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Umstritten: Lebensveränderung durch Dokusoap

Wieder einmal dienen junge Menschen, die verhaltensauffällig sind und ihr Leben nicht in den Griff bekommen, der Abendunterhaltung. Durch die Doku-Soap "Die Mädchen-Gang" sollen sechs gewalttätige junge Frauen ihr Leben in den Griff bekommen und lernen, sich sozial zu verhalten. Und wieder einmal präsentiert ein Sender ein umstrittenes Konzept.
Von PRO

Foto: RTL2

Laura, Jessica, Vanessa, Kiki, Jeanette und Carina haben alle eines gemeinsam: sie sind zwischen 16 und 20 Jahre alt und sie sind gewalttätig. "Ihre Strafregister sind lang und sie verbringen mehr Zeit auf der Polizeiwache als in der Schule. Wenn diese Mädchen sich nicht ändern, führt ihr Leben ins Abseits, Endstation Knast", schreibt der Privatsender RTL2 zur Serie. Letzte Chance zur Lebensänderung sei die "Mädchen-Gang".

Die scheinbar therapeutische Aktion funktioniert so: Drei Wochen lang leben die sechs Mädchen, die sich vorher nicht kannten, in einem abgeschiedenen Haus auf dem Land, weit entfernt von ihrem Umfeld. Dort sollen sie lernen, ein geregeltes Leben zu führen und vor allem, mit ihren Aggressionen umzugehen. Die Psychologin Susann Szyszka und der Anti-Gewalt-Trainer Ralf Seeger sowie weitere Experten sollen die jungen Frauen in dieser Zeit betreuen.

In der ersten Folge der Serie präsentieren die Mädchen sich aggressiv und lassen keine Gelegenheit aus, zu provozieren und lauthals zu maulen. Viele sind bei Polizei und Jugendgericht bekannt, haben mehrere Vorstrafen. Vor der Kamera erzählen die Mädchen von ihrem Alltag, wie sie andere verprügeln, ihnen "das Gesicht zu Brei schlagen", sich mit Sprüchen wie "Ich könnte ihr stundenlang die Fresse polieren" brüsten. Und ganz freimütig zeigen sie – nur für den Fall, dass der Zuschauer es noch nicht gemerkt hat -, dass sie mit Aggressionen nicht umgehen können.

Veit Schiemann, Pressesprecher des Weißen Rings, kritisiert das Format: "RTL2 will zeigen, dass Gewalt keine Lösung ist – mit dieser Serie bewirken die Macher das Gegenteil. Aber das ist vermutlich gewollt – letztendlich geht es doch nur um Quote und um Gewinn." Der "Weiße Ring" kümmert sich um Opfer von Straftaten. Die Aktion "Zeichen setzen gegen Gewalt" wendet sich hauptsächlich an junge Menschen und fordert diese dazu auf, sich zu engagieren und soziales Verhalten zu fördern.

Das möchte RTL2 zwar auch, aber zuvor werden Aggressionen und Schlägereien noch einmal in aller Deutlichkeit hervorgehoben. Mit kurzen Videofilmen stellt der Privatsender die Vorgeschichte der einzelnen Mädchen vor. Die Videoszenen zeigen Prügeleien, Angriffe auf andere Jugendliche, Schläge, Tritte und Sachbeschädigungen.

Schiemann kritisiert, dass der Privatsender Videospots einblendet, in denen Prügelszenen und Gewaltanwendung gegenüber Passanten gezeigt werden. Ein Videospot zeigt beispielsweise, wie die 19-jährige Carina am Hauptbahnhof gemeinsam mit ihren Freunden eine Prügelei anzettelt. Das Video ist mit der Einblendung "Carinacam" gekennzeichnet und wirkt wie eine Aufnahme mit dem Handy. Carina selbst ist in der Szene nicht zu sehen, nur ihre Freunde, die einen Mann schubsen und ihn auf den Kopf schlagen.

Die Kamera sieht alles

Sollte ein Sender, dessen Zielgruppe vor allem junge Zuschauer sind, solche Videos, die noch dazu wirken wie selbstgedreht, im Fernsehprogramm präsentieren? "Auf keinen Fall", sagt Veit Schiemann. "Jemand, der selbst einmal Opfer von Gewalt war, wird diese Szenen nicht anschauen können. Er wird wegzappen." Dem Verdacht, RTL2 würde ein Handyvideo der Mädchen benutzen, widersprach RTL2-Sprecher Carlos Zamorano allerdings. Gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) erklärte er, die Aufnahmen am Hauptbahnhof seien von der Castingfirma gedreht worden.

Das Strickmuster der Show lautet eben: die Kamera ist immer dabei. Sie zeigt, wie die Mädchen sich im Supermarkt angiften, wie sie morgens im Bett rauchen und wie sie spätabends in der Wohngruppe zu viert versuchen, Carina zu provozieren. Diese verkriecht sich in ihr Bett. Die Betreuer reagieren erst am nächsten Tag auf den Vorfall. Als Jugendpsychologin Susann Szyszka mit der Gruppe den Vorfall bespricht, sagt sie, Carina hätte Stärke zeigen müssen. "Dies sagt den Zuschauern, dass eben doch der Stärkere siegt", so Schiemann. "Damit wird das Recht des Stärkeren zementiert." Auf andere Täter wirke dies bestätigend, befürchtet Schiemann. Er sorgt sich auch um die Nachsorge nach den Dreharbeiten. Gerade im Alltag müssen die Mädchen gestützt und betreut werden. "In einer geschützten Wohngruppe mögen Veränderungen in drei Wochen ja eventuell noch funktionieren, aber im Alltag ist es viel schwieriger, nicht in die alten Muster zu verfallen."

Dazu sagte RTL2-Unterhaltungschefin Julia Nicolas gegenüber der "Welt": "Nach den Dreharbeiten (…) gab es bei vieren von ihnen eine große Verbesserung, sie gehen wieder zur Schule, haben wieder ein geregelteres Leben. Ohne das Projekt wären die mit Sicherheit wieder in ihr altes Leben zurückgekehrt – und das heißt in letzter Konsequenz ins Gefängnis."

Am Ende wird alles gut?

Das hört sich nach Happy End an und nach guten Taten. Funktioniert aber praktisch nicht. Und vor der Kamera schon gar nicht. Das meint auch der Medienwissenschaftler Alexander Kissler. Er ist Autor des Buches "Dummgeglotzt – Wie das Fernsehen uns verblödet" und analysiert unter anderem Reality-TV-Formate. Fernsehen als Therapie sei kein Ausweg, sondern ein Irrweg, sagte Kissler gegenüber "Welt Online". "Das Fernsehen spielt sich als Gouvernante der Nation auf. Aber das klappt nicht. Wichtige Themen wie Erziehung und Bildung werden durch solche Sendungen auf Radau und Krawall reduziert", so der Medienwissenschaftler.

Seiner Ansicht nach zeige das Fernsehen "stets nur kurze Ausschnitte, meist lautstarke, vor Aggressivität strotzende Ausbrüche und Konfrontationen". Die Arbeit der Experten, die viel im Stillen, in ruhigen Gesprächen und sachlichen Analysen liege, werde auf diese Art nicht gewürdigt.

All diese Kritik aber tut dem Erfolg der Serie – noch – keinen Abbruch. Zumindest in der ersten Folge der "Mädchen-Gang" am 22. Februar schalteten 1,41 Millionen Zuschauer ein. Damit erreichte "Mädchen-Gang" mehr Zuschauer als die altbekannte Doku-Soap "Big Brother", die vor genau zehn Jahren erstmals ausgestrahlt wurde. (PRO)

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