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USA: Mit Bibel und Gewehr im Haus

Auch nach dem Massaker in einer Kirche von Charleston bleibt das Recht auf Waffenbesitz für viele Amerikaner heilig – und christliche Politiker werben damit, von der Waffenlobby unterstützt zu werden. Die Gründe liegen in der Geschichte Amerikas, aber auch in einer kulturell geprägten Bibelauslegung.
Von PRO
Für viele Amerikaner ist das Schießen ein Hobby, Waffen geben ihnen aber auch ein Gefühl der Sicherheit
Für viele Amerikaner ist das Schießen ein Hobby, Waffen geben ihnen aber auch ein Gefühl der Sicherheit
Der Amoklauf von Charleston hat die Amerikaner erschüttert – wie schon so viele Bluttaten zuvor. Neun Afroamerikaner wurden während einer Bibelstunde von einem 21-jährigen Weißen erschossen, das Motiv war offenbar rassistisch. Die üblichen Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Die politische Linke forderte strengere Waffengesetze, Konservative konterten, es hätte weniger Tote gegeben, wären die Kirchenbesucher ihrerseits bewaffnet gewesen, um sich zu verteidigen. Der Pastor einer texanischen Gemeinde, James McAbee, zeigte einem deutschen Fernsehsender stolz die beiden Pistolen, die er in Ablagefächern in seiner Kanzel verstaut hat. „Wenn jemand eines meiner Schafe angreift, werde ich, der Hirte, das stoppen“, erklärt er. Andere Pastoren sollten es ihm gleichtun, wünscht er sich, so könnte die Zahl der Opfer bei Anschlägen wie dem in Charleston minimiert werden. Dass Männer ein Gewehr mitbringen, wenn sie zum Gottesdienst kommen, klingt für europäische Ohren paradox – war aber in mehreren US-Bundesstaaten in den jungen Jahren der Vereinigten Staaten sogar gesetzlich vorgeschrieben. Begründet wurde der Paragraph mit der Gefahr eines Indianerangriffs. Im Jahr 2015 ist es nur noch in einigen Bundesstaaten erlaubt, in der Kirche Waffen zu tragen. Ein großer Teil der evangelikalen Christen in den USA befürwortet legalen Waffenbesitz, viele gläubige Politiker ebenso. Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten für die Wahl 2016 sind allesamt dagegen, das Recht, eine Waffe zu tragen, einzuschränken – vom Baptistenpastor Mike Huckabee bis zum Katholiken Rick Santorum. Die Vize-Gouverneurin von Wisconsin und Anhängerin einer evangelikalen Megachurch, Rebecca Kleefish, zeigte zum Jahreswechsel ein Foto auf Facebook, auf dem ihre siebenjährige Tochter in Tarnkleidung neben einem erschossenen Tier posiert. Und bei den Kongresswahlen im November 2014 sorgte die 18-jährige Saira Blair für Aufsehen, als sie als jüngste Abgeordnete aller Zeiten ins Landesparlament von West Virginia gewählt wurde. Die Christin spricht sich auf ihrer Homepage vehement gegen Abtreibung aus und wirbt gleichzeitig damit, dem Schusswaffenverband NRA anzugehören. „Ich glaube daran, die Unschuldigen zu beschützen und die Schuldigen zu bestrafen“, erklärt sie dazu. „Schusswaffen erlauben es gesetzestreuen Bürgern, sich selbst und ihre Familien zu beschützen.“ Fotos zeigen sie mit einem Gewehr.

