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Vietnam-Kriegsfoto: Norwegischer Chefredakteur legt sich mit Facebook an

Facebook hat in der Timeline der norwegischen Tageszeitung Aftenposten eine der wichtigsten Kriegsfotografien der Welt gelöscht: das Bild des Napalm-Mädchens. Der Chefredakteur der Zeitung wehrt sich dagegen. Auch der Deutsche Journalistenverband (DJV) kritisiert die Löschung. Nach heftiger Kritik stellte Facebook das Bild wieder online.
Von PRO
Aftenposten-Chefredakteur Espen Egil Hansen schrieb einen offenen Brief an Facebook-Chef Mark Zuckerberg

Foto: Aftenposten

Aftenposten-Chefredakteur Espen Egil Hansen schrieb einen offenen Brief an Facebook-Chef Mark Zuckerberg
Aus dem Facebook-Auftritt der größten norwegischen Tageszeitung Aftenposten hat das soziale Netzwerk die Kriegsfotografie des Napalm-Mädchens aus Vietnam entfernt. Der Chefredakteur der Zeitung, Espen Egil Hansen, beschwert sich in einem offenen Brief an Facebook-Gründer Mark Zuckerberg über dieses Vorgehen. Bevor das Bild die Tageszeitung Aftenposten veröffentlichte, hatte der norwegische Autor Tom Egeland das berühmte Bild des Fotografen Nick Ut aus dem Jahr 1972 auf Facebook gepostet. Er hatte in dem sozialen Netzwerk mehrere Bilder veröffentlicht, die das Bild vom Krieg verändert haben sollen. Das gelöschte Foto zeigt schreiende und fliehende Kinder nach einem Napalm-Angriff auf ein vietnamesisches Dorf. In der Mitte ist das nackte, damals neunjährige Mädchen Kim Phuc zu sehen. Uts wurde für das Bild mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, die Aufnahme wurde Pressefoto des Jahres 1972. Facebook entfernte das Bild umgehend. Als der Fotograf Egeland und schließlich auch die heute 44-jährige Phuc Widerspruch einlegten, sperrte Facebook Egelands Account. Die norwegische Tageszeitung Aftenposten hatte über diesen Fall berichtet und das Foto ebenfalls veröffentlicht. Kurz darauf erhielt die Zeitung eine E-Mail von Facebook mit der Bitte, das Foto zu löschen oder zu verpixeln. Nacktheit sei in dem sozialen Netzwerk nicht erlaubt, Facebook entschuldige sich für Unannehmlichkeiten, wenn durch diese Regel Kunstprojekte oder Kampagnen beeinträchtigt würden, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) über den Fall. Keine 24 Stunden nach der E-Mail sei das Foto von Facebook gelöscht worden. Chefredakteur Hansen verfasste daraufhin einen offenen Brief an Facebook mit dem Hinweis, Facebook habe ihm nicht einmal Zeit für eine Stellungnahme eingeräumt.

Zeit für eine „kritische Debatte“

Die holt Hansen in seinem offenen Brief nach. Die FAZ beschreibt ihn als eine „erhellende Analyse der Macht“, die das Imperium von Facebook-Chef Zuckerberg inne habe, und „der unerträglichen Oberflächlichkeit, mit der Facebook Stellung bezieht“. Medien müssten den Einzelfall einer Veröffentlichung abwägen, schreibt Hansen. Das dürfe nicht durch Facebooks Algorithmen geschehen. Wenn das Unternehmen nicht zwischen Kinderpornografie und einem Kriegs-Dokumentarfoto unterscheiden könne, werde lediglich „Dummheit gefördert“. Die Bildsperrung sei ein Machtmissbrauch. „Mit dir, Mark, als Über-Redakteur können Redakteure nicht leben“, schreibt der Journalist. Durch das Foto von Nick Ut hätten die Medien zum Ende des Vietnam-Krieges beigetragen. Aufgabe der Medien sei es manchmal, auch unangenehme, sogar unerträgliche Informationen zu veröffentlichen. Es sei Zeit für eine „kritische Debatte über das Freiheitsverständnis und die Verantwortung“ von Facebook, fordert Hansen. Aftenposten druckte den offenen Brief in der Zeitung ab und veröffentlichte den Inhalt auch als Video. Viele Minister der norwegischen Regierung teilten das Foto von Ut ebenfalls auf ihrer Facebook-Seite, unter ihnen auch Ministerpräsidentin Erna Solberg. Die Beiträge wurden von Facebook ebenfalls gelöscht. Facebook schlage den falschen Weg ein, wenn es Bilder wie diese zensiere, sagte Solberg nach Angaben von Aftenposten. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) kritisierte die Löschung des Fotos ebenfalls. Man muss von Facebook so viel Medienkompetenz erwarten dürfen, dass eine Unterscheidung zwischen einem zeitgeschichtlichen Dokument und Kinderpornografie vorgenommen wird“, sagte DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall in einer Stellungnahme. Das gelte vor allem dann, wenn das Bildmaterial auf der Facebook-Seite einer renommierten Tageszeitung stehe. „Welche Inhalte eine Zeitung veröffentlicht, muss die Entscheidung der Redaktion bleiben.“ Alles andere sei ein Eingriff in die Pressefreiheit. Nach der heftigen Kritik stellte Facebook das Foto wieder online. Das Netzwerk erkenne die historische Bedeutung des Bildes an, hieß es in einer Stellungnahme. „Wir bemühen uns immer, unsere Standards zu verbessern, damit sie sowohl der freien Meinungsäußerung dienen als auch das Netzwerk schützen“, heißt es darin. (pro)
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