Verbotener Talkshow-Auftritt von US-Demokraten geht online viral

Dieser Versuch, Aufmerksamkeit für einen christlichen Politiker zu verhindern, ging nach hinten los: Der Texaner James Talarico durfte nicht in einer bekannten Talkshow auftreten – daraufhin ging sein Auftritt online viral.
Von Jörn Schumacher
Talarico und Colbert

Der amerikanische Talkmaster Stephen Colbert hatte den demokratischen Abgeordneten James Talarico aus dem US-Bundesstaat Texas als Gast in seine „Late Show“ geladen. Der 36-Jährige Politiker ist nicht nur bekannt für seine Kritik an der Politik von US-Präsident Donald Trump, sondern auch für seinen Glauben. Talarico studierte unter anderem Theologie und predigt selbst regelmäßig in seiner presbyterianischen Gemeinde. Weil das Interview mit ihm jedoch nicht im Fernsehen ausgestrahlt werden durfte, stellte Moderator Colbert den Clip ins Internet. Dort verzeichnete er mehr Klicks als ansonsten zu erwarten gewesen wäre und sorgte so für viel mehr Aufmerksamkeit für den jungen Abgeordneten.

Colbert gab an, von den Anwälten seines Senders CBS angewiesen worden zu sein, Talarico nicht in die Sendung einzuladen. Mehr noch: Er dürfe nicht einmal über diese Absage sprechen. Deswegen schaltete er das Interview mit Talarico online. Dieser kritisierte sogleich eine neue Kultur unter Trump, die unliebsame Meinungen verbieten wolle.

„Trumps Partei wollte eigentlich etwas gegen die ‚Cancel Culture‘ unternehmen“, so Talarico, „aber jetzt versucht sie zu kontrollieren, was wir sehen, lesen und sagen dürfen.“ Diese Art der „Cancel Culture“ sei sogar noch gefährlicher, weil sie „von oben“ komme. Der texanische Politiker erinnerte an das erzwungene Ende der Late-Night-Show „Jimmy Kimmel Live!“ im September 2025. Das Disney-Tochterunternehmen ABC hatte die Sendung wegen Äußerungen Kimmels über die Reaktion der MAGA-Bewegung auf das Attentat auf Charlie Kirk eingestellt. Kritiker sahen in der Entscheidung des Senders eine Beugung vor Trumps politischem Druck und eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. ABC strahlt die Show seit dem 23. September wieder aus.

Auch Gastgeber Stephen Colbert selbst, der sich in seiner Sendung stets kritisch zur Trump-Regierung äußert, wird seine Show verlieren: Im Juli 2025 kündigte der Sender CBS an, die „Late Show“ im Mai 2026 zu beenden. Offiziell wurden dafür finanzielle Gründe genannt, Beobachter vermuten aber, dass der Mutterkonzern von CBS, Paramount, mit der Absetzung die notwendige Zustimmung der Trump-Regierung zu einem Besitzerwechsel erkaufen möchte.

„Jesus sprach nie über Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe“

Erst zwei Wochen zuvor hatte die amerikanische „Federal Communications Commission“ (FCC) eine Untersuchung gegen die ABC-Sendung „The View“ eingeleitet, nachdem Talarico dort zu Gast war. Es sollte geklärt werden, ob die Sendung gegen die Regeln zur Gleichbehandlung politischer Kandidaten bei Interviews verstoßen hat und ob es sich um eine Nachrichten- oder eine Unterhaltungsshow handelt. In der Talkshow „The View“ kommen stets mehrere Gäste mit unterschiedlichem Hintergrund zu Wort. Gastgeberin ist für gewöhnlich die Schauspielerin Whoopi Goldberg. Für Talarico ist klar: „Donald Trump macht sich offenbar Sorgen darüber, dass er Texas verliert.“ In Texas wird traditionell und aktuell mehrheitlich republikanisch gewählt.