Biblisch begründete Selbstverteidigung

Für viele Christen in Europa ist diese Begeisterung für Waffen schwer nachvollziehbar. Das Gewaltmonopol liegt hier ausschließlich beim Staat. Im Nationalcharakter der Amerikaner hingegen ist der Gedanke tief verwurzelt, die eigene Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen, erklärt Uwe Siemon-Netto. Der deutsche Journalist und Theologe lebt seit über 50 Jahren überwiegend in den USA. „Es ist hier ein fest verankertes Recht, sich in der Not selbst verteidigen zu dürfen. Die Gefahr, dass es dazu kommt, wird als real empfunden“, sagt er. Kein Wunder: In den USA gibt es viele dünn besiedelte Gebiete, in denen es bei einem Einburch eine Weile dauern kann, bis der Sheriff am Tatort erscheint. Auch die Gefahr durch wilde Tiere spielt in Teilen des Landes eine Rolle. Der Wunsch, in Sachen Sicherheit nicht allein vom Staat abhängig zu sein, hängt mit dem Staatsverständnis der Amerikaner zusammen, das sich von dem der Europäer unterscheidet. Die Deutschen beispielsweise sind es gewohnt, sich weitgehend darauf zu verlassen, dass ein starker Staat sie vor allen Unannehmlichkeiten, sei es Kriminalität oder der soziale Abstieg, bewahrt. Die Amerikaner wollen ihr Schicksal selbst anpacken. Daher rührt auch die weitreichende Skepsis gegenüber einem sozialen Netz wie in Deutschland. Das Recht, das Bürger Waffen besitzen dürfen, wird vom zweiten Zusatzartikel der US-Verfassung garantiert. Siemon-Netto hat selbst Christen in seinem Bekanntenkreis, die Waffen im Haus haben: „Das sind sehr fromme Leute, aber sie haben schwere Waffen, mit denen sie ihr Haus über Monate verteidigen könnten“, sagt er. Christen beriefen sich dabei oft auf Texte von Luther, nach denen man seine Familie verteidigen müsse, erklärt der Theologe und betont, dass dies nicht sein eigener Standpunkt sei. Gleichwohl räumt er mit Vorurteilen auf: „Die Amerikaner gehen im Normalfall sehr sorgfältig mit ihren Waffen um“, ist seine Erfahrung. Er weist zudem darauf hin, dass die meisten Gewaltverbrechen mit nicht zugelassenen Waffen begangen werden. Auch in Bundesstaaten mit einem liberalen Waffenrecht gibt es seitenlange Verordnungen darüber, unter welchen Voraussetzungen der Kauf abgewickelt werden darf, die Maßnahmen reichen von einer Hintergrundprüfung des Käufers bis zu einer mehrtägigen Wartezeit. Dass gewisse Einschränkungen des Rechts auf Waffenbesitz notwendig sind, stellt auch der Nationale Schusswaffenverband NRA nicht in Frage, beispielsweise sollten vorbestrafte Gewaltverbrecher keine Schusswaffen erwerben können. Christliche Waffenbesitzer tauschen sich auf eigenen Internetseiten wie „Christian Gun Owner“ oder „Biblical Self Defense“ aus. Dort finden sich Essays und Aufsätze, die deren Überzeugungen mit verschiedenen Bibelstellen untermauern. Oft wird dabei mit der Festnahme Jesu im Garten Gethsemane argumentiert, bei der Petrus dem Knecht des Hohenpriesters mit einem Schwert ein Ohr abschlug. Hätte Petrus als Jünger im engsten Kreise Jesu ein Schwert bei sich getragen, wenn Jesus etwas dagegen gehabt hätte? „Da sprach Jesus zu Petrus: Stecke dein Schwert in die Scheide“, heißt es in Johannes, Kapitel 18. „Jesus forderte also nicht von Petrus, dauerhaft auf seine Waffe zu verzichten“, schreibt der Vorsitzende des Vereins „Amerikanische Waffenbesitzer“, Larry Pratt, in einem Aufsatz. Der Pastor und Autor Shane Idleman erörtert auf CharismaNews eine Aussage aus dem Lukasevangelium, Kapitel 22, Vers 36. Jesus sagt hier zu seinen Jüngern: „Nehmt euer Geld und eure Tasche. Und wenn ihr kein Schwert habt, verkauft eure Kleidung, um eines zu kaufen.“ Der Theologe interpretiert, dass es Jesus hier darum ging, dass sich die Jünger selbst verteidigen können, wenn sie in Lebensgefahr geraten – andere Theologen kommen aber zu dem Schluss, dass hier keine gewaltsame Verteidigung mit der Waffe gemeint ist.

