Die Tagebücher der Anne Frank haben viele Menschen beeindruckt. Ein junges Mädchen wird in den Niederlanden versteckt gehalten und die Gastgeber riskieren dafür ihr Leben. Ein Buch, das diese Erlebnisse aus Gastgeber-Sicht beschreibt, ist die neue Roman-Biografie „Das Haus der Zuflucht“ über die Widerstandskämpferin Corrie ten Boom.
Die niederländische Familie ten Boom beschäftigt sich schon früh und intensiv mit dem Judentum und dessen Geschichte. Ihr eigener christlicher Glaube macht sie zu entschiedenen Gegnern des nationalsozialistischen Regimes. Denn mit dem Einmarsch der Deutschen ändert sich die gesamte Situation massiv.
Die ten Booms erahnten bald die Bedrohung für ihre jüdischen Freunde und schufen in ihren eigenen vier Wänden Platz für sie. Hinter einer falschen Wand eines Zimmers wurde ein winziger, geheimer Raum eingerichtet. Die Uhrmacher-Familie organisierte nicht nur Lebensmittel, sondern auch Papiere für ihre Gäste.
Nur knapp dem Zugriff der Nazis entgangen
Die Darstellungen von Larris Loftis lassen einen erschaudern, wenn man bedenkt, in wie vielen schwierigen Situationen die Familie nur knapp dem Zugriff der Nazis entgangen ist. Dass es ein Spiel mit dem Feuer war, zeigte sich auch daran, wie die Nazi-Schergen mit denen umgegangen sind, die Widerstand geleistet haben.
Obwohl keiner wusste, wem er vertrauen konnte und ob die tickende Zeitbombe bald explodierte, bewiesen die ten Booms Rückgrat. Und zwar ein solches, das man sich nicht nur für sich selbst, sondern auch für eine Gesellschaft wünscht, in der die Würde einzelner Menschen immer mehr infrage gestellt wird.
Corrie ten Boom bekommt von ihrer Familie vorgelebt, was es heißt, auf Gottes Unterstützung zu bauen und mutig zu dem zu stehen, was man für richtig hält. Dieser innere Frieden und diese Gelassenheit machen die ten Booms zu Gastgebern, deren Wärme und Freundlichkeit man durch die Schilderungen des Autors förmlich aufsaugen kann.
Freude auf ewiges Leben durch den Glauben
Irgendwann wird die Familie enttarnt. Die untergetauchten Juden überleben zwar und werden später gerettet, aber Corrie, ihre Schwester Betsie und ihr Vater werden verhaftet. Während der Vater nur wenige Tage später im Gefängnis stirbt, verblüffen die beiden Schwestern in vielen weiteren Begegnungen, die der Autor beschreibt, ihre Weggefährten.
In dem Wissen, dass ihnen Gott kein leichtes Leben versprochen hat, sondern dass sie sich auf ewiges Leben durch die Beziehung zu Gott freuen dürfen, agieren sie befreit. Diese innere Stärke flammt in dem Buch immer wieder auf und hilft ihnen auch in den Zumutungen, die sie später im Konzentrationslager Ravensbrück erleben. Trotz Hunger, Kälte und unmenschlicher Behandlung halten die beiden Schwestern an ihrem Glauben fest.
Selbst als Betsie weiß, dass sie kurz vor Weihnachten 1944 sterben muss, sagt sie einen Satz, der für sich steht: „Es gibt keinen so tiefen Abgrund, dass Gottes Liebe nicht noch tiefer reicht.“ Und auch über Corrie ist das Todesurteil eigentlich schon gesprochen. Doch kurz bevor sie sterben soll, wird sie durch einen bürokratischen Fehler freigelassen. Nur wenige Tage bevor alle Frauen ihres Alters im Lager ermordet werden.
Vergebung und Heilung werden Lebensthema
Bereits sechs Monate nach der Entlassung aus dem Konzentrationslager Ravensbrück beschloss sie, all ihren Feinden zu vergeben. Heilung und Vergebung wurden zu ihrem großen Lebensthema, mit dem sie von Gemeinde zu Gemeinde zog und wichtige gesellschaftliche Akzente setzte. Dass Vergebung nicht nur ein Lippenbekenntnis blieb, zeigte sich auch darin, dass sie einem ehemaligen Wachmann persönlich vergibt und nach einem ihrer Vorträge die Hand reicht.
Mithilfe von Spenden baut sie ein Haus, in dem ehemalige Gefangene sich erholen und gesund werden können. Ten Boom berichtet von ihren Erlebnissen, schreibt Bücher und findet ihren inneren Frieden. Bei der Lektüre wird einem noch einmal deutlich, dass es nie wieder so weit kommen darf, dass eine Gesellschaft von Menschen erster und zweiter Klasse spricht, so wie es radikale Parteien am Rand unseres Parteienspektrums tun.
Völlig zu Recht wurde die Protagonistin für ihren selbstlosen Einsatz ausgezeichnet. Auch über 40 Jahre nach ihrem Tod 1983 ist sie ein wertvolles Beispiel für Rückgrat und Widerstand. Dazu leistet auch dieses Buch einen wertvollen Beitrag. Corrie ten Boom ist eine unerschütterliche Zeugin ihres Glaubens – und kann damit zum Vorbild für viele werden. Einen besseren Geschichts- und vielleicht sogar Ethik- beziehungsweise Religionsunterricht als dieses lesenswerte Buch kann es kaum geben.
Larry Loftis, Das Haus der Zuflucht, Eine Romanbiografie über Corrie ten Boom, SCM Hänssler, 25 Euro, 284 Seiten, ISBN 9783775163569.