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Vereinbarkeit von Nächstenliebe und Tarifen

Auch in kirchlichen Einrichtungen kann es zum Streit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern über Gehälter kommen. Der ARD-Film "Arbeiten für Gottes Lohn", den das Erste am Montagabend  ausstrahlte, zeigt, dass viele Beschäftigte von Diakonie und Caritas unzufrieden über die Gehaltszahlungen und den "Dritten Weg" sind, den diese Unternehmen gehen.
Von PRO

Foto: ARD / pro

"Über Gerechtigkeit und Nächstenliebe reden die Kirchen gern und viel. Doch viele ihrer Mitarbeiter vermissen genau diese Tugenden, wenn es um die Bedingungen an ihren Arbeitsplätzen geht", stellt Gita Datta in "Arbeiten für Gottes Lohn" fest. Rund 1,3 Millionen Menschen sind bei den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden Diakonie und Caritas beschäftigt. Damit sind die Kirchen nach dem Öffentlichen Dienst der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland.

Die Dokumentation schildert, wie sich viele Beschäftigte gegen ihren Arbeitgeber Kirche wehren, wie sie sich organisieren und für gerechtere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen engagieren. "Diakonie definiert sich nicht über den Tarif, sondern über den Auftrag der Nächstenliebe, den Gott uns gegeben hat", zitiert der Film Pastor Friedrich Schophaus.

Bethel bei Bielefeld, eines der größten diakonischen Werke in Europa, betreibt 50 Einrichtungen in Deutschland. Der Jahresumsatz beträgt eine Milliarde Euro. Roland Brehm, Mitarbeitervertreter in Bethel, spricht allerdings von einer "Glaubwürdigkeitslücke", wenn Mitarbeiter "Lohnsenkung, Arbeitsverdichtung, Stellenabbau" erlebten. Als Beispiel wird das Evangelische Krankenhaus in Bethel mit 4.000 Mitarbeitern genannt, bei dem mehrere Mitarbeiter über Leiharbeit beschäftigt werden. Deren Gehälter sind geringer als die der Festangestellten. "Bethel gründet aus, um nicht mehr kirchliches Arbeitsrecht anwenden zu müssen", sagt Brehm. "Billigere Personalkosten ermöglichen anderes wirtschaftliches Handeln." Ein Physiotherapeut spricht anonym vor der Kamera über das geringe Gehalt als Leiharbeiter, und dass die Mitarbeiter keine Sicherheit hätten. Er selbst verdiene 1.000 Euro im Monat weniger als seine nach Kirchentarif bezahlten Kollegen. Er erwarte von seinem Arbeitgeber, der Kirche, dass er fairer behandelt wird.

Auch die katholischen Malteser beschäftigen Mitarbeiter von einer Leiharbeitsfirma. Ein ehemaliger Rettungsassistent, der in Leiharbeit beschäftigt war, sagt, er habe dieselbe Arbeit gemacht wie fest Angestellte, habe aber rund 20 Prozent weniger verdient. Die Pressesprecherin der Malteser hält dem entgegen, dass die Malteser nur zwei Prozent ihrer Mitarbeiter in Leiharbeit beschäftigten. "Das ist notwendig geworden, um diesen Maltesern den Arbeitsplatz zu erhalten", sagt sie.

"Aktive Mittagspause" statt Streik

Die Kirchen in Deutschland erhielten in der Weimarer Reichsverfassung Sonderrechte, die sie bis heute behalten haben, klärt der Film auf. Deswegen gilt für alle kirchlichen Einrichtungen der so genannte "Dritte Weg": Er berechtigt die Kirchen dazu, eigene Tarife für ihre Mitarbeiter aufzustellen. Streiks sind nicht erlaubt. Das widerspreche dem Gedanken der christlichen Dienstgemeinschaft.

Der Film zeigt zudem Beispiele dafür, wie sich Mitarbeiter gegen ihre Situation zur Wehr setzen. In einer Diakonischen Einrichtungen in Heide, Schleswig-Holstein, etwa streikten die Mitarbeiter trotzdem gegen zu niedrige Löhne, nannten dies aber "aktive Mittagspause". Der Vorstand des Hauses gab ihnen zu Verstehen, dass aus finanziellen Gründen nicht nach den kirchlichen Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) gezahlt werden könne.

Die Kirchengerichte, die derartige Streits eigentlich schlichten sollen, und von denen es 28 allein bei der Diakonie gibt, hielten ihre Versprechen oft nicht, so der Film. Deren Entscheidungen hätten keine Auswirkungen, und sie hätten keine Vollstreckungsmöglichkeiten.

In der Bremer Einrichtung "Friedehorst" haben sich nach langen Verhandlungen die Mitarbeiter darauf geeinigt, dass viele von ihnen zwei Jahre lang auf zehn Prozent ihres Gehalts verzichten, damit alle Mitarbeiter nach Kirchentarif bezahlt werden können. Der Film zieht als Fazit: "Eine solidarische und irgendwie auch christliche Lösung." (pro)

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