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„Umwidmung soll frühere osmanische Niederlagen vergessen lassen“

Simon Jacob vom Zentralrat der Orientalischen Christen in Deutschland sieht in der Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee eine medienwirksame Polarisierung durch die türkische Regierung. Christen in der Region solle damit gezeigt werden, dass der Islam wieder über die „Ungläubigen“ herrsche.
Von Norbert Schäfer
Die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee hat Signalwirkung für die christlichen Minderheiten in der Region
Die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee hat Signalwirkung für die christlichen Minderheiten in der Region

Die geplante Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee ist in den Augen von Simon Jacob, dem Redaktionsleiter und ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland, ein „politisches Manöver“, das den orientalischen Christen zeigen solle, „dass der ‚Politische Islam‘, wie zu Zeiten des Osmanischen Reiches, mit einem starken Führer an der Spitze wieder über die ‚Ungläubigen‘ herrscht“. Das sagte Jacob auf Anfrage von pro. Das Vorhaben Erdogans solle auf die Eroberung Konstantinopels 1453 verweisen, für die Stärke des Osmanischen Reiches herhalten und medienwirksam verkündet werden. Das zeuge von einem Selbstbewusstsein „neoosmanischer Prägung, welches wirtschaftlich und auch technologisch dem Westen hinterherhinkend, frühere Niederlagen vergessen lassen soll“.

„Das Gefährliche dabei ist, dass solch eine Strategie reinen Symbolcharakter hat und gegen ‚augenscheinliche‘ Feinde gerichtet ist, die angeblich dem Land als ‚äußerer Feind‘ schaden wollen“, erklärte Jacob. All jene, die sich im nationalistischen Kontext nicht als „Türken“ reinen Blutes verstünden, müssten nach seiner Einschätzung nun damit rechnen, beschuldigt zu werden, mit dem Feind unter einer Decke zu stecken. Das betreffe Christen, Medienschaffende, Oppositionelle und Atheisten im gleichen Maße ebenso wie einfache Bürger, die nicht dieser Meinung folgten.

Christen nicht erwünscht

Im Zuge der Umwidmung würde bei vielen orientalischen Christen die Erinnerungen geweckt, nicht erwünscht zu sein. „Zumindest nicht als christliche Bürger in einer muslimisch dominierten Region, in der die konfessionelle Zugehörigkeit als Teil der nationalen Identität verstanden wird und wo eine durch Hardliner zunehmend nationalistisch und auch faschistisch geprägte Politik die Vielfalt der Region konterkariert“, erklärte Jacob. Die Religion stelle ein „identitätsstiftendes Merkmal“ dar, insbesondere auch für nichtmuslimische Minderheiten. In der Türkei lebende Aramäer, Assyrer, Armenier und Bulgaren, die den christlichen Konfessionen angehörten, betrachteten den christlichen Glauben als nationalstiftendes Merkmal.

Die Christenheit im gesamten nahöstlichen Raum identifiziere sich nach Einschätzung von Jacob mit der Hagia Sophia. Aus der ethnischen Identifikation durch die christliche Religion folge eine „immense Solidarisierung mit der byzantinischen Kirche“. Dessen sei sich die türkische Regierung bewusst. Die Umwidmung der ehemaligen Kirche, die seit den Dreißigerjahren ein Museum ist, ziele auf die „Einteilung der Welt in eine politisch–konfessionelle Bipolarität“ und habe zum Ziel, „ein Feindbild“ zu schaffen, um von „prekären Problemen“ im Land, insbesondere den wirtschaftlichen, abzulenken.

Jacob, der 1980 als Kleinkind mit seiner Familie als Flüchtling aus Anatolien nach Deutschland kam, rechnet wegen der Verunsicherung der Nichtmuslime mit „einem verstärkten Exodus“ in den Westen. Er befürchtet, dass religiös gefärbtes „nationalfaschistisches Gedankengut“ auch auf deutsch–türkische Gemeinden an Einfluss gewinnt. Er ist jedoch ebenfalls davon überzeugt, „dass praktizierende Gläubige, ob nun Muslime oder Christen, weiterhin, ja vielleicht sogar noch intensiver, an einem interreligiösen Dialog festhalten“ werden. Durch Globalisierung und Digitalisierung sei eine junge Generation entstanden, die die Religion als Politikum und deren Missbrauch von sich weise.

Diebstahl und Zerstörung der Geschichte

Der armenische Historiker Aschot Hayruni, der an der Staatlichen Universität Eriwan vor allem zum Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich forscht, bezeichnete die Umwidmung der Hagia Sophia gegenüber pro als „eine Schande für die Zivilisation und das Christentum, so wie dies früher der Fall gewesen ist, als im 20. Jahrhundert über 2.300 armenische Kirchen in der Türkei zum Teil zerstört und zum anderen Teil zu Moscheen gemacht wurden“. Er wies darauf hin, dass die „Aneignung“ eines Bauwerks ein „zweifaches Verbrechen“ sei: Während es bei seiner Zerstörung allein um eine Vernichtung gehe, handele es sich bei der Aneignung sowohl um eine Zerstörung der Geschichte als auch um einen Diebstahl. „Gerade dies ist auch beim Vorgehen Erdogans und seiner Regierung bezüglich der Hagia Sophia der Fall.“

Dass die Hagia Sophia wieder zur Moschee wird, überrasche ihn nicht, sagte Hayruni. „Die türkische Republik unterscheidet sich politisch und kulturell kaum vom Osmanischen Reich“, machte er deutlich. Die aktuellen Entwicklungen seien zudem eine „logische Folge der Realpolitik der europäischen Großmächte“ und „christlichen Regierungen“, die sowohl den Völkermord an den Armeniern 1915/16 wie auch das spätere Vorgehen der türkischen Regierungen gegen Christen in der Türkei geduldet hätten, um eigene politische Ziele zu verfolgen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat vorige Woche angekündigt, die Hagia Sophia in Istanbul in eine Moschee umzuwandeln. Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei hatte dazu am vergangenen Freitag mit einem Urteil den Weg bereitet, in dem es ihren Status als Museum annullierte. Erbaut wurde die Hagia Sophia im 6. Jahrhundert. Nachdem die Osmanen 1453 Byzanz eroberten, wurde sie zu einer Moschee. Unter Kemal Atatürk, dem ersten Präsidenten der türkischen Republik, wurde sie 1935 zu einem Museum.

Von: Norbert Schäfer und Jonathan Steinert

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