Pflicht zum Waffenbesitz kann Verbrechensrate senken

Und wie passt der Gebrauch des Schwertes mit dem Gebot der Feindesliebe zusammen und der Aufforderung, für seine Feinde und Verfolger zu beten? „Diese Aufforderungen“, erklärt Idleman, „beziehen sich auf persönliche Angriffe, Beleidigungen oder Rufmord.“ Es brauche einen ziemlichen Gedankensprung, um zu glauben, dass Jesus an diesen Stellen meinte: „Tue denen Gutes, die dich und deine Familie verstümmeln oder vernichten wollen“. Idleman erklärt, kein Freund von Gewalt zu sein, plädiert jedoch dafür, die Bibel in ihrer Gesamtaussage zu lesen. „Sind wir dazu aufgerufen, unsere Familie geistlich, emotional und finanziell zu schützen, aber nicht physisch?“, fragt er. Europäer kritisieren gern die Verbreitung und Akzeptanz von 270 bis 310 Millionen Schusswaffen in den Vereinigten Staaten. Kulturelle Unterschiede gibt es aber in beide Richtungen, analysiert Uwe Siemon-Netto: „Dass es in Deutschland teilweise kein Tempolimit auf Autobahnen gibt, ist für viele Amerikaner unvorstellbar“, sagt er und ergänzt: „In Deutschland fahren mehr Menschen gefährlich schnell, als in Amerika zur Waffe greifen.“ Beides seien Marotten, die er persönlich ablehne. Während Waffen in den USA immer weiter verbreitet sind, sinkt allerdings die Gefahr, mit einer Schusswaffe ermordet zu werden, stellt US-Korrespondent Ansgar Graw in der Tageszeitung Die Welt fest. „Nimmt man alle Mord- und Fremdtötungsarten zusammen, hat sich in den vergangenen 20 Jahren die Gefahr sogar nahezu halbiert“, erklärt der Journalist und zitiert einen Untersuchungsbericht des US-Kongresses. Demnach kam es 1993 unter je 100.000 Einwohnern zu 6,6 Morden mit Schusswaffen (17.073 Opfer). Bis zum Jahr 2000 ging die Quote auf 3,6 zurück (10.203 Opfer). 2011 lag sie bei 3,2 Prozent (9.903 Opfer) Zwar steige die absolute Zahl derer, die durch Schusswaffen sterben, allerdings im Einklang mit dem Bevölkerungswachstum. So gab es 1999 pro 100.000 Einwohner 10,35 Schusswaffentote, 2013 waren es 10,64. Allerdings sind dabei auch Unfälle, Polizeieinsätze und Selbstmorde mitgerechnet. 2009 begingen von 31.347 Schusswaffentoten mehr als die Hälfte Suizid. Etwas mehr als jeder Dritte wurde ermordet. Darüber, ob ein rigideres Waffenrecht die Zahl der Opfer senken könnte, tobt ein Streit, bei dem beide Seiten mit Statistiken arbeiten. Wer das Recht auf Waffenbesitz beschneiden will, weist darauf hin, dass es in Bundesstaaten mit strengeren Regeln auch durchschnittlich weniger Tote gibt. Befürworter eines liberalen Waffenrechts argumentieren, in Städten wie Chicago oder Washingtion D.C. habe ein striktes Verbot von Schusswaffen keineswegs zu weniger, sondern zu mehr Verbrechen geführt. In der Stadt Kennesaw in Georgia wurde 1982 ein Gesetz verabschiedet, wonach es in jedem Haushalt mindestens eine Feuerwaffe samt Munition geben muss. Die Zahl der Einbrüche ging in den folgenden Jahren um 89 Prozent zurück, deutlich stärker als im Rest des Staates (10,4 Prozent). Die Zahl von Gewaltverbrechen war in der Stadt 25 Jahre nach Einführung des Gesetzes 85 Prozent geringer als im übrigen Georgia. Der Täter von Charleston war wegen Drogenbesitzes angeklagt und hätte die Tatwaffe eigentlich nicht kaufen dürfen, erklärten die Ermittler nach dem Attentat. Offenbar hatte es einen Fehler bei der Hintergrundüberprüfung des Mannes gegeben. Es stimmt: Verbrecher können sowieso meist recht einfach an illegale Waffen kommen. Aber in diesem Fall wurde offenbar ein Fehler gemacht, der neun Menschen das Leben kostete. (pro)

Diesen Text und einen Kommentar zum Thema lesen Sie in der aktuellen Ausgabe 4/2015 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Telefon 06441 915 151 oder online hier.

https://www.pro-medienmagazin.de/kommentar/detailansicht/aktuell/gnade-ergeht-vor-recht-92485/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/nach-massaker-in-kirche-glaeubige-feiern-wieder-gottesdienst-92462/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/charleston-massaker-hinterbliebene-vergeben-dem-todesschuetzen-92455/
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