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Von Calenberg: Eine Mutter der Reformation

Elisabeth von Calenberg ist die Mutter der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers: Sie hat im 16. Jahrhundert in ihrem Herzogtum die Reformation eingeführt. Ihr Beispiel zeigt, welch wichtige, aber oft wenig beachtete Rolle Frauen bei der Ausbreitung der Reformation spielten. Ein Porträt von Margot Käßmann
Von PRO
Elisabeth von Calenberg führte mit ihrem Mann Erich I. eine gemischtkonfessionelle Ehe

Foto: Wikipedia/Nationalmuseum Stockholm

Elisabeth von Calenberg führte mit ihrem Mann Erich I. eine gemischtkonfessionelle Ehe

In Niedersachsen gibt es eine einzigartige Institution: die Klosterkammer. Sie gilt offiziell als eine Sonderbehörde im Geschäftsbereich des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur. Ihre Aufgabe ist es, unter anderem 15 Frauenklöster und Damenstifte zu erhalten, die wohlgemerkt evangelisch sind. Aus dem Vermögen werden zudem Projekte in den Bereichen Kirche, Bildung und Soziales gefördert. Weder die Kirche noch der Staat haben Zugriff auf diese Gelder.
Als ich Landesbischöfin in Hannover wurde, war ich erstaunt: Evangelische Klöster? Klosterkammer? Und ich habe gelernt, dass es eine sehr kluge Frau der Reformation war, der diese Konstruktion ihre Existenz verdankt: Elisabeth von Calenberg.
Mit 15 Jahren wurde sie mit dem 40 Jahre älteren Erich I. von Calenberg verheiratet. Sie bekamen vier Kinder: drei Mädchen und einen Jungen. Offenbar war sie, wenn auch jung, so doch taktisch sehr geschickt, wohl auch, weil sie mit ihren Geschwistern zu Hause eine gute Schulbildung erhalten hatte. Als ihr Mann wieder eine Beziehung zu seiner früheren Geliebten Anna Rumschottel begann, drängte sie ihn, ihr aus Reue das Fürstentum Göttingen als Herrschaftsgebiet abzutreten. Großzügig war sie dabei nicht. Sie bezichtigte Anna Rumschottel der Hexerei und die entging nur knapp dem Scheiterhaufen.
Über ihre Mutter lernte Elisabeth – nunmehr von Calenberg-Göttingen – Martin Luther kennen und begann eine angeregte Korrespondenz mit ihm. Sie holte den lutherischen Pfarrer Antonius Corvinus nach Münden in ihre Residenz und bekannte sich bald öffentlich zum evangelischen Glauben, indem sie das Abendmahl in beiderlei Gestalt, also Brot und Wein, zu sich nahm. Ihr Mann tolerierte das und so lebten sie offenbar harmonisch in einer gemischt-konfessionellen Ehe.

Schriftstellerin, Staatsfrau und Mutter

Als Erich I. 1540 starb, übernahm Elisabeth die Vormundschaft für ihren erst zwölfjährigen Sohn Erich II. Als Politikerin nutzte sie ihre Machtposition und führte mit Corvinus als Berater in ihrem Territorium die Reformation ein. Die Kirchenordnung, die sie in Absprache mit den Reformatoren in Wittenberg erließ, legte die Grundlage für die Entstehung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.
Elisabeth von Calenberg-Göttingen war im besten Sinne eine Reformatorin, denn sie erklärte theologisch, warum sie die Reformation einführte: um zu Gottes Wort zurückzufinden und falsche Praktiken wie den Ablasshandel abzuschaffen. Sie förderte die theologische Bildung der Geistlichen, begleitete Corvinus zu Visitationen, verfasste ermahnende Briefe an das „gemeine Volk“ wie an den Adel.
Sie formulierte unter anderem „die erste protestantische Staatsethik überhaupt“, indem sie die Verantwortung der Obrigkeit ausführlich reflektiert, schreibt die Pastorin und Autorin Sonja Domröse in ihrem Buch „Frauen der Reformation“. Neben Briefen und Ermahnungen und Überlegungen dichtet die Reformatorin auch Lieder. „Elisabeth gilt nicht umsonst als eine der produktivsten Schriftstellerinnen der Frühen Neuzeit“, bilanziert Domröse.
Und Elisabeth ist eine sehr engagierte Mutter. Sie erzieht ihre Kinder evangelisch, beschreibt für ihren Sohn, was von ihm zu erwarten ist, und verfasst für die Tochter Anna Maria ein „Ehestandsbuch“. Doch der Sohn sollte sie schwer enttäuschen: Er konvertierte zum römisch-katholischen Glauben, kämpfte im Schmalkaldischen Krieg auf katholischer Seite und ließ Corvinus inhaftieren. Die Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Sohn waren offenbar massiv. Er arrangierte die Heirat der jüngsten Tochter Katharina nicht nur mit einem katholischen Grafen, sondern auch so, dass die Mutter nicht zur Hochzeit kommen konnte.
Elisabeth verarmte völlig und zog nach Hannover. Ihre letzten drei Lebensjahre verbrachte sie in Thüringen, wo ihr zweiter Ehemann einen kleinen Besitz hatte. Dort schrieb sie ein „Witwentrostbuch“, das weite Verbreitung fand. Sie starb am 25. Mai 1558 im Alter von 48 Jahren.

Die zwei Ämter der Elisabeth

Doch das Erbe dieser mutigen Frau ist noch heute präsent. Zum einen durch die anfangs genannte Klosterkammer, die einen der größten nichtstaatlichen Grundbesitze in Niedersachsen verwaltet. Dazu gehören 18 Klostergüter, 20 Klosteranlagen, 43 Kirchen, Dome, Kapellen und insgesamt etwa 12.000 Kunstgegenstände in rund 800 Gebäuden. Dass Elisabeth von Calenberg-Göttingen die Klöster erhalten wollte, obwohl Luther für deren Abschaffung argumentierte, zeigt ihr eigenständiges Denken. Ihr schien es ein Fehler, Frauen diese Möglichkeit zu nehmen, Bildung zu erlangen, ja auch ohne Heirat versorgt zu sein. Heute nehmen die Klöster und Damenstifte auch Nichtadlige, geschiedene und verwitwete Frauen auf.
Zum anderen ist die hannoversche Landeskirche die größte der Evangelischen Kirche in Deutschland und fest in ihrer lutherischen Tradition verwurzelt. Der evangelische Glaube, den Elisabeth eingeführt hatte, ließ sich langfristig nicht mehr aus Niedersachsen verdrängen. Im Grunde hat Elisabeth ein bischöfliches und ein weltliches Leitungsamt zugleich ausgeführt. Martin Luthers Tauftheologie wird sie dazu ermutigt haben. Denn er schrieb, dass jeder getaufte Christ Priester, Bischof oder Papst sei. 450 Jahre später hat diese Theologie in den Kirchen der Reformation den Weg zur Frauenordination geöffnet. Zu Elisabeths Zeiten hat sie aber offenbar eine Frau ermutigt, sehr klar ihren reformatorischen Weg zu gehen. Die Beteiligung von Frauen an den Leitungsaufgaben der Kirche ist in jedem Fall von Beginn an Kennzeichen der Reformation. So schreibt Philip Melanchthon über Elisabeth von Calenberg, sie habe „diese Kirchen aus mütterlichem Herzen sanft und lieblich mit dem Evangelium gespeist, genähert und regiert“.
Es ist bedauerlich, dass die Zeugnisse der Frauen der Reformation so wenig erhalten sind und die erhaltenen so wenig wahrgenommen werden. Das gilt für die Fürstinnen wie für die Pfarrfrauen, für diejenigen, die geschrieben haben, wie für diejenigen, die ihre Kinder im evangelischen Glauben erzogen. Deshalb sei auch an Elisabeths Mutter erinnert: Die dänische Prinzessin Elisabeth von Brandenburg hatte wohl über ihren Bruder Christian II. die lutherische Lehre kennen und schätzen gelernt. In Abwesenheit ihres Mannes nahm sie das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Als er davon erfuhr, wollte er sie zwingen, zum römisch-katholischen Glauben zurückzukehren. Sie widersetzte sich ihm und lebte daraufhin viele Jahre verarmt im Exil.
Kurzum: Viele Frauen haben vieles auf sich genommen, um die reformatorische Lehre weiterzugeben, zu leben, umzusetzen. Ihnen gebührt hoher Respekt. (pro)

Margot Käßmann war von 1999 bis 2010 Bischöfin der Hannoverschen Landeskirche und von 2009 bis 2010 Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Seit 2012 ist sie im Auftrag der EKD Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017.

Dieser Beitrag stammt aus der aktuellen Ausgabe 5/2016 des Christlichen Medienmagazins pro. Sie können es kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/915151, via E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online.Wenig Ahnung von Luther (pro)
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