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Vernunft oder Nächstenliebe?

In der Debatte über Flüchtlinge fordert der Autor Henryk M. Broder zu Recht mehr Vernunft. Darf dabei die pure Nächstenliebe auf der Strecke bleiben? Mitnichten. Ein Kommentar von Norbert Schäfer
Von PRO
Auf einem Schild stehen Namen bekannter Menschen, die einmal in ihrem Leben Flüchtlinge waren
Auf einem Schild stehen Namen bekannter Menschen, die einmal in ihrem Leben Flüchtlinge waren

In der aktuellen Ausgabe der Tageszeitung Die Welt appelliert Henryk M. Broder in der Debatte über Flüchtlinge dafür, mehr Vernunft statt Mitleid walten zu lassen. „Was unser Urteilsvermögen trübt, sind die Bilder, die wir täglich sehen“, schreibt er. Die Medien ließen immer öfter Migranten ohne Deutschkenntnisse in gebrochenem Englisch zu Wort kommen, die nicht dankbar, sondern enttäuscht seien. Broder zeigt in seinem Essay auch die Hilflosigkeit und Überforderung von Politikern, die etwa die Flüchtlinge nach Ethnien trennen wollen oder Menschen ohne ausreichende Sprachkenntnisse durch Beschäftigung integrieren möchten. Broder hat wohl Recht mit dem, was er schreibt.
Doch bedient er auch das richtige Auditorium? Etwa wenn er schreibt: „Was wir derzeit importieren, sind nicht nur ‚ethnische‘, also kulturelle und religiöse Konflikte, sondern, um mit Marx zu reden, auch eine ‚industrielle Reservearmee‘, für die es keine Beschäftigung gibt und geben wird, das Lumpenproletariat von morgen und übermorgen.“ Wie bitte?
Broder, der sich als unerschrockener Verkündiger unliebsamer Wahrheiten geriert, füttert mit diesen Worten leider auch genau jene stereotyp denkenden Gemüter, die er mit Sicherheit nicht zu seiner Leserschaft rechnen möchte. Jene, von denen er am wenigsten Verstand erwarten darf – den unvernünftigen Randalierern, Brandstiftern und Menschenhassern von Freital und Heidenau, die Flüchtlinge ausschließlich als Sozialschmarotzer oder die Demokratie unterwandernde Islamisten wahrnehmen.
Es klingt daher fast wie eine vorweggenommene Entschuldigung, wenn Broder zu Beginn des Artikels schreibt: „Es war abzusehen, dass die Bereitschaft, Flüchtlinge willkommen zu heißen, sich umgekehrt proportional zu der Zahl derjenigen entwickeln würde, die darauf hoffen, in Deutschland aufgenommen zu werden.“ Auch wenn Probleme durch die Aufnahme von Flüchtlingen möglicherweise vorhersehbar waren, ist das kein ausreichendes Argument, sich der Hilfe zu verweigern.
„Praktizierte Nächstenliebe hat ihren Preis“, erkennt Broder und hat wohl auch damit Recht, wenn er aufrechnet: Ein minderjähriger Zuwanderer kostet im Jahr 60.000 Euro. „Der Jugendliche bekommt nur ein Taschengeld, von dem er Zigaretten und Prepaid-Karten für sein Mobiltelefon kaufen kann“, schreibt er. Das wird man auch in Heidenau und Freital so wahrnehmen. Dass der Rest des Geldes, wie er schreibt, verteilt wird auf den Ankauf von Wohncontainern und Häusern und den Unterhalt sozialer Netzwerke, die sich um die alleinstehenden Jugendlichen kümmern, wird allerdings dort wenig Gehör finden, wo Menschen mit Eisenstangen und Fackeln vor Flüchtlingsunterkünften auftauchen.
Christen sollten bei der Bewertung der Debatte um Flüchtlinge durchaus Broders gutem Rat folgen und Verstand sowie Vernunft walten lassen, um sich ein differenziertes Urteil zu bilden. Bei der Bewertung kann jedoch auch ein Blick in die Bibel helfen und auf das, was Jesus über die Behandlung Fremder dachte: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen.“
Praktizierte Nächstenliebe ohne Kalkül oder geknüpft an Bedingungen ist ein zutiefst christliches Handlungsmotiv und fragt als solches nur nach dem Leid, das Menschen ertragen. Demzufolge bin ich nicht gänzlich unglücklich darüber, dass mein Urteilvermögen angesichts der Not von Menschen durch das Evangelium von Mitleid eingetrübt ist und Menschen nicht zu Importen kultureller und religiöser Konflikte reduziert. (pro)

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