Angesprochen auf den religiösen Hintergrund vieler Trump-Wähler sagte Talarico: „Die Bewegung der politischen Rechten hat in den vergangenen 50 Jahren viele Christen davon überzeugen wollen, dass die beiden wichtigsten Themen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe sind. Beide Themen werden aber in der Bibel nie erwähnt, Jesus hat nie darüber gesprochen. Er hat uns laut Matthäus 25 genau gesagt, woran wir beurteilt werden: Ob wir den Hungrigen Essen gegeben haben, ob wir Kranke geheilt und den Fremden willkommen geheißen haben. Da steht nichts über Kirchenbesuche oder, dass wir die Republikaner wählen sollen.“ Der Politiker fasste seine Überzeugung so zusammen: „Sag mir nicht, woran du glaubst, sondern zeig mir, wie du mit Menschen umgehst, dann sage ich dir, woran du glaubst.“

„Es gibt nichts Christliches am christlichen Nationalismus“

Sein Großvater sei Baptistenprediger in Südtexas gewesen, so Talarico. Der habe ihm beigebracht, dass das Christentum „eine einfache – wenn auch nicht leichte – Religion“ sei, die auf zwei Geboten beruht: „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten.“ Das beziehe alle Menschen mit ein, seien es Muslime, Juden, Buddhisten, Agnostiker oder Atheisten.

Er stehe vehement für die Trennung von Kirche und Staat ein. „Wir brauchen jemanden im Senat, der dem christlichen Nationalismus die Wahrheit sagen muss, und die lautet: Es gibt nichts Christliches am christlichen Nationalismus. Er ist die Anbetung von Macht im Namen Christi. Er ist ein Verrat an Jesus von Nazareth.“ Der 15-minütige Clip ging sofort viral und erhielt inzwischen deutlich mehr Zuschauer als eine einzelne TV-Ausstrahlung der Show, die durchschnittlich 2,3 Millionen Zuschauer erreicht. Talarico selbst postete das Interview auf seinem X-Account – es hat dort mehr als 8,3 Millionen Aufrufe. Ausschnitte der Show auf Tiktok, Instagram, Reddit und Facebook erreichen zusätzlich Millionen von Zuschauern.

Moderator Colbert erklärte in seiner regulären Show, wie es zum Verbot des Clips kam. Unter Gelächter sagte Colbert: „Mein Sender will offenbar auf keinen Fall, dass ich über diese Sache spreche. Also spreche ich darüber.“ Der Grund für das Verbannen des Gastes aus dem Programm sei der Gleichbehandlungsgrundsatz der FCC. Demnach muss allen konkurrierenden politischen Kandidaten die gleiche Zeit Redeanteil in Radio oder Fernsehen zugesprochen werden. Die Regel stammt allerdings aus dem Jahr 1927, und längst werden in der veränderten amerikanischen Medienlandschaft zahlreiche Ausnahmen von dieser Regel angewandt. Sie wird etwa nicht beachtet, wenn es sich um eine Dokumentation oder eine Nachrichtensendung handelt. Auch in Talk- und Unterhaltungsshows wird die Regelung größtenteils ausgesetzt. Weiterhin gilt seit langem: Wenn ein Kandidat über mehr Geld als sein Gegner verfügt, kann er dennoch mehr Sendezeit im Fernsehen erhalten, ohne dass seine Werbespots auf die Regel der gleichen Sendezeit angerechnet werden. Auch dieser Clip mit Colberts Ausführungen wurde in kurzer Zeit über 3 Millionen Mal aufgerufen

Medienwissenschaftler sprechen vom „Streisand-Effekt“, wenn auf ungeschickte Art versucht wird, eine unliebsame Information zu unterdrücken und dadurch das genaue Gegenteil erreicht wird, weil so die öffentliche Aufmerksamkeit erst recht auf diese Information gelenkt wird.

James Talarico studierte Theologie am Austin Presbyterian Theological Seminary sowie Politikwissenschaften. Er arbeitete zunächst als Lehrer an einer öffentlichen Schule, bevor er 2018 Mitglied des Repräsentantenhauses von Texas wurde. Im September 2025 gab Talarico seine Kandidatur für die US-Senatswahl 2026 in Texas bekannt.

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