gerade in ihrer Gebrochenheit und gerade beispielsweise in Bezug auf das Alte Testament ebenso wie auf das Neue Testament“. Das Neue Testament kreise um die Frage: „Warum wird Gott, Gottes Sohn Jesus gekreuzigt, ohnmächtig am Kreuz?“ Auch in der Pandemie seien die Menschen ohnmächtig, trotz der Wissenschaft. Wolffsohn: „Das sind doch Fragen, die man ableiten und zurückführen kann von der Religion in die Virologie und von der Virologie in die Religion.“ Da sei das Christentum „die tröstliche Religion“.

Aus der jüdischen Perspektive hingegen gebe es keine endgültige Antwort, und das sei „das Schwierige und zugleich Faszinierende am Judentum“. Wenn die rabbinischen Weisen kontroverse Diskussionen führten, dann ertöne eine himmlische Stimme, die sage: „Das ist nicht an euch zu entscheiden, sondern Gott.“ Auch hier werde deutlich: „Wir sollten uns nicht konzentrieren auf die Eindimensionalität, sondern die Vieldimensionalität, denn wir brauchen eben auch die Seele. Und für die Seele ist die Religion eher zuständig als die Virologie und die Politik.“

Von: Jörn Schumacher